Zehn Bücher, die uns auffielen auf der 71. Frankfurter Buchmesse

In Budapest: Amateurfoto aus dem Band von János Térey.

Frankfurt – Gute Laune ist angesagt bei der 71. Internationalen Buchmesse in Frankfurt. Die Deutschen kaufen wieder mehr Bücher. Die Branche fühlt eine zarte Hoffnung. Aber die Zahl der Aussteller ist leicht geschrumpft, auf 7450.

Inzwischen hat sich etabliert, dass man in den Hallen der Publikumsliteratur nicht nur Bücher findet, sondern auch die Bundesbank, eine Gourmetmeile, einen Bereich, in dem sich Korea vorstellt (obwohl Gastland 2019 doch Norwegen ist). Und es gibt einen Stand von Amazon. Der US-Internethändler macht den Buchverlagen damit Konkurrenz, dass bei ihm jeder ein Buch herausbringen kann, ohne dass Lektoren, Gestalter, Korrektoren ihm reinreden. Für die Autoren verlockend. Was da aber ausgestellt ist, orientiert sich dann doch wieder an dem, was an den anderen Ständen auch gezeigt wird. Was neu ist: Diesmal dürfen die Verlage offiziell ans Publikum verkaufen. Besucher sollten also Taschen mitbringen. Oder doch lieber zum Buchhändler ihres Vertrauens gehen. Denn auch diesmal gibt es Lesenswertes zu entdecken. Hier sind zehn Bücher, die uns auffielen.

1 Das muss schon ein besonderer Geist sein, der dem „Staub“ ein Buch widmet, den kleinen Schmutzteilchen, die sich in jedem Haus finden und von der braven Hausfrau bekämpft werden. Joachim Kalka streift durch die Literatur- und Kulturgeschichte und spürt die graue Materie überall auf. Er führt uns mit Flaubert ins Bordell in Kairo und auf das Schlachtfeld vor Troja, zum „golden dustman“ bei Charles Dickens, der mit Müll sein Vermögen machte, und zu Onkel Dagobert, der reichsten Ente der Welt, die am Goldstaub erkrankt. Der Staub erweist sich in diesem schmalen, gedankenreichen Buch als universaler Stoff, als mythisches Symbol für Demut und Vergänglichkeit, als ganz realer Auslöser globaler Katastrophen wie beim Vulkanausbruch von Tambora, als beruhigendes Signal für Normalität, im Kriminalroman als Träger entlarvender Spuren, aber auch als Quelle der Poesie wie in der wunderbaren Zeile des expressionistischen Lyrikers Ernst Blass: „Laternenschein rinnt wie zarter Staub...“

Joachim Kalka: Staub. Berenberg Verlag, Berlin. 149 S., 22 Euro

2 Die Schauwerte des Kinos haben sich nicht so sehr verändert: „Wie der Brontosaurus, hoch wie ein Turm, mit seinem massigen Leib, seinem fürchterlichen, schlangenhaft in einen kleinen Vogelskopf ausgehenden Hals in den Straßen Londons erscheint, … eine Häuserfront einreißt, die Waterloo-bridge zertritt und machtvoll wieder dem Ozean zurudert, das sind großartige, nicht loszuwerdende Bilder.“ So schwärmte Ernst Blass 1926 im Berliner Tageblatt von einem Film, es hätte doch auch „Godzilla“ oder „Jurassic Park“ sein können. Blass (1890-1939) war einer der bedeutendsten Lyriker des Expressionismus. Und er war ein Kinofan wie Kafka, Else Lasker-Schüler, Hugo von Hofmannsthal. Im Berlin der 1920er Jahre schrieb er für das Berliner Tageblatt mehr als 300 Texte zum Kino. Der schöne Band „in kino veritas“ bietet erstmals eine repräsentative Auswahl. Blass kritisiert manches vernichtend, lobt Buster Keaton, Charlie Chaplin, Harold Lloyd, schreibt euphorisch und hellsichtig über den Revolutionsfilm „Panzerkreuzer Potemkin“. Und er leugnet nie seine Faszination für das Medium. Tief beeindruckt ist er von den Filmen um den Schäferhund Rin-Tin-Tin: „Wie feinfühlig ist das Hundehafte und das Seelenhafte abgebildet, dies schöne, ernste, brüderliche Gesicht...“

Ernst Blass: „in kino veritas“. Elfenbein Verlag, Berlin. 285 S., 22 Euro

3 „Singen ist eine Praxis“, stellt Ralf Peters fest, Stimmlehrer, Performer und Philosoph. Und eigentlich weiß sowieso jeder, was das ist. Lohnt es dann, ein Buch über „Die Philosophie des Singens“ herauszubringen? Die Kölner Dozentin Bettina Hesse hat 21 Autoren versammelt, die unterschiedliche Aspekte einer vermeintlich ganz elementaren und einfachen Tätigkeit bearbeiten. Peters greift aus in die Denkgeschichte, bis zu Platon, der das Singen für eine möglicherweise sittengefährdende Angelegenheit hielt. Singen hat auch politische Seiten, wie Lisa Pottstock mit einer bezeichnenden Anekdote von der Leipziger Buchmesse im Frühjahr belegt, wo Protestierer gegen einen rechten Verlag ansangen, und die Standaufsicht das Lied „Die Gedanken sind frei“ anstimmte. Ein Sängerkrieg sozusagen. Spannend ist auch, was die Performerin Jeanette Zippel über das Singen mit Bienen berichtet.

Bettina Hesse (Hg.): Die Philosophie des Singens. Mairisch Verlag, Hamburg. 271 S., 22 Euro

4 János Térey war ein Autor von europäischem Rang. Aber zu wenige Menschen wussten davon. Leider ist er im Juni gestorben, mit 48 Jahren. Ein toter Dichter hat es schwer im Literaturbetrieb. Térey muss außerhalb Ungarns noch entdeckt werden. Jetzt liegt der Band „Budapester Überschreitungen“ vor, 14 Erzählungen, die wie Gedichte gesetzt sind und sich auch so lesen, und die untereinander verbunden sind. Intensive Grenzsituationen, jeweils bis auf die Straße genau lokalisiert, aber allgemeingültig. Da findet man den verwitweten Gesangslehrer, der der einen Ausbruchsversuch in die urbane Wildnis, in eine Industriebrache unternimmt. Oder Regös, ein herzloses Nachtgeschöpf, von dem man alles weiß nach dem Nebensatz „Als er noch kein berühmter Pornoregisseur war...“ Aber jetzt, und so schäbig behandelt er seine Freundin auch. Oder ein Paar will eine Wohnung kaufen, eine Szene moderner Gentrifizierung, aber die Geschichte steckt in dem Haus: Ein SS-Offizier spukt im Bad. Térey beobachtet die Menschen genau, und er findet oft unerwartete Wendungen, ohne auf Pointen hin zu erzählen. Das Buch ist nicht nur mit einem einfühlsamen Plädoyer des Übersetzers für Térey versehen. Es ist auch schön gestaltet, illustriert mit Schwarz-Weiß-Fotos aus einer Sammlung mit Amateuraufnahmen.

János Térey: Budapester Überschreitungen. Deutsch von Wilhelm Droste. Arcos Verlag, Wien, Wuppertal. 124 S., 20 Euro

5 Kerstin Ehmer betrat 2017 mit dem Roman „Der weiße Affe“ den Krimimarkt. Ihr Protagonist, der Kommissar Ariel Spiro, kam aus Wittenberge an der Elbe ins Berlin der Goldenen Zwanziger. Als Neuling muss er seine Fälle gleichsam auf fremdem Gelände lösen. Der neue Spiro-Krimi, „Die schwarze Fee“, ist noch besser. Geschickt verbindet die Autorin einen komplexen Fall um ukrainische Emigranten, die von der sowjetischen Geheimpolizei verfolgt werden, mit viel Lokalkolorit. Spiro hat es mit Leichen zu tun, die an öffentlichen Orten gefunden werden, ohne äußere Verletzung. Die Opfer wurden vergiftet. Zugleich sieht der Kommissar seine Ex-Geliebte Nike wieder, die ihn bittet, ausgerechnet nach ihrem neuen Freund zu suchen, der verschwunden ist. Ehmer wechselt in kurzen Kapiteln von Figur zu Figur, und ihr fein gebautes Erzählmosaik führt in verruchte Bars, einen Boxclub (Spiro muss am Anfang ganz schön einstecken), ins Arbeiterviertel Wedding, in die Charité, wo die Medizinstudentin Nike mit der Syphilis näher in Kontakt kommt, als sie geahnt hätte. Die titelgebende schwarze Fee ist die Schwester der grünen, des Absinth, der die Künstler inspiriert – und wahnsinnig machen soll.

Kerstin Ehmer: Die schwarze Fee. Pendragon Verlag, Bielefeld. 398 S., 18 Euro

6 Wild geht es zu und rücksichtslos beim Flößen der Holzstämme. Da schlägt man schon mal mit dem Hammer zu. Und dem Dampfschiff, dass das Floß rammt, kappt ein entschlossener Flößer die Taue zu den Schleppbooten. Die mittlere der drei Erzählungen im Band „An den Flüssen“ spielt zwischen dem Frankenwald und der Rheinmündung in Holland. Da verfolgt Martin Michael Driessen die sich kreuzenden Lebenswege des einfachen Flößers Konrad und seines Freundes und Arbeitgebers Julius. Das ist schon fast ein Romankonzentrat, der Text umreißt den Umbruch, das Auslaufen der Holzschlag- und Floßwirtschaft, zugleich den Schnitt zwischen dem 19. Jahrhundert und dem Einbruch der NS-Zeit. Vieles ist da angedeutet, Freundschaft, ungelebte Homosexualität, aber auch verletzende Grobheit gegenüber Evchen, die Konrad vielleicht geheiratet hätte… Die erste Erzählung handelt von einem Alkoholiker, der eine Kanufahrt auf der Aisne unternimmt. Die dritte von einer über Generationen tobenden Familienfehde unter Landwirten in einem Flusstal in der Bretagne. Driessen, geboren 1954, ist ein Schauspieler, Regisseur und Autor, in den Niederlanden vielfach ausgezeichnet. Mit diesem schmalen, überaus lesenswerten Band wird er erstmals in Deutschland vorgestellt.

Martin Michel Driessen: An den Flüssen. Deutsch von Gerd Busse. Wagenbach Verlag, Berlin. 141 S., 18 Euro

7 Josef Snobl, geboren 1945 in Prag, ist eigentlich Fotokünstler, der international ausstellt, in Magazinen veröffentlicht. Aber von 1988 bis 2013 verdiente er seinen Lebensunterhalt als Nachttaxifahrer in Köln. Man kann das aber auch als ungewöhnlich lange Recherche für sein Buch „Nachtfahrt. Ein Taxi Blues“ betrachten. Zwischen suggestiven, oft unscharfen oder doppeltbelichteten Schwarz-Weiß-Aufnahmen berichtet er, wem er begegnete, seltsamen Gestalten wie der „Nonne“, die mit weißem Klebeband bedeckt ist und die er vom Stadtrand zu einem Arzt und wieder zurückbringt. Was er mit Schlägern, Huren, Freiern, Tieren, mit dem Maler Sigmar Polke und seinem Taxikollegen aus Manchester erlebte. Lakonische, nachdenkliche, ungewöhnliche Geschichten, in denen viel in der Schlange gewartet wird: „Dann beobachtest du, wie in das Auto vor dir eine wunderschöne Frau einsteigt, fast gleichzeitig geht die Tür bei dir auf, und hinein fällt ein stinkender, dicker, verpisster und total besoffener Sack, der nicht weiß, wo er wohnt, und wenn du es herausbekommst, ist es um die Ecke.“

Josef Snobl: Nachtfahrt. Emons Verlag, Köln, 240 S., 25 Euro

8 „Unkraut gibt‘s nicht“, sagt Margot Fischer. Sie beschreibt und erläutert in ihrem Buch „Essbare Wildpflanzen für Einsteiger“ Köstlichkeiten wie Giersch, Vogel-Sternmiere, Gundelrebe, Quendel und Zirbe. Sie holt uraltes, aber im Lauf der Zivilisierung verloren gegangenes Ernährungswissen zurück. Sie unterstreicht, dass Wildkräuter gesund sind, Hagebutten und Sanddorn zum Beispiel enthalten viel mehr Vitamin C als Orangen. Mit diesem Buch kann jeder auf die Pirsch gehen. Die Ernährungswissenschaftlerin und Gastronomin gibt auch Rezepte an. Sie rät aber auch zur Vorsicht: Zum einen sollte man sich nicht zu sehr auf die Naturapotheke verlassen. Zum anderen kann man Wildkräuter verwechseln, und Fischer nennt die Kandidaten. Da drohen Gefahren: Bärlauch ist köstlich, sieht aber Maiglöckchen und Herbstzeitlosen ähnlich, die beide giftig sind. Darum sind ihre Namen im Buch rot gedruckt.

Margot Fischer: Essbare Wildpflanzen für Einsteiger. Mandelbaum Verlag, Wien. 248 S., 18 Euro

9 Dag Olav Hessen findet poetische Sätze: „Kohlenstoff ist Sternenstaub, gebildet in Sternen bei der Fusion leichter Elemente.“ Der Professor für Biologie, Mitglied der Norwegischen Akademie der Wissenschaften mit einem Interesse an Evolution und Ökologie, hat ein Buch über ein chemisches Element geschrieben: „C – Die vielen Leben des Kohlenstoffs“. Und es ist ja der Kohlenstoff, der die Chemie in organisch (mit C) und anorganisch aufteilt. Natürlich landet auch Hessen beim Kohlendioxid CO2, bei der Erderwärmung und beim Klimawandel. In diesem anschaulichen Sachbuch macht er Zusammenhänge sichtbar. Wir erfahren von der „Kohlenstoffkönigin“, der Alge Emiliania Huxleyi, die entscheidend dazu beiträgt, dass das Meer (noch) mehr Kohlenstoff bindet als es abgibt. Wir erfahren von den Atemproblemen des Amazonasgebiets, von der Rolle der Torfmoore Indonesiens, von methanproduzierenden Termiten. Hessen zeigt, wie ernst die Lage der Erde ist, indem er auf frühere Warmzeiten verweist. Erstaunlicherweise kam die Erde danach wieder ins Gleichgewicht. Aber es dauerte 200 000 bis 500 000 Jahre. Bei alledem verbreitet Hessen nicht Panik, sondern versucht, Mut zu machen. Es ist möglich, vom „Petroholismus“ loszukommen.

Dag Olav Hessen: C – Die vielen Leben des Kohlenstoffs. Deutsch von Günther Frauenlob und Karoline Hippe. Kommode Verlag, Zürich. 304 S., 26 Euro

10 Kann man einen Comic-Helden in einem Erzähltext auftreten lassen, ohne dass es peinlich wird, aber dabei den Wumm des Originals erhalten? Noch dazu „Hellboy“, der 2004 kongenial von Guillermo del Toro verfilmt wurde? Hier die gute Nachricht für Freunde gepflegter Pulp Fiction: Es geht. Christopher Golden legt den dritten Band mit Hellboy-Erzählungen vor, verfasst von einigen der besten Krimi- und Fantasy-Autoren wie Don Winslow, Ken Bruen, China Miéville und Joe R. Lansdale. Der Dämon mit den abgesägten Teufelshörnern und der starken Rechten kämpft gegen archaische Tiefseemonster, wildgewordene Lokomotiven, Blues-Zombies und eine magische Tapete. Manche Texte erzeugen Bilder, die selbst genialste Zeichner nicht zu Papier bringen können.

Christopher Golden (Hg.): Hellboy – Leckerbissen. Deutsch von Verena Hacker und Aimée de Bruyn. Golkonda Verlag, München, Berlin. 348 S., 16,90 Euro

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