Zeichnungen des italienischen Barockmalers Beinaschi in Düsseldorf

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Perfekte Perspektiven für das Motiv eines Voyeursdramas: Giovanni Battista Beinaschis Zeichnung „Susanna“ ist in Düsseldorf zu sehen.

DÜSSELDORF - Die junge Frau hat sich vom Betrachter abgewendet. Aber den entblößten Oberkörper sieht man ebenso wie das Bein, das vom faltenreich geschilderten Tuch nicht bedeckt wird. Giovanni Battista Beinaschi schuf mit schwarzem Stift und weißer Kreide auf blauem Papier einen überaus sinnlichen Frauenakt. Der Bildtitel „Susanna“ verweist natürlich auf die Bibel – aber schon die Geschichte der Frau und der beiden Alten handelt von Voyeuren.

Der italienische Zeichner feiert die Sinneslust in diesem und weiteren Blättern, die im Museum Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen sind. Beinaschi (um 1634-1688) ist vor allem in Italien bekannt als virtuoser Maler von Fresken und Altarbildern. Die wenigsten Kunstfreunde wissen, dass der weltweit bedeutendste Bestand an Zeichnungen des Barockmeisters am Rhein verwahrt wird: Rund 250 Blätter, mehr als im Pariser Louvre, in der Wiener Albertina, im Metropolitan Museum New York. Die Ausstellung „Das Auge reist mit. G.B. Beinaschi zwischen Rom und Neapel“ im Museum Kunstpalast mit rund 70 Blättern soll den Schatz bekannt machen.

Kuratorin Sonja Brink hebt die Qualitäten des Künstlers hervor. Er beherrschte souverän die perspektivische Darstellung: Fresken und Altäre waren oft hoch, so dass es wichtig war, Figuren in Untersicht korrekt abzubilden. An einer Serie von Tusch- und Pinselskizzen lässt sich das wunderbar erkennen. 1665 bis 66 skizzierte Beinaschi eine Serie von Allegorien, zum Beispiel die Allegorie der Stärke, einen auf Wolken thronenden Krieger mit angezogenem Bein und quergehobenem Arm, in der Hand eine Waage wie eine Justitia, und selbst in den schnellen, einfachen Linien wird der Körper plastisch, sind Faltenwürfe des Gewands absolut überzeugend.

Beinaschi wurde im Piemont geboren, ging in den frühen 1650er Jahren nach Rom und wechselte 1663 nach Neapel, wo er eine Reihe von Kirchen ausschmückte. Die Zeichnungen der Schau dienten als Skizzen für malerische Projekte, sagt Brink. Kein Wunder, dass biblische Themen überwiegen. Da ist eine Madonna mit Kind (um 1655-60), die er mit schwarzer Kreide geradezu auf dem Papier modelliert. Maria ist im Halbprofil gezeigt, das Kind zeichnete Beinaschi in extremer perspektivischer Verkürzung, so dass man Christus aufs Haupt blickt. Und auch hier gelingt dem Künstler in aller Flüchtigkeit ein großer Gefühlseffekt: der zärtliche Augenkontakt zwischen Mutter und Kind. Ein Höhepunkt der Schau ist die „Allegorie der Reinheit“ (1678), das porträthafte Bild einer jungen sitzenden Frau in einem weiten Gewand.

Er war Fachmann für Dramatik, das zeigt auch sein „Reuiger Petrus“ (vor 1661), die berührende Porträtstudie eines bärtigen Greises, die Rechte mit einem Tuch zum gebeugten Kopf gehoben, als habe er gerade Tränen getrocknet. Mit flüchtigen Kreidestrichen schildert er wuchtig die Katastrophe der Sintflut (1670er Jahre), einen Reiter, der vom sich aufbäumenden Pferd stürzt, gebrochene Gestalten, die ihre gestorbenen Angehörigen bergen wollen, Verzweifelte, die sich an einen Baum klammern. Die ganze Überwältigungsästhetik des Barock, die sich sonst in den Gemälden austobt, findet man hier im Keim schon wieder, und Beinaschi ist ein Meister darin, die Vorstellung des Betrachters zu entzünden.

Den reichen Bestand verdankt das Haus der Kunstakademie, der die Blätter eigentlich gehören. Lambert Krahe (1712-1790), Maler, Sammler und Gründungsdirektor der Düsseldorfer Kunstakademie, hatte fast 40 000 Grafikblätter zusammengetragen, die den Studenten seit dem 18. Jahrhundert als Studienmaterial dienen. Die Sammlung befindet sich als Dauerleihgabe im Museum Kunstpalast. In ihr schlummert wohl noch mancher Schatz, wie jetzt die Beinaschi-Ausstellung deutlich macht. Die Zeichnungen werden auch wissenschaftlich bearbeitet, ein Bestandskatalog ist in Vorbereitung.

Bis 7.10., di so 11 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0211/ 566 42 100, www.smkp.de, Bestandskatalog Michael Imhof Verlag, Petersberg

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