Zehn Bücher, die uns auffielen auf der 68. Frankfurter Buchmesse

Das Plakat schuf Volker Pfüller 1988, zu sehen ist es im prachtvollen Bildband von Anita Kühnel, „Schrift Bild Zeichen“.

FRANKFURT - Es gibt Bereiche der 68. Frankfurter Buchmesse, da fühlt der Besucher sich fremd. Weit und breit kein Buch in Sicht. Stattdessen preisen Firmen Herde und Kochtöpfe an. Oder den Nippes, mit dem viele Buchhandlungen inzwischen den Umsatz machen wollen, den sie mit Büchern nicht mehr erzielen. In der Halle 3.0 unterstützen die Bundesländer Thüringen, Sachsen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nicht nur ihre Verlage. Sie werben gleich noch um Touristen – wie auch die Stadt Freiburg. Und doch sind hier auch noch literarische Entdeckungen zu machen. Hier sind zehn Bücher, die uns auffielen. Ihr Buchhändler hat sie vielleicht nicht. Aber er kann sie Ihnen besorgen.

1Unter Tausenden Flüchtlingen gibt es viele Berufe. Auch Schriftsteller und Dichter. Wie sehr Bürgerkrieg und Not Länder auch geistig ausbluten, das zeigt diese Textsammlung, die hoffentlich Nachahmer findet. In dem sorgfältig gestalteten Buch findet sich Galal Alahmadi, einer der bekanntesten Dichter des Jemen, der preisgekrönte syrische Lyriker Aref Hamza, die erfolgreiche Drehbuchautorin Rasha Abbas, der Dramatiker Mohammad Al Attar, dessen Stücke in London, New York, Berlin, Seoul gespielt wurden. Wer wäre besser geeignet als sie, die Situation in ihrer Heimat zu schildern? Das geschieht manchmal sogar mit Humor, wie in Khenan Khadajs Wunderlampen-Märchen, wo der Erzähler sich wünscht, ein Esel zu sein, um dem irdischen Elend zu entgehen. Es gibt erschütternde Geschichten über das Leben mit täglichen Raketen-Einschlägen, wie die Erzählung „Was Sâmi Rîschi erlebte“ von Nihad Siris. Amer Matar schildert die Traumatisierung eines Geflüchteten, der einen Krieg gegen die Fliegen führt. Die syrische Lyrikerin Khawla M Dunia schreibt: „Wenn eine Witwe sie anfleht / stürzen Häuser ein / und es bellen die Bomben.“

Weg sein – hier sein. Texte aus Deutschland. Secession Verlag, Berlin. 252 S., 24 Euro, Lesungen mit Autoren vermittelt der Verlag, info@secession-verlag.com

2 „Das ist kein Deutsch“, ruft der Fußballfan, „Glatze. Rote Augen von Trink.“ Wirklich wird sich mancher schwertun, das einzuordnen: „Von selben Ausgang den selben U-Bahn Station steigen von tiefen des betonadisches Erde fünf oder sechs Fussbal Fans aus.“ Tomer Gardi, 1974 in einem Kibbuz in Galiläa geboren, schreibt in „broken german“ ein verstümmeltes, verstammeltes Deutsch. Radili, der Held dieses Buchs, das sich Roman nennt, tatsächlich aber Szenen aufreiht, in denen der „Fremdarbeiter in die Prosa eine ferne, fremde, andere Sprach“ nach den Wörtern für seine Lage sucht, am Gepäckband im Flughafen, im Polizeirevier und in der Kneipe „Zum Roter Faden“. Das ist lustiger, als man glaubt, und alles andere als naiv. Neben einem Tomer Gardi treten als Gaststars Nabokov, Döblin, Kafka, Homer auf. Und Radili weiß, dass ein Messer, das im ersten Akt an der Wand hängt, im dritten wieder auftaucht. „Ein literarische trick und regel.“

Tomer Gardi: Broken German. Literaturverlag Droschl Graz, 144 S., 19 Euro

3Der Wiener Mandelbaum Verlag erfreut kulinarische Leser mit der Reihe „kleine Gourmandisen“, die jeweils einem Nahrungsmittel gewidmet sind. Das wird knapp natur- und kulturgeschichtlich porträtiert, und zum Abschluss gibt’s Rezepte. Sonja Schnögl verrät zum Beispiel, dass die Birne in der Steinzeit aus China nach Europa gefunden hat, dass die Frucht der griechischen Göttin Hera zugeschrieben wurde. Dann darf man probieren, von Birnensuppe mit Sellerie über Backhendl mit Birnenschnitzen bis zum Klassiker, der Birne Helene. Margot Fischer spürt dem alten Gemüse Pastinak nach, das man einst im Winter an Kühe verfütterte, weil es die Milch verfeinerte. Sie weiß auch von Gastauftritten der würzigen Wurzel bei Donald Duck und im Kinofilm „Ted“.

Sonja Schnögl: Birne. Margot Fischer: Pastinak, Mandelbaum Verlag, Wien. Jew. 60 S., 12 Euro

4Vergessen Sie Fußball. Versuchen Sie doch einmal Autopolo, ein Sport, der Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA recht populär war, schon weil zur Gaudi der Zuschauer die Spieler gern mal den Ball ignorierten und einfach den Wagen des Gegners rammten. Sportarten wie Fahnenmastsitzen, Luftgolf und Menschenangeln halten, was ihre Bezeichnungen versprechen. Ein Buch wie dieses kann nur von einem Engländer stammen. Der Dokumentarfilmer Edward Brooke-Hitching hat ein Faible für Exzentrik. Seine Enzyklopädie versammelt Körperertüchtigungen, die großenteils zu Recht vergessen sind, weil sie gefährlich sind wie der Arenakampf zwischen Mensch und Bulldogge, weil sie grausam und unfair sind wie das Fuchsprellen (das Tier wird in die Luft geschleudert) oder weil sie blöd sind wie das Goldfischschlucken. Was den Spaß an diesem nüchtern formulierten, reich bebilderten Lexikon nicht mindert.

Edward Brooke-Hitching: Enzyklopädie der vergessenen Sportarten. Deutsch von Matthias Müller. Liebeskind Verlag, München. 200 S., 29 Euro

5Diese Bilder haben Deutschland geprägt wie wenige andere, denn man sah sie bereits, als noch nicht in jedem Wohnzimmer ein Fernseher stand. Herbert Leupins fidele Rollente wie aus einem Kinderbuch, die 1952 für Pril warb. Charles Wilps durchgeknallte Brausebilder für den „Afri-Cola-Rausch“. Und auch Gunter Rambows provokatives Anti-Vietnam-Kriegs-Plakat „It’s time to fly to Hanoi“ mit der toten Fliege (1968). Sie alle und noch viele mehr findet man im Nachschlagewerk „Schrift Bild Zeichen“. Anita Kühnel, Grafik-Spezialistin und seit 1992 Leiterin der Sammlung Grafikdesign in der Kunstbibliothek der Museen zu Berlin, gibt den ersten Überblick über die Werbegrafik in Nachkriegsdeutschland. Das ist schon deshalb spannend, weil sich zeigt, wie sehr sich die Stilmittel in den beiden deutschen Staaten glichen. Und weil Exkurse auch die Typographie, die Logos und die Buchgestaltung berücksichtigen, zeigt dieses wunderbare Bilderbuch für Erwachsene die Verführungskraft eines Mediums und gesellschaftlichen Wandel zugleich.

Anita Kühnel (Hg.): Schrift Bild Zeichen. Werbegrafik in Deutschland 1945 – 2015. Verlag Kettler, Dortmund. 224 S., 39,90 Euro

6Edmondo de Amicis (1846–1908) war der bedeutendste italienische Reiseschriftsteller des 19. Jahrhunderts. Seine Abenteuerlust trieb ihn selbst in den Norden, in eine als unwirtlich empfundene Gegend. Aber „Holland“, im Original 1874 erschienen, widmet sich dem Land mit Respekt und Neugier. In der schönen Werkausgabe des Corso-Verlags kann man nicht nur die alten, zum Teil handkolorierten Fotografien bewundern. Man liest auch die Beobachtungen des Flaneurs, der mit der Kutsche, der Eisenbahn und mit der „Trekschuit“, einem Treidelboot, reiste. Er erfreut sich an der Sauberkeit überall: „Ein Haus wird hier eingeseift, gewaschen und gestriegelt wie ein Mensch. Man säubert die Fugen zwischen den Steinen, man kratzt mit den Fingernägeln oder Nadeln in den hintersten Ecken.“ Er staunt darüber, dass alle rauchen, dass ein Holländer ihm gegenüber die Zigarre als „sechsten Finger“ bezeichnet, und erzählt vom Testament eines passionierten Rauchers. Die gewaltigen Essensportionen (ein Beefsteak kam als „Kissen blutigen Fleisches, das eine ganze Familie sättigen könnte“), das Fehlen von Prostituierten im Stadtbild von Den Haag, die holländische Malerei, das Strandleben in Scheveningen… Die Neugier und die Entdeckungsfreude des Autors fesseln auch noch 150 Jahre später.

Edmondo de Amicis: Holland. Deutsch von Annette Kopetzki. Corso im Verlagshaus Römerweg. 253 S., 39,90 Euro

7Auch eine dunkle Kalbsjus kann ein Verhör auslösen. „Was riechst du? Rotwein. Zwiebeln. Lorbeer. Wacholder? Rosmarin? Pfeffer? Welcher Pfeffer? Schwarzer Pfeffer, weißer Pfeffer? Woher kommt das Fleischige? Von den Knochen? Ernsthaft?“ Um den Geschmack und die richtigen Wörter dafür geht es oft in Stevan Pauls erstem Roman „Der große Glander“. Der Titelheld Gustav Glander hat in New York einen überraschenden Erfolg mit Gemälden von Fleisch und Knochen. Dann orientiert er sich neu: Ist es nicht reizvoller, das Essen zuzubereiten, statt es zu malen? Zehn Jahre später glaubt der Kunstkritiker Gerd Möninghaus an eine Sensation: Er hat den untergetauchten „großen Glander“ in einem Restaurant gesehen. Stevan Paul ist gelernter Koch und betreibt einen Genussblog im Internet. Sein Roman findet genaue Worte für Aromen und durchleuchtet den Kunstbetrieb mit genug satirischer Würze.

Stevan Paul: Der große Glander. mairisch verlag, Berlin. 288 S., 20 Euro

8Es waren Frauen, die halfen, das Ruhrgebiet aufzubauen. Louisa Catharina Harkort (1718-1795) zum Beispiel erweiterte als Witwe den Schmiedebetrieb der Familie, so dass aus Haspe (im heutigen Hagen) Sensen bis nach St. Petersburg exportiert wurden. Sie gehört zu den Heldinnen des Buchs „Starke Frauen im Revier“, in dem Anita Brockmann und Sabine Durdel-Hoffmann 30 Lebensläufe schildern. Dabei geht es auch um Friederun Köhnen aus Sprockhövel, die ab 1967 Rezepte lieferte, für die Verpackungen der Lebensmittel, die in den Regalen der Supermärkte kamen. Man begegnet im Buch der in Unna geborenen Kunstfliegerin Thea Rasche (1899–1971), der Lüdenscheider Malerin Ida Gerhardi (1862–1927), der Schauspielerin Ruth Leuwerik, aber auch Originalen wie der Bochumer Wirtin Elfriede Fey.

Anita Brockmann/ Sabine Durdel-Hoffmann: Starke Frauen im Revier. Verlag Elisabeth Sandmann, München. 153 S., 19,95 Euro

9Den Oligarchen erkennt man unter anderem an seinem Status-Symbol: Der Yacht. Gerne 150 Meter lang, mehrere 100 Millionen Euro teuer, ausgerüstet mit Panzerglas, Radar, Bordhubschrauber. Wolfgang Kemp hat den Personentypus erforscht, der sich in den 1990er Jahren in Russland und der Ukraine gebildet hat. Junge Männer wie Michail Chodorkowski, Wladimir Potanin, Roman Abramowitsch, Wiktor Wekselberg kamen zu sehr viel Geld. Die Privatisierung der kommunistischen Gesellschaft wurde nicht so genannt. Aber de facto bereicherten sich wenige am Staatsvermögen. Dieser Essay zeichnet das Profil dieser neuen Klasse der Superreichen zusammen, die zur Stütze Russlands unter Putin wurden – zumindest die guten Oligarchen. Die anderen wurden entmachtet wie Chodorkowski und haben zum Reichtum noch das Mitleid für Märtyrer. Erhellende Aufklärung.

Wolfgang Kemp: Der Oligarch. Zu Klampen Verlag, Springe. 176 S., 18 Euro

10Eine hinreißende Liebes- und Lügengeschichte entfaltet Louise de Vilmorin in ihrem Roman „Der Brief im Taxi“. Cécilie, eine Dame der besseren Gesellschaft, elegant, schön, klug, verbringt die meiste Zeit damit, in ihrer Bücherhöhle zu schreiben. Eines Tages verliert sie in einem Taxi einen Brief – und das bringt sie in Schwierigkeiten, nicht zuletzt ihrem Mann Gustave gegenüber, einem ehrgeizigen Bankier. Die französische Autorin (1902–1969) schrieb ihre frivol-heiteren Dramen aus der besseren Gesellschaft, die sie aufs Beste kannte, war sie doch reiche Erbin und Gastgeberin der Künstlerszene. Raffiniert hält sie in der Schwebe, was in dem kompromittierenden Brief steht. Aber nicht nur die Figuren des Romans, auch der Leser denkt zuerst an einen Liebhaber. Es kommt dann ganz anders – und doch genau so. Das charmante Buch gefällt auch durch boshafte Sätze wie: „Marcelline Doublard-Despaumess hatte jenes Alter erreicht, in dem Frauen erblonden. Sie war üppig und leutselig, liebte Empfänge und Juwelen, Theater und Café crème zu jeder Tageszeit.“

Louise de Vilmorin: Der Brief im Taxi. Deutsch von Patricia Klobusiczky. Dörlemann Verlag, Zürich. 208 S., 18 Euro

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