Zehn Bücher, die uns bei der Buchmesse auffielen

Zahnpasta für die Revolutionärin: Plakat von 1938 aus David Kings Band. Der Künstler Israel Bograd wurde als Spion verhaftet und erschossen, einen Monat bevor das Plakat herauskam.

Von Ralf Stiftel ▪ FRANKFURT–110 000 neue Bücher bietet die 62. Frankfurter Buchmesse. Darunter sind eine Autobiografie von No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa, Romane um pubertierende Vampire und ein Bildband nur über Flaschenöffner. Aber es gibt auch Bücher, die man vermissen würde, gäbe es sie nicht. Hier wieder zehn lesenswerte Titel. Ihr Buchhändler hat sie vielleicht nicht vorrätig, aber wenn er sein Geschäft versteht, kann er sie Ihnen besorgen.

1. David King besitzt eine der umfassendsten Sammlungen zur Russischen Revolution und zur Sowjetunion. Im prachtvollen Bildband „Roter Stern über Russland“ erzählt er mit mehr als 500 Fotos, Plakaten, Zeitungsausschnitten, Gemäldereproduktionen die Geschichte des kommunistischen Weltreichs von der Revolution 1917 bis zu Stalins Tod 1953. Der Londoner Fotohistoriker lässt vor allem Bilder sprechen, auch wenn er zu jedem einen knappen Kommentar gibt. Der Leser bekommt einen einzigartigen Eindruck von der Aufbruchsstimmung der 1920er Jahre, als Künstler wie El Lissitzky und Eisenstein das Gesicht des revolutionären Russlands prägten. Er sieht Trotzki mit Soldaten diskutieren, Frauen am Gewehr, Baustellen des neuen Reichs. Ebenso packend dokumentiert King den Aufstieg Stalins, seine brutalen Unterdrückungs- und Mordaktionen (Fotos von den Angeklagten der Schauprozesse zum Beispiel). Und ein obszönes Foto zeigt einen Polen, der 1939 einen einmarschierenden Rotgardisten mit erotischer Verve küsst: Der Besatzer wurde zum Befreier umgelogen. Selten ist es so geglückt, Bilder zum Sprechen zu bringen, wie hier.

2. Am heutigen Samstag wäre John Lennon 70 Jahre alt geworden. Der Beatle war auch ein surrealer Poet. Als die Band ihren Durchbruch erlebte, 1964, da ermunterte ihn ein Journalist, seine Texte als Buch erscheinen zu lassen. Das Ergebnis war „In seiner eigenen Schreibe”, eine Sammlung aggressiver, mit Wortspielen durchsetzter Kürzesttexte. Lange war das Buch vergriffen, nun erscheint es neu, mit überarbeiteter Übersetzung und einer Nachbemerkung von Karl Bruckmaier. Dass Bruckmaier dabei Internet, ZDF, Dieter Hoeneß einschmuggelt, verbessert die Texte nicht. Spaß macht das trotzdem, schließlich verspricht John selbst: „Als Mitglied der hochgepriesten Beatles mögen meine (und P., G. und R.’s) Platten Euch komischer erscheinen als dieses Buch, aber es ist meine feste Erzeugung, dass diese Stammlung von Kurzgekichten die wunderfaulste Lache ist, die ich jemals losgelassen habe.”

3. Skurril sein, das kann Ulrich Holbein schon lange. Der 1953 geborene, im Knüllgebirge lebende Autor von insgesamt 950 Veröffentlichungen, darunter ein Narrenlexikon und ein nur aus Zitaten bestehender Roman, bietet die ultimative Kostprobe: „Bitte umblättern! 111 Appetithäppchen”. Das sind Anfänge, die viel versprechen, aber nicht weitergelesen werden können, weil auf der folgenden Seite schon der nächste wartet. Zugleich ist das eine Schreib-Autobiografie, denn Holbein beginnt mit Texten, die er als Kind schuf, und arbeitet sich bis zu aktuellen Buch- und Zeitschriftenaufsätzen vor. Das mag willkürlich scheinen, macht aber mit der radikalen Entäußerung von Privatem, vor einem Horizont von Micky Maus bis Jean Paul und kleinen Obszönitäten wie dem „Naturwix mit Magdalena Fricke” Laune und Sinn.

4. Tief in die Kulturgeschichte des Rheinlandes dringt Walter Filz mit seinem Bericht „Der Affe zu Köln”. Schimpanse Petermann war ein Popstar der Adenauer-Ära, wurde von der Leitung des Kölner Zoos vermenschlicht bis hin zu Auftritten beim Karneval. 1985 aber wurde der Käfig nicht richtig geschlossen, Petermann und seine Gefährtin Susi brachen aus, griffen den Zoodirektor an, verletzten ihn schwer. Sie wurden erschossen. Den animalischen Amoklauf kontrastiert der Autor mit Kölner Zeitgeschichte, speziell der Jugendrevolte.

5. Neu ist der Corso-Verlag, der sich der Reiseliteratur verschrieben hat. Karen Michels legt mit „Martin Luther – die Lektionen der Straße” eine Biografie des Reformators vor, die von den Reisen handelt, die er unternahm. So erfährt der Leser, dass Luther kein guter Tourist war – Kunst und Bauwerke in Italien ließen ihn kalt. Das monumentale Ulmer Münster fand er zu groß. Man könne darin die Predigt nicht verstehen. Solche Urteile wirkten nach bis in den Bauplan der Dresdner Frauenkirche, meint Michels und zeigt, wie das vermeintlich Abwegige ins Zentrum von Luthers Denken führt. Das Buch ist mit Illustrationen der Lutherzeit ausnehmend schön gestaltet.

6. Hazel Rosenstrauch wurde am Ende des Krieges in London geboren, wuchs in Wien auf, lebt in Berlin. Sie nennt sich eine „unjüdische Jüdin”, und doch kreisen die Texte in ihrem mehrdeutig betitelten Buch „Juden Narren Deutsche” um die jüdische Identität. Dabei lobt sie Deutschland als „erstaunlich tolerant”. Sie wehrt sich gegen ein Denken in Klischees, das aus Juden „edle Zivilisierte” macht: „Scharf gewürzt, vorzugsweise als ‚Opfer’ , sind ‚die Juden’ ein verdaubarer Teil der deutschen Kultur geworden”, schreibt sie, und stellt an anderer Stelle fest, dass der Holocaust sich allmählich in einen „Gründungsmythos der Europäischen Union” verwandle.

7. Argentinien ist Ehrengast der Buchmesse. Eine der bekanntesten Autorinnen des Landes ist Claudia Piñeiro. Ihr Roman „Die Donnerstagswitwen“ spielt in einer Siedlung 50 Kilometer außerhalb von Buenos Aires. Dort leben die Besserverdienenden abgeschirmt von der Außenwelt, gesichert durch Zaun und Sicherheitskräfte. Die Kinder besuchen das Internat, der Lebensstandard scheint sicher – bis die Wirtschaftskrise einbricht. Die Autorin lebt selbst in einer solchen Siedlung, vielleicht darum trifft sie so die Atmosphäre eines Bürgertums, das Sicherheit nicht wirklich kennt. Dann werden drei Tote in einem Swimming Pool gefunden.

8. Mit der Novelle „Die Judenbuche“ schrieb sich Annette von Droste-Hülshoff dem kollektiven Bewusstsein Westfalens ein. Die Mordsgeschichte ist Schullektüre, nicht unbedingt immer eine beliebte. Günter Butkus und Frank Göhre haben im Band „So wie du mir“ nun Variationen auf den Stoff von 19 Autoren gesammelt. Beteiligt sind prominente Autoren wie Jenny Erpenbeck, Friedrich Ani und Hugo Dittberner.

9. Der Romancier und Reporter James Hamilton-Paterson erzählt in seinem Buch „Vom Meer“. Das fasziniert ihn seit Jahrzehnten, und er schreibt über Inseln, Fische, Quallen, aber auch über Piraten und den Müll. Im Vorwort gesteht er, dass er befürchtete, zu sehr den ökologischen Gutmenschen herausgehängt zu haben. Tatsächlich schildert er drastisch die Folgen der Überfischung und die Schäden der Schleppnetzfischerei. Letztlich erliegt er doch seiner Schwärmerei zum Beispiel für den „grünen Blitz“. Treffsicher sein Humor, wenn er vom Bad seines Hotelzimmers schreibt, es sei von „entomologischen Interesse“ gewesen: „In Hotels in Wassernähe gibt es unweigerlich Kakerlaken, und bewundernd betrachtet der erfahrene Reisende das zierliche Fächeln ihrer langen Antennen, während sie auf seiner Zahnbürste balancieren. Mir macht so was überhaupt nichts aus...“

10. Auch Christian Seiler ist unterwegs. Im Band „Reise zum Geschmack“ besucht der Wiener Journalist London, Istrien, Paris und schildert seine Erfahrungen. Zum Beispiel von seinem Kampfessen in Kopenhagen, das ihm nach dem Dessert ein Bild im Restaurant eintrug: „Highscore to date“. Gleich am Anfang schwärmt er von der Pizza. Er fragte Mario, ob er je eine anständige Pizza zu Hause backen könne. Marios Antwort: „Mamma mia. Ich sehe, du willst dir einen Ofen bauen.“

Die empfohlenen Bücher

1. David King: Roter Stern über Russland. Deutsch von Peter Sondershausen.Mehring Verlag, Essen. 352 S., 39,90 Euro

2. John Lennon: In seiner eigenen Schreibe. Deutsch von Helmut Kossodo und Wolf D. Rogosky, überarbeitet von Karl Bruckmaier. Blumenbar Verlag, München. 88 S., 16,90 Euro

3. Ulrich Holbein: Bitte umblättern! 111 Appetithäppchen. Elfenbein Verlag, Berlin., 35 Euro

4. Walter Filz: Der Affe zu Köln. Greven Verlag, Köln. 240 S., 16,90 Euro

5. Karen Michels: Martin Luther - die Lektionen der Straße. Corso Verlag, Hamburg. 94 S., 19,80 Euro

6. Hazel Rosenstrauch: Juden Narren Deutsche. Persona Verlag, 158 S., 14,50 Euro

7. Claudia Pineiro: Die Donnerstagswitwen. Deutsch von Peter Kultzen. Unionsverlag, Zürich. 316 S., 19,90 Euro

8. Günter Butkus/Frank Göhre (Hgg.): So wie du mir. Pendragon Verlag, Bielefeld. 302 S., 12,95 Euro

9. James Hamilton-Paterson: Vom Meer. Deutsch von Thomas Bodmer. Mare Verlag, Hamburg. 285 S., 19,90 Euro

10. Christian Seiler: Reise zum Geschmack. Echtzeit Verlag, Basel. 173 S., 27 Euro

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