Masse und Klasse

+
Imposante Luxustourer aus Bayern: Die Sieben-Zentner-BMW über den Asphalt zu bewegen, kostet einiges an Kraft.

Es sind imposante Zahlen: 3298 ccm Hubraum, zwölf Zylinder, 320 PS, 667 Kilogramm Gewicht – das ist die Summe aus der BMW K 1600 GT und ihrem Schwestermodell GTL, den neuen Tourenkönigen aus bayerischer Produktion.

Weil solche mathematischen Spielereien natürlich an jedem Stammtisch für viel Gesprächsstoff sorgen, aber noch nichts über Spaß und Alltagstauglichkeit aussagen, wollten wir wissen, ob man diese Masse überhaupt mit Genuss fahren kann.

Das Gewicht von 319 Kilogramm und 348 Kilogramm hat unseren Tester Volker Pfau nicht geschreckt

Die erste Begegnung ist dann doch nicht ganz so beeindruckend wie befürchtet, obwohl einem all die vielen Zahlen im Kopf herumschwirren. Nur nicht kippen – das wäre der Super-GAU. Wer stemmt schon sieben Zentner wieder in die Vertikale? Es ist gut gegangen und wir haben beide Testexemplare heil wieder bei BMW abgeliefert. Aber es floss bisweilen viel Schweiß, beim Rangieren (die Luxus-Tourer haben sechs Vorwärts-, aber keinen Rückwärtsgang) und beim Aufbocken. Da ist vorausschauendes Parken angesagt.

Wer die GT und noch mehr die GTL auf dem Kopfsteinpflaster der Münchner Fußgängerzone unter den kritischen Blicken von zig Passanten problemlos auf den Hauptständer bekommt, darf sich allgemeiner Bewunderung sicher sein.

Klasse im Cockpit: Ein Studium vor dem Ritt ist sinnvoll

Das Gewicht von 319 Kilogramm (GT) bzw. 348 Kilogramm (GTL) macht sich jedoch nur im Schiebebetrieb beim Rangieren bemerkbar. Rollt die Fuhre erst einmal, sind die beiden BMW einfach nur große Tourenmotorräder, die sogar erstaunlich einfach zu handhaben sind. Und erstaunlich gut abgehen. Die Sechszylinder haben mit den Wuchtbrummen keinerlei Probleme und befördern sie mit erfreulich gutem Sound in Windeseile – falls gewünscht – auf ein flottes Tempo. Bei der GTL ist bei gut 200 km/h Schluss, die GT stellt dagegen erst bei 250 m/h die Beschleunigung ein. Und dank der aggressiv wirkenden Verkleidung genießt man ein nachdrückliches Überholprestige. Aber gemacht und gedacht sind die beiden BMW natürlich für gemächlicheres Tempo und die ruhige Gangart.

Da hat man dann mehr Muse, die vielen technischen Features auszuprobieren und zu genießen. Dazu gehören unter anderem die elektrisch verstellbare Scheibe, der Tempomat, der Bordcomputer, Sitz- und Griffheizung (alles serienmäßig), das Audiosystem (Serie bei der GTL, 1100 Euro bei der GT) oder das Navi (ab 1075 Euro). Vorab studiert man sinnvollerweise die insgesamt 276 Seiten Bedienungsanleitung, sonst entgeht einem das eine oder andere Schmankerl oder man ist während der Fahrt abgelenkt. Auch mit der Funktionsweise der drei Fahrmodi Rain, Road und Dynamic (serienmäßig) sollte man sich vorab vertraut machen, um auf die Leistungsspanne zwischen dezenter und richtig giftiger Gasannahme vorbereitet zu sein.

Die Klasse beeindruckt auch bei dieser Masse.

Im alltäglichen Fahrbetrieb entpuppt sich die etwas leichtere und weniger üppig daherkommende GT als recht fix und überhaupt nicht betulich. Man kann es fast schon sportlich nennen, wie man mit ihr auch auf kleineren Straßen unterwegs ist, wenn man den Dynamic-Modus wählt und die elektronische Fahrwerkseinstellung auf „Sport“ stellt. Da ist ein echtes Pfund unterwegs. Dagegen wehrt sich die ausladende GTL fast schon gegen jeglichen Ansatz von Raserei. Nähert sich nämlich die Geschwindigkeit der 200-km/h-Marke, kommt eine leichte Unruhe ins Fahrwerk und man ist nicht mehr entspannt unterwegs, die angegebene Höchstgeschwindigkeit von 220 km/h muss man einfach glauben. Abseits der Autobahn ist der Sieben-Zentner-Koloss dagegen erstaunlich agil und handlich unterwegs. Es ist ein bemerkenswertes Erlebnis, mit der GTL locker und lässig durch Kurven zu schwingen und die Dynamik des Luxustourers auszukosten. Einziger ernsthafter Kritikpunkt sind die Lastwechselreaktionen bei langsamer Fahrt und das damit einhergehende laute Klacken im Antriebsstrang.

Die Bremsanlage (ABS ist Serie) hat keinerlei Probleme, die beiden Kolosse sicher zu verzögern, auch wenn mal viel Vorwärts-Energie vernichtet werden muss. Nachtfahrten verlieren viel von ihrem Schrecken, wenn man das 850 Euro teure Safety-Paket mitgeordert hat, das neben Traktions- und Reifendruckkontrolle auch ein adaptives Kurvenlicht enthält. Diese Novität für Motorräder erleichtert in Kombination mit dem serienmäßigen Xenonscheinwerfer Fahrten in der Dunkelheit und vergrößern das Sicherheitsgefühl.

Die Masse mit Klasse zu bewegen, hat letztlich einen stattlichen Preis: Knapp sieben Liter ermittelten wir als Durchschnittsverbrauch auf 100 Kilometer. Die Größe der beiden Bikes zeigt sich dann auch beim Tanken: Bei einer Füllung können bis zu 24 beziehungsweise 26,5 Liter Sprit durch die 109 Zentimeter über dem Boden befindliche Öffnung gebunkert werden. Da muss sich mancher strecken, was auch für den Preis gilt: 19.900 Euro kostet die K 1600 GT, während für die GTL 21.850 Euro fällig werden – plus optionaler Sonderausstattung von je gut 2.000 Euro. Die Klasse beeindruckt auch bei dieser Masse.

Volker Pfau

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare