„Zeit-Räume Ruhr“ ordnet Erinnerungen zum Revier

Mann versteht sich auf Ruhrdeutsch: Kabarettist Jürgen Manger spricht mit den Männern des Abbruchkommandos auf der Zeche Wolfsbank, Essen 1966. Foto: wolf schöne/Fotoarchiv Ruhr museum

Sind Sie ein „Ruhrpottler“? Das klingt ein bisschen plump. Und wie fühlt sich diese Zuschreibung an? Schmuddelig? Nein, Klaus Kaiser (CDU), NRW-Staatssekretär, verbindet den Begriff mit Gefühl und Solidarität. Offiziell gibt es seit der Stilllegung des Bottroper Bergwerks Prosper-Haniel keine Kumpel mehr. Aber wer sich vom Leben und Leiden der Bergleute unter Tage berühren ließ, der war „Pottler“ durch und durch, schreibt Kaiser in dem Sammelband „Zeit-Räume Ruhr. Erinnerungsorte des Ruhrgebiets“.

Kaiser trifft damit einen Nerv. Verständnis für einander ist wichtig. Aber von außen fehlte lange Zeit Anerkennung für die Menschen im Ruhrgebiet. Dabei hätte es das Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik ohne die Ruhrkohle nicht gegeben – es war eine kollektive Leistung.

Die Herausgeber des Buches „Zeit-Räume Ruhr“, Berger, Borsdorf, Claßen, Grütter und Nellen, fragen, woran man sich erinnert? Heute identifizieren sich mobile junge Menschen mit dem Revier als eine „Gebietskulisse“, ihre Heimat. Das Kirchturmdenken der Generation vor ihnen ist überwunden oder liegt in einer anderen „Erinnerungsschicht“, so die Terminologie der Wissenschaftler: Duisburg, Essen, Bochum, Dortmund sind zusammengerückt. Spätestens seit „Essen und das Ruhrgebiet“ zur Kulturhauptstadt Europas 2010 ausgerufen wurden, ist die Metropole Ruhr kompakter und zunehmend interessant für Touristen. Historiker sprechen bereits von einer hinterfragbaren „Erzählung der Versöhnung“, wenn es um den Pott geht. Alles ist gut!? Der Himmel über der Ruhr ist blau, und Menschen erinnern sich: Maloche, Dreckschleuder, Strukturwandel, Renaturierung und immer ein Zuhause. Es gibt keinen gemeinsamen Nenner, wissen die fünf Herausgeber, erinnern ist immer persönlich. Aber braucht auch Struktur und das leistet „Zeit-Räume Ruhr“.

Als der C.H. Beck-Verlag (München) „Deutsche Erinnerungsorte“ von Francois/Schulze im Jahr 2001 in drei Bänden herausgab, fehlte das Ruhrgebiet ganz. „Zeit-Räume Ruhr“ will dies korrigieren und einbringen, dass Erinnern ein dynamisches Phänomen ist. Heute ist schwer vorstellbar, dass bei einem nationalen Projekt das Ruhrgebiet ignoriert würde. 2020 wird der Regionalverband Ruhr 100 Jahre alt.

Erinnern ist ein sehr bewusster Prozess, machen die Autoren des Sammelbands klar. Korrigiert wird, dass Erinnerungsgeschichte nur objektiv von Wissenschaftlern geleistet werden kann. Das subjektive Erinnern sollte im Privaten bleiben, war der Ansatz von Pierre Nora, Verfasser einer Erinnerungsgeschichte Frankreichs (1984–1992) in sieben Bänden. Heute konstatieren die Herausgeber der „Zeit-Räume Ruhr“, dass Geschichtswissenschaft nur als ein Teil des Erinnerungsdiskurses der Gesellschaft zählt. Und wie vielfältig Erinnerungskultur heutzutage ist, mit welchen Absichten sie gefördert, gelenkt und gelebt wird, dass ist die eigentliche Klammer dieser wirklich großartigen Aufsatzsammlung zur Revierkultur.

„Standardwerk der Erinnerungskultur“ wird das Kompendium schon genannt – das ist sehr berechtigt. Am Beispiel des Ruhrgebiets lässt sich exemplarisch Erinnerungskultur definieren. Treibstoff ist der Wandel, wie aus Dörfern in wenigen Jahrzehnten Industriestädte wurden. Menschen, die in wechselnden Daseinsverhältnissen leben, greifen Vorstellungen auf, um ihre Identität zu schaffen. Dies gilt auch für die Verlusterfahrung in den 60/70er Jahren, als die Kohle- und Stahlkrise zum Strukturwandel führte. Regionale Zeitungen, Rundfunk und das Fernsehen thematisierten Zechenschließungen und Arbeitslosigkeit. Innehalten war noch in prosperierenden Wirtschaftsjahren verpönt. Offiziell gehörte zur Modernisierung der Blick voraus. Erst durch das Zechensterben intensivierte sich die Erinnerungskultur.

Dabei gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts „Erinnerungsakteure“ im Revier. Geschichtsvereine und Museen konzentrierten sich auf lokaler Ebene. Erst nach dem 1. Weltkrieg wurde das Ruhrgebiet als Einheit gesehen. Zwar waren Unterschiede zwischen Rheinland und Westfalen spürbar, aber der Ruhrkampf um politische Neuausrichtung (1920) und der Widerstand gegen die Ruhrbesetzung durch Frankreich (1923–25) festigte Gemeinsamkeiten. Der Wiederaufbau durch die Montanindustrie in den 50er Jahren formte das Bild vom Ruhrgebiet, das heute noch von vielen Menschen als wirtschaftlich-soziales Ideal gesehen und verklärt wird.

Mit Fotoreportagen wurde das Ruhrgebiet deutschlandweit entdeckt. Geschichtsinitiativen in den 70er Jahren stellten Leben- und Arbeitsformen in Stadtteilen und Siedlungen heraus, oft mit Fragen an die NS-Zeit.

Das Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher forcierte Oral History. Das heißt, Zeitzeugen erzählten ihre Erlebnisse. Der „Pottler“ wurde sich seiner Geschichte bewusst. Und es wandelte sich der Umgang mit den industriellen Erbe: die Zeche Zollern II/IV wurde in Dortmund vor dem Abriss gerettet, ab 1979 gab es Industriemuseen. Die Internationale Bau-Ausstellung Emscher-Park (1989–1999) erneuerte Wohn- und Stadtraum. Heute gibt es 250 Stadtteilmuseen, wo oft Bergleute erzählen, wie es „aufe Zeche“ war.

Erinnern entwickelte sich zum Massenphänomen. Ausstellungen wie „Feuer und Flamme. 200 Jahre Ruhrgebiet“ im Oberhausener Gasometer 1994/95 machten viele Menschen stolz. Die Zeche Zollverein in Essen ist seit 2001 Weltkulturerbe. Und im Jahr 2010 sprengte eine Aktion im Kulturhauptstadtjahr alle Dimensionen: „Still-Leben auf der A40“. Tische auf der Autobahn von Dortmund bis Duisburg, Menschen trafen sich, machten sich bemerkbar, eroberten die Stadtautobahn. Vor und nach dem Ruhrschnellwegtunnel in Essen kam niemand mehr durch. Es war voll – Stau ohne Autos.

Solche Erinnerungsprojekte sind einzigartig. Und wer die 49 Aufsätze in „Zeit-Räume Ruhr“ liest – es müssen nicht gleich alle sein –, der erfährt, wie einzigartig dieser Erinnerungsraum „Ruhr“ ist.

Es werden nachweisbare Geschichten und Ereignisse gesichert und bewertet. Zum „Erinnerungsort Kanal“ schreibt Eckhard Schinkel auch über „Wildes Baden“, als es in den 50er Jahren noch keine Freibäder gab. An der „Kumpel-Riviera“ gehörte es zu den Mutproben, Schleppkähne „anzuschwimmen“, um sich ziehen zu lassen oder ein paar Meter mitzufahren. Offiziell galt dieses Verhalten als „gefährlich für die Schifffahrt“. Die Stimmung am Kanal nimmt auch der Chor „Hömma“ auf. Es sind Liedzeilen von 2010, die ein Idyll nachzeichnen („die Malessen sind vergessen“).

Die Gruga in Essen ist so ein Erinnerungsort, den auch Leute kennen, die noch nie dort waren. Historikerin Dorothea Bessen stellt die Große Ruhrländische Gartenbau-Ausstellung (Gruga) vor, die 1929 eröffnet wurde, um den jungen Messestandort Essen (seit 1927) attraktiver zu machen. Es sollte ein Volkspark werden. Heinrich Hirtsiefer, Minister für Volkswohlfahrt, wollte „unserer teilweise so unschön und freudelos untergebrachten Ruhrlandbevölkerung“ mehr Verständnis für Garten und Gemüseanbau vermitteln. Es sollte vier große Gartenausstellungen in Essen geben (zum Beispiel die Buga 1965). Die Gruga war Vorbild für andere Städte und für die Initiative, dass aus Industriebrachen Parks wurden. Erstes Beispiel: die Landesgartenschau 1984 in Hamm.

„Erinnerungsort“ sind aber auch Trinkhalle, Fußball, Ortverein, Zwangsarbeiter und das Ruhrdeutsch, das Jürgen von Manger erstmals 1961 im NDR-III-Radio sprach, um zu unterhalten („Adolf Tegtmeier“) oder die Ruhrkohle. In einer Wirtschaftsstatistik von 1842 ist der Begriff erstmals vermerkt, als Abgrenzung zur Kohle aus Schlesien.

Das Buch ist keine Anekdotensammlung, es bringt einfach Struktur ins Erinnern. Das tut gut und ordnet auch die eigenen Vorstellungen.

Stefan Berger, Ulrich Borsdorf, Ludger Claßen, Heinrich Theodor Grütter, Dieter Nellen (Hg.): Zeit-Räume Ruhr. Erinnerungsorte des Ruhrgebiets. Klartext Verlag, Essen. 942 S. mit zahlreichen Abbildungen, 39,95 Euro

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