Yasmina Rezas „Drei Mal Leben“ in Bochum

Seine Wut lässt Henri (Sascha Nathan, rechts) Richtung Hubert (Oliver Möller) heraus. Die Ehefrauen Ines (Jele Brückner, links) und Sonja (Karin Moog), Henris Gattin, beobachten das Duell. Szene aus dem Stück „Drei Mal Leben“ am Schauspielhaus Bochum. Foto: baumann

Bochum – Frisch geduscht und mit Sport-BH weiß Sonja, wie ihr Abend aussehen soll. Noch ein paar Texte für den Arbeitstag, dann könnte die Juristin entspannen. Doch der sechsjährige Sohn quengelt und Ehemann Henri findet kein Ende. Einen Keks oder einen halben Apfel? Wann schläft er? Vati ist überfordert. Mutti muss noch mal schauen. Ein Spielchen, das Eltern kennen, und mit dem am Schauspielhaus Bochum Yasmina Rezas Stück „Drei Mal Leben“ beginnt.

Regie führt Martina Eitner-Acheampong, die viele Jahre Schauspielerin in Bochum war, und nun drei Varianten eines Abends einrichtet. Das verabredete Abendessen bringt zwei Paare an ihre Grenzen. Henri hofft, dass der Kollege Hubert seinen Einfluss geltend macht, damit der Astrophysiker endlich Forschungsdirektor werden kann. Aber wird Hubert, der eitle Karrierist unter den Planetenforschern, seine Umlaufbahn verlassen und hilfsbereit sein? Welche Rollen übernehmen die Frauen?

Regisseurin Eitner-Acheampong hat viel vor. Sie befasst sich selbst mit Gestirnen und Galaxien. Für „Drei Mal Leben“ öffnet sie die Laborsituation, die die französische Dramatikerin Yasmina Reza („Der Gott des Gemetzels“) für ihre artifiziellen und unterhaltsamen Menschenversuche entwirft, Richtung Bühnenhimmel. Eine elliptische Projektionsfläche spiegelt den Aktionsraum der Drehbühne (Jan Steigert). Aber von einem Gegenpol im Weltall, der das Menschliche gar kleinlich erscheinen lässt, ist die Inszenierung weit entfernt. Die Regie setzt zu sehr aufs Boulevardtheater und auf überzogene Selbstbilder. Henri ist am Rande des Nervenzusammenbruchs. Sascha Nathan lässt das Weichei in Birkenstockpantoffeln keuchen und jammern. Eine nervige Person. Als ihm Hubert andeutet, dass ein aktueller Aufsatz Henris Thema von den galaktischen Halos behandelt, ist die Reputation des Forschers in Gefahr. Er hat doch seinen Artikel bereits angekündigt. Henri ist entmutigt, depressiv, eine Belastung für alle.

Eitner-Archeampongs Figuren berühren einen nicht. Karin Moog gibt Mutter Sonja herb und selbstbezogen. Sie fährt Attacken gegen Hubert, den Oliver Möller mit jeder Bewegung als arroganten Gockel spreizt. Mit ihm ist Ehefrau Ines gekommen, die sich um ihre Laufmasche sorgt. Jele Brückner führt ein silbriges Cocktailkleid aus und beharkt sich im Dauerzwist mit Hubert. Das rezitierte Anemonen-Gedicht belegt ihre Vereinzelung. Es sind spröde Begegnungen ohne Respekt und Taktgefühl. Dass Henri und Sonja überrascht wurden – sie hatten sich im Datum vertan – belastete den Abend früh. Ohne das verabredete Essen folgt ein Desaster. Anstand, Halt und Wärme verströmen die Figuren erst im dritten Teil der Inszenierung.

Vorher lässt Musiker Torsten Knoll jeden Darsteller einen gleichen Ton auf dem Xylophon schlagen, um einen gemeinsamen Ausgangspunkt zu finden. Ein therapeutischer Moment, um auf Theaterarbeit zu schauen. Auch den Umbau besorgt das Ensemble selbst.

Eitner-Acheampong kommentiert die Versionen in Yasmina Rezas Stück mit Bildern im Bühnenspiegel. Flüssiges ist ausgegossen, Möbelutensilien sind zu sehen, bieder soll das wohl wirken. Sonja und Henry drehen sich zwischen Sitzelementen und Beistelltisch – jeder für sich. Es ist ein Symbol für ihr Verlorensein, aber ähnlich abstrakt wie die projizierten Bild, die später noch Sterne formieren und bewegen. Diese visuellen Fliehkräfte sind absichtsvoll, aber sehr vage. Und sie befragen den Text auf seinen Gehalt. Was ist ewig wie die Sterne?

Überzeugend wirken dagegen Ideen, Gefühle zu inszenieren. Denn das Theater in Corona-Zeiten muss auf Abstand bleiben. Im zweiten Teil wirbt Hubert um die Gastgeberin. Und Sonja läuft mit einer Folie, die sich wie eine flirrende Emotion anfühlt. Hubert erhascht nur einen Fetzen davon. Als Henri erkennt, dass der Forscher ihn nicht ernst nimmt, und die tapsige Ines mit der Folie belegt, dass sie beide gesehen hat, wirft Henri seine Gäste raus. Sascha Nathan brüllt nun bis zur Erschöpfung und spielt das Gegenstück zum Jammerlappen aus Teil eins.

Geradezu befriedet ist die Bochumer Inszenierung im dritten Teil. Das Söhnchen spielt Klavier und stört nicht, die Paare sprechen auf Augenhöhe und stehen sich gegenüber: „Wir leben in einer Sehnsucht nach einer verlorenen Totalität“ ist zu hören. Und wenn Henri nicht in diesen Moonboots und Sonja nicht mit der Katzenmaske spielen würden, wäre alles wohl zu kitschig. Der letzte Teil ist eine Hoffnung zwischen Himmel und Erde. Sonja erklärt den Widerstreit, in dem ihr Mann Henri lebt. Das ist aufrichtig. Und niemand kann sagen, warum es nicht öfter so sein kann. „Danke für den schönen Abend.“ Henri winkt. Schwerelos.

Am Ende fasst sich das Ensemble an die silberfarbigen Handschuhe, um den Corona-Regeln zu entsprechen. Freundlicher Applaus.

Das Stück

Drei Versionen eines Pärchenabends zu viert, werden auf ihren Gehalt hin im Wechselspiel mit der Unendlichkeit des Universums befragt.

Drei Mal Leben am Schauspielhaus Bochum.

16., 17., 18. 10. ausverkauft; Tel. 0234/3333 5555; www. schauspielhausbochum.de

Karten nur im Vorverkauf erhältlich: tickets. schauspielhausbochum.de

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