ZDF-Dokudrama über den 4. September 2015

Auf dem Rückflug nach Berlin berät sich Angela Merkel (Heike Reichenwallner) mit ihrem stellvertretenden Büroleiter Bernhard Kotsch (Stefan Mehren). Szene aus „Stunden der Entscheidung“. Fotos (2): hans-joachim pfeiffer/zdf

Irgendwann in dieser Nacht vom 4. auf den 5. September 2015 kommt Angela Merkel nach Hause. Stellt ihre Tasche auf den Tisch, holt ein Glas aus dem Schrank, füllt es unterm Wasserhahn und trinkt. Die Szene wirkt wie ein Feierabendritual, und sie ist erfunden. Gut erfunden von Sandra Sandra Stöckmann und Marc Brost, den beiden Autoren der sehenswerten ZDF-Dokumentation „Stunden der Entscheidung – Angela Merkel und die Flüchtlinge“.

Unaufgeregt zeigen sie die CDU-Politikerin, selbst wenn sie „Scheiße“ ins Handy schimpft. Nüchtern erzählt Regisseur Christian Twente die 25 Stunden vom frühen Freitag- bis zum Samstagmorgen, in denen Merkel entschied: Deutschland macht die Grenze nicht dicht für die Flüchtlinge, die sich von Ungarn aus zu Fuß auf den Weg nach Norden gemacht haben. Eine vernünftige Entscheidung, sachgerecht und alternativlos, ohne dass diese Merkel-Vokabel fällt.

Auf diese 90 besonnenen öffentlich-rechtlichen Minuten klatscht am Ende der Hass der „Merkel-muss-weg“-Schreier wie ein Vogelschiss. AfD-Chef Alexander Gauland und seine Gesinnungsgenossen weiter rechts behaupten ein anderes verschwörerisches Bild: Merkel habe am 4. September die Grenzen geöffnet, die Flüchtlinge eingeladen und gelockt, weil sie einen „Bevölkerungsaustausch“ betreibe.

Heike Reichenwallner verkörpert in den Spielszenen die Politikerin. Sie trägt einen ähnlichen himmelblauen Blazer, versucht aber kein Imitat mit Lispeln und Raute, sondern zeigt Unverdrossenheit und (meist freundliche) Distanz. Spiel- und Originalszenen werden verschränkt beim Besuch einer Schule in Bayern und beim 70-Jahre-CDU-Empfang in Köln.

Währenddessen wird im Laufe des Tages ein anderes Thema dringlich und setzt (als zweiter Handlungsstrang) Merkels Terminkalender unter Spannung: In Ungarn machen sich Hunderte Flüchtlinge auf den Weg nach Norden.

Im Budapester Ostbahnhof ist es am 4. September heiß, stickig, laut. Bei 40 Grad campieren Hunderte Menschen auf dem Fliesenboden, täglich werden es mehr: Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Irak, Männer, Frauen, Kinder. Einer ist Mohammad Zatareih (Aram Arami), der seit drei Tagen hier festsitzt. Sein Vorschlag: Zu Fuß zur Grenze, 180 Kilometer auf der Autobahn nach Österreich. Journalisten aus aller Welt kommen mit, die den Aufbruch bald „March of Hope“ nennen und deren Bilder den Flüchtlingen Sicherheit vor einem Zugriff der ungarischen Polizei bieten.

Ministerpräsident Orbán hatte vor Tagen noch einen Flüchtlingszug gestoppt, jetzt schickt er Busse an die Autobahn, die die Menschen zur Grenze bringen. Das erfährt Merkel am Telefon von ihrer Büroleiterin Beate Baumann (Tilla Kratochwil). Gerade noch blieben ein paar Tage Zeit für eine Entscheidung, jetzt sind es nur Stunden. Das bringt Merkel für einen Moment beinahe in Wallung („Verdammte Scheiße!“). Sie entscheidet: Deutschland setzt die Dublin-Regelung (Asyl-Antrag nur im Einreiseland) aus und wird die Flüchtlinge – wie in den vergangenen Tagen schon – nicht an der Grenze festhalten. Wie denn auch?

Diese Frage kann auch Gerhard Schindler nicht beantworten. Der ehemalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) ist der einzige Interviewpartner von Stöckmann und Brost, der Merkel kritisiert: „Es gehört zu den Aufgaben der Politik, dass sie auch unschöne Bilder aushalten muss.“ Konkret wird er nicht.

Merkel ist in den Spielszenen ständig im Gespräch, tippt Textnachrichten, telefoniert: mit dem österreichischen Bundeskanzler Faymann und den Groko-Partnern von der SPD (Parteichef Sigmar Gabriel, Außenminister Frank-Walter Steinmeier) und ihrer eigenen CDU. Nur CSU-Chef Horst Seehofer geht nicht ans Telefon. Was Thomas de Maizière (damals CDU-Innenminister) spitz als Wegducken interpretiert.

Er gehört – wie der frühere CDU-Generalsekretär Peter Tauber, „March of Hope“-Initiator Mohammad Zatareih und „Zeit“-Reporter Mohamed Amjahid – zu den Interviewpartnern, die Merkels Temperament teilen: Sie blicken ohne Aufwallung auf die so genannte „Flüchtlingskrise“ zurück.

Dieser Ton ist eine der Qualitäten dieses Films. Er hebt sich von der skandalwitternden Erzählhaltung ab, die der ZDF-Historiker Guido Knopp prägte. O-Töne aus den Interviews sind hier keine gefühligen Wuchtverstärker, sondern bringen die Darstellung anschaulich weiter. Die Verzweiflung der Flüchtlinge ist präsent, wird aber nicht ausgestellt. So erinnert sich Zatareih, er habe auf der Autobahn vor allem Angst vor einem Unfall gehabt oder dass ein Kind verloren geht. Der Journalist Martin Kaul, damals für die „taz“ in Ungarn, sah die Erschöpften auf dem Seitenstreifen. Original-Bilder zeigen schlurfende Füße in Schlappen, Straßen- und Kinderschuhen, die von einem vorbeifahrenden Auto aus gefilmt wurden.

ZDF, 20.15 Uhr

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