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„Zwischen zwei Stürmen“: Eine Shakespeare-„Überschreibung“ in Dortmund

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Von: Ralf Stiftel

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Szene aus „Zwischen zwei Stürmen“ in Dortmund mit Marlena Keil und Sarah Yawa Quarshie (im Video).
Szene aus „Zwischen zwei Stürmen“ in Dortmund mit Marlena Keil und Sarah Yawa Quarshie (im Video). © Birgit Hupfeld

Dortmund – Der Sturm ist an diesem Abend ein ästhetisches Vergnügen. Ozeanwellen schwappen über die Gaze, Projektionen von Unwetter, die selbst an der Schwelle zum Winter nicht frösteln machen. Und der Sturm steht nicht nur dem Zauberer Prospero zur Verfügung, der Hauptfigur in Shakespeares spätem Drama „Der Sturm“. Diese Waffe können auch die einsetzen, die von dem alten weißen Mann, dem zu Unrecht entmachteten und ins Exil getriebenen Fürsten, unterdrückt wurden. Die Kolonialvölker, hier vertreten durch Caliban. Der Wilde, seine Mutter, die Hexe Sycorax, und Prosperos eigensinnige Tochter Miranda brechen die böse Magie durch ihr eigenes Unwetter.

der Titel der Inszenierung am Schauspiel Dortmund, bezeichnet also den Wendepunkt, den Aufstand gegen die Unrechtsherrschaft. Poutiaire Lionel Somé führt Regie in der Dekonstruktion von Shakespeares Drama. Er greift auch auf eine frühe Umdeutung zurück, für die Aimé Césaire 1969 das Geschehen in die Karibik verlegte. Vom reichen Personal des Dramatikers bleibt an diesem Abend nur die Kernfamilie übrig: Prospero, seine Tochter Miranda und seine Sklaven Ariel und Caliban. Hinzu tritt die Hexe Sycorax, die im Ursprungstext nicht vorkommt. Auf der Bühne stehen nur Frauen, was in einigen Szenen kaum auffällt, in anderen eine angenehme Irritation erzeugt.

Für sein auf etwas mehr als eine Stunde eingedampftes Dramen-Konzentrat findet Somé überwältigende Bilder. Gleich am Anfang schwebt der Luftgeist Ariel (Valentina Schüler) durch eine Videoprojektion auf transparentem Stoff. Die Gestalt im flauschigen Kostüm erscheint als Überblendung, man sieht dahinter den pompös gestikulierenden Zauberer Prospero (Marlena Keil). Man sieht Großaufnahmen von Sarah Yawa Quarshie (Caliban) und von Bernice Lysania Ekoula Akouala (Sycorax), die in prächtigen Gewändern wie die afrikanischen Gottheiten erscheinen, die sie ja verkörpern sollen. Das schräge Rondell, auf dem der Magier seine fragwürdigen Machtspiele betreibt, wird nach dem Umbau zu einem kosmischen Flugkörper, unter dem die Verhältnisse in eine neue Ordnung kommen (Bühne: Marion Schindler, Video: Somé). Diese opulente Visualisierung gehört zu den Stärken des Abends.

Leider weiß man schon allzufrüh, worauf die Inszenierung hinausläuft. Gut und böse sind klar zugeordnet. Ebenso klar ist, welche Seite zum Scheitern verurteilt ist. Marlena Keil interpretiert Prospero sehr Petrosilius-Zwackelmann-haft, ein fieser Puppenzauberer mit ausladenden Gesten, eitel, selbstgefällig, dabei feige und unsicher, wenn jemand ihm widerspricht. Diese Figur ist nicht nur böse, ihr fehlt auch jede Bedrohlichkeit, so sehr soll man über sie lachen.

Ein Drama kann sich um diese Pappkameradin nicht entwickeln. Dagegen stehen die afrikanischen Heroinnen, die sich wehren, ihre Identität behaupten. Bernice Lysania Ekoula Akouala schlüpft in die Rolle einer mythischen Urmutter der Menschheit. Die Spoken-Word-Künstlerin hat einige Textpartien beigetragen. Sarah Yawa Quarshie darf dem Caliban die Würde und Schönheit geben, die in klassischen Shakespeare-Inszenierungen eher Prospero zusteht. Die beiden Darstellerinnen agieren wie in einem Weihespiel. Der Konflikt ist hier längst entschieden. Was gesagt wird und in seltenen Fällen getan, das soll nicht eine Handlung voranbringen. Es symbolisiert archaische Weisheiten. Insoweit begegnet man auch keinen Charakteren, sondern man sieht Typen, aufgeladen mit spirituellen Markierungen.

Dass hier auch andere Angänge möglich gewesen wären, zeigt die Episode um Ferdinand und Miranda (Nika Miskovic). Sie ist hier ein aufmüpfiges Spiel im Spiel, mit dem die Tochter und der Luftgeist den selbstgefälligen Vater narren. Zwei Frauen spielen eine unglaubwürdige Verliebtheit auf den ersten Blick, und der Helikopter-Papa fabuliert davon, wie er dem jungen Mann ein „kostbares Geschenk“ zueignet. Da wird patriarchalisches Denken, eine Übergriffigkeit freigelegt, bei der die Tochter zum Objekt wird und am vermeintlich attraktiven potenziellen Schwiegersohn vor allem die Arbeitskraft interessiert. Da nimmt das statische Vortragstheater komödiantische Fahrt auf.

Über weite Strecken aber ist in dieser Shakespeare-Überschreibung alles bereits entschieden. Da braucht man sich als Zuschauender nicht aufzuregen. Es genügt, wenn man den Glauben an das verliert, „was Ihre Ausweispapiere über Sie sagen“. So wenden sich schließlich die Darstellerinnen als Chor ans Publikum.

Dieses Spiel der Selbstvergewisserung bietet in seiner ausgetüftelten Ästhetik durchaus Reize. Es lässt sich auch angenehm anschauen, sofern einem Einverständnis genügt. Die intellektuelle Herausforderung hingegen steht diesmal eher nicht auf dem Programm.

9., 10., 11., 23.12., 22., 23.1.2022,

Tel. 0231/ 50 27 222

www.theaterdo.de

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