Yishai Sarids Buch „Monster“ handelt von Erinnerungskultur

Yishai Saridisraelischer SchriftstellerFoto: Tchiechik

„Ich musste das tun“, steht in Yishai Sarids Roman „Monster“. Der Ich-Erzähler hebt an und rechtfertigt sich gegenüber dem Direktor von Yad Vashem, weshalb er in einer Gedenkstätte des Holocausts, in Treblinka, gewalttätig geworden ist. Er hatte zugeschlagen und muss sich nun erklären. Der Roman ist eigentlich ein aufrichtiger Bericht und ein offenes Eingeständnis. Der Erzähler stellt sich vor und beschreibt, was er erlebt hat als Fremdenführer in Gedenkstätten. Wie hat er die Erinnerung an die Shoah, den Mord an sechs Millionen Juden durch die Nationalsozialisten, an jüdische Landsleute, Schüler, Touristen, Soldaten, Politiker und Minister vermittelt? Und was ist aus ihm dabei geworden?

Yishai Sarid ist einer der bekanntesten Autoren Israels. Der Rechtsanwalt, Nachrichtenoffizier und Autor thematisiert das Erinnern an den Holocaust als einen Kern des israelischen Selbstverständnisses. Wie nehmen Schüler die Gräuel auf, wenn sie die israelische Flagge um ihre Schultern tragen und in Auschwitz Haare, Kleidungsstücke und Koffer der Ermordeten sehen? Das Buch rührt an das Ritual dieser Erinnerungskultur, in dem es gleich im Titel benannt wird: „Monster“.

Yishai Sarid, in Tel Aviv geboren und wohnhaft, schreibt ganz unverstellt über einen Historiker, der zur Landesgeschichte kommt, weil ihm Sprachkenntnisse und Ehrgeiz fehlen. Seine Doktorarbeit ermittelt „Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Arbeitsmethoden deutscher Vernichtungslager im 2. Weltkrieg“. Die Technik interessiert ihn, und warum nicht einheitlich vorgegangen wurde – in Sobibor, Chelmo, Birkenau... Nach seinen Vorträgen wird ihm zu „mehr Gefühl und Opferbezug“ geraten, aber er ist nun mal Historiker, sagt er sich, und will sich bessern. In Polen hat er alles gesehen, Quellen (auch auf deutsch) gelesen, Bücher gewälzt und Mordverfahren analysiert. Eigentlich wollte er nur „als ruhiger Mensch, sorglos und unaufgeregt, durchs Leben segeln“. Stattdessen führt er über Friedhöfe, vermittelt jüdische Kultur in Polen, den Kampf im Warschauer Ghetto. Majdanek ist komplett erhalten, zwei Gaskammern, Zyklon B, Krematorium mit Öfen, Erschießungsgrube. „So müsste man es mit den Arabern machen“, hört er immer wieder von Schülern. Wie ihn das alles seelisch belastet, unterschätzt der Familienvater, der nun auch für seinen Sohn Ido Geld verdienen muss. Monatelang ist er in Polen.

Als der Holocaust-Überlebende Jochanan aus Haifa mitkommt, um sein Schtetl, seine Heimat, zu besuchen, überfällt den alten Mann die Erinnerung zu stark. Warum durfte er überleben? Den Schülern kann Jochanan nichts mehr vermitteln. Autor Sarid schreib indirekt über Vergeblichkeit. Die inhumane Dimension des Holocaust wirkt sich immer noch aus. Die Angst der Opfer vor hemmungsloser Gewalt stabilisierte das deutsche Lagersystem. Nur 30 Deutsche, 150 Ukrainer und 600 jüdische Häftlinge halfen, zwei Millionen Juden zu liquidieren, wird Himmler gemeldet. Sarid weist auf das Faszinosum solcher Zusammenhänge hin. Hätte der Historiker sein Leben riskiert, um Juden zu retten? Nein – selbst die Jugendlichen gefallen ihm nicht. Eine Lehrerin weist ihn darauf hin, dass sie die Zukunft und Hoffnung Israels sind. In dem Autor Sarid Formen des Erinnern ausstellt, wird er zum Ende diskursiv. Wie authentisch ist ein KZ-Rollenspiel am Computer? Und wird Polen eine Staats- und Machtdemonstration Israels in Auschwitz zulassen – mit Helikoptern und Befreiung von KZ-Häftlingen? „Wir werden es nicht noch einmal geschehen lassen“, sagt ein Schüler, „wir müssen ein bisschen so sein wie Nazis.“

Sarid geht es um das israelische Selbstverständnis und wie sehr von den Erfahrungen aus dem 2. Weltkrieg heute noch profiliert wird. Das ist sehr eindrücklich, analytisch und ohne Tabus geschrieben.

Als ein deutscher Doku-Filmer den Fremdenführer für sein Projekt einspannen will, wirken alle Erfahrungen auf den Historiker, dem Autor Yishai Sarid keinen Namen gegeben hat. Jeder kann sein Handeln verstehen.

Yishai Sarid: Monster. Roman. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Kein & Aber Verlag, Berlin. 174 S., 21 Euro.

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