„Yesterdate“ am Aalto Theater Essen

Sie waren so rebellisch, die 60er Jahre: Henrik Wager legt sich als Kenneth ins Zeug. Der Revueabend „Yesterdate“ wurde am Aalto Theater in Essen begeistert aufgenommen. Im HIntergrund: Brigitte Oelke (von links), Christina Clark und Albrecht Kludszuweit. Foto: jung

Essen – Sagt die Gunda zum Kenny verträumt: „Weißt du noch? Erdbeerfelder in Kettwig!“ Hach ja. Lang ists her. Die zitierten Erdbeerfelder sind eine Anspielung auf den Beatles-Hit „Strawberry Fields“. Die Beatles haben tatsächlich 1966 mal in der Essener Gruga-Halle gespielt, auf ihrer „Bravo-Blitz-Tournee“. Aus dieser Erinnerung haben Marie-Helen Joel, Ensemblemitglied am Aalto-Theater Essen, und Heribert Feckler einen Revueabend gemacht: „Yesterdate“. Ein Rendezvous mit Jugenderinnerungen: Bowle, Fotos von Vietnam-Protestierenden am Essener Hauptbahnhof, jede Menge Erinnerungsdias. Joel und Feckler haben eine Story um eine Clique gestrickt, die in den 60ern eine Band namens „Dropping Softice“ bildeten. Die Revue startet allerdings im Jahr 1996, als die Gruppe sich mal wiedertrifft: Bärbel (Marie-Helen Joel) ist inzwischen die perfekte Ehefrau des erfolgreichen Chefarztes Lutz (Albrecht Kludszuweit). Rolf (Alexander Franzen) hat eine Schlagerkarriere aufgegeben und ist Manager und Ehemann der Jazzsängerin Penny (Christina Clark, deren Rollenname jede Menge „Penny-Lane“-Witze hergibt). Kenneth ist Inhaber eines Londoner Modeladens und sieht aus, als habe er die 60er nie verlassen (Henrik Wagner).

Zu Besuch kommt Gunda (Brigitte Oelke), erfolgreiche Unternehmensberaterin. Sie wurde im Sommer 1966 minderjährig schwanger, die Eltern verfrachteten sie in die Schweiz, damit niemand die Schande mitbekam. Nun hat sie ihren Sohn Alexander (Thomas Hohler) dabei, und, Überraschung, der Vater ist genau der, von dem man sofort denkt, dass er der Vater ist. Die erste Hälfte ist hauptsächlich Erklärstück. Wer war damals mit wem? Wie geht es ihnen heute? Das bleibt allerdings oberflächlich, denn hier geht es um Songs: zur Musik geronnene Erinnerung. Natürlich liebt auch Alexander die Musik der 60er und stimmt sogleich „Barbara Ann“ von den Beach Boys an (Hohler bringt jugendlichen Popglamour in die Show). Die Begleitung übernimmt die „United Rock Band“ unter Fecklers Leitung. Sie pumpt ordentlich Druck in den Saal.

Viel Lokalkolorit wird eingestreut. Das kennen nur Essener einer bestimmten Generation, allen anderen muss das erklärt werden, was wiederum Zeit erfordert. Dass das „BMV“ ein „Backfisch-Aquarium“ oder, anders gesagt, eine höhere Töchterschule war – das interessiert vielleicht doch nicht jeden auswärtigen Gast. Vor der Pause gibt es emotional auf die Zwölf, denn man hat eine Hymne auf Zeche Zollverein komponiert: „Feuer und Flamme.“ Sie zündet noch nicht so recht.

Nach der Pause kommt die eigentliche Revue: Die „Dropping Softice“ machen eine Show mit allem, was WDR4 auf eine 60er-Jahre-Playlist setzen würde. Es gibt ein Beatles-Medley, in dem die drei Damen ihren Liebesfrust besingen. „Help“ singen Joel und Kludszuweit, als sie den kräftigen Kerl in eine knappe Kostümjacke stecken. Man hat ja doch ein bisschen zugelegt im Vergleich zu früher…

Hohler und Wagner singen sehr berührend Simon & Garfunkels „Sound of Silence“. Witzig ist ein Duett von Christina Clark und Joel, die als junge Mädels miteinander telefonieren. „Schuld war nur der Bossa Nova“, schwärmt Clark von ihrer neuesten Eroberung. Joel schmollt als brave Tochter: „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann“. Von einer Story bleibt hier nicht mehr viel. Es geht ums schmunzelnde Wiedererkennen, ums Mitsummen und Klatschen. Zum heimlichen Star mausert sich Kludszuweit, der den schrillsten Hut auf hat (Kostüme: Ulrich Lott) und am meisten rumtanzt, sich am Schluss von „Marmor, Stein und Eisen bricht“ elegant in den Spagat rutschen lässt. Leider ist es die falsche Zeit für Glamrock: Das hätte dem Bühnentier Kludszuweit bestimmt auch ganz klasse gestanden. Die Opernsänger schlagen sich mehr als wacker, vor allem Henrik Wagner, der in seine Songs ordentlich Samt legt, und Brigitte Oelke, die ihren machtvollen Sopran in eine ordentliche Rockröhre transformiert.

„I’m a believer“ von den Monkees wird zur Mitsing-Nummer. Ein Song jagt den nächsten, fast wird es ein bisschen viel. Muss „Aquarius“ aus dem Musical „Hair“ auch noch dabei sein? Und „California Dreaming“? Und noch „San Francisco“?

Doch die Mischung funktioniert: Im Finale ist das Publikum mitgerissen, und es gibt noch drei Zugaben, dazu Luftballons und Konfetti. Zum Schluss nochmal die Zechenhymne. Dieses Mal singen alle mit.

Edda Breski

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