Wolfgang Schlüters Roman „Fox oder der kleine Klavierschwindel“

Wolfgang SchlüterSchriftstellerFoto: privat/ Matthes & Seitz

Am Ende entscheidet die Musik alles: „Wer dauerhaft Heavy Metal oder Hard Rock hört, verdirbt sich erst das Gehör, dann den Verstand und zuletzt den Charakter. Musik für Roboter, für Totschläger in spe.“ Claus-Henning Abendroth, der Protagonist in Wolfgang Schlüters Roman „Fox oder der kleine Klavierschwindel“, hält seine entschiedenen Meinungen zur Moderne, zu Europa, zur Kunst nicht zurück. Dabei steht der verschrobene Mann unter der Anklage als Totschläger. Die Psychologin Dr. med. Annegret Soltau versucht, sich ein Bild zu machen. In langen Sitzungen lässt sie Abendroth erzählen. Eine Lebensbeichte, die zu einem Tod führt.

Wolfgang Schlüter wurde 1948 geboren in Königslutter am Elm, Niedersachsen, Zonenrandgebiet. Er studierte Musikwissenschaft und Philosophie, promovierte 1982 mit einer Arbeit über die Rezeption Gustav Mahlers. Er lebte zeitweise in Wien, in Irland, er arbeitete von 1984 bis 1993 bei der Arno Schmidt Stiftung in Bargfeld an der Edition der Werke Arno Schmidts mit. Und er las 1997 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Es hilft bei der Lektüre von „Fox“, das zu wissen. Denn Claus-Henning Abendroth teilt mit dem Autor all diese Lebensstationen. Schlüter hat sich als Verdächtigen einer Gewalttat in sein Buch geschrieben.

Ohne Arno Schmidt wäre dieses Buch nicht denkbar. Schlüter konstruierte seinen Roman überaus kunstvoll. Die Psychologin fungiert als Ich-Berichterstatterin, die die umständliche Schilderung Abendroths immer wieder zu kanalisieren versucht: „,Herr Dr. Abendroth, darf ich Sie bitten‘, unterbrach ich, auf meine Armbanduhr blickend, ,sich etwas kürzer zu fassen?‘“ Erfolglos. Der Mann schweift nur noch weiter ab in eine Beschreibung des Bahnhofs seiner Geburtsstadt. Je länger man liest, desto mehr drängen sich Zweifel auf an der Glaubwürdigkeit des Verdächtigen. Die Doktorin fragt sich, ob nicht „Trug und Schwindel“ mitspielen.

Einer langen literarischen Tradition folgend, hat Schlüter diese Handlungsebene durchsetzt mit Einschüben. Abendroth hat zur Bedingung seiner Aussage gemacht, dass Soltau eine Erzählung von ihm in das Gutachten aufnimmt. So wechselt man von Kapitel zu Kapitel zwischen Soltaus Bericht und einer Betrugsgeschichte um den Musikkritiker Steven Birthwistle und seine Freunde, unter ihnen eben der titelgebende, aus gutem Haus stammende Eugene Ebenezer de St.-Fox-Aubreville, kurz Fox, die gefälschten Einspielungen klassischer Musik auf die Spur kommen. Das Verschränken zweier vermeintlich unzusammenhängender Erzählungen kennt man spätestens seit E.T.A. Hoffmann. Schmidt hat in „Kaff auch Mare Crisium“ ein ähnliches Erzählmuster gegeben, da versucht der Held, seine spröde Geliebte mit einer Science-Fiction-Story vom Mond williger zu stimmen. Auch bei Schlüter findet man Stichworte aus der einen Ebene auf der anderen aufgegriffen.

Eins kann man dem Autor nicht vorwerfen: dass er seine Leser unterfordere. Das Buch ist in einem Deutsch auf dem Stand des 19. Jahrhunderts geschrieben, in jenem anachronistischen, aufgesetzt heimeligen Ton, den schon Schmidt für seine kurzen Stürenburg-Erzählungen wählte. Da wimmelt es von herrlichen Genitiven, es mangelt nicht an Nebensätzen und fast versunkenen Wendungen wie „fürderhin“, „buntscheckicht“, „sich entschlagen“, „unverweilt“. Alles in alter Rechtschreibung. Schlüter gelingen wunderbare Beschreibungen wie bei einem Blick aus dem Fenster, „gleichsam aus der Perspektive eines kleines Tieres …, etwa eines Hasen, welcher Schutz sucht im hohen Gras, das mit Schlüsselblumen, Löwenzahn, Gänseblümchen und Doldenkräutern zwischen Brombeerranken und zu Hunderten blühenden gelben Schwertlilien hoch aufwuchs und bei sinkender Sonne von ihren Strahlen goldgrün durchglüht wurde“. Da trifft es wie ein kalter Wasserguss, wenn von „mit Dobermännern bewaffneten Prolls“ die Rede ist oder von „Subwoofern“.

Abendroth ist eine wunderlich gespaltene Person, politisch links mit Adorno und den 68ern sozialisiert, aber von einem tief konservativen Misstrauen gegen den Fortschritt, der „alles Schräge, Dysfunktionale, Unebene, Störende“ planiert. Man bekommt auch eine Chronik des Nachkriegsdeutschlands vom Kriegsende bis ins frühe 21. Jahrhundert, alles aus der Perspektive eines Intellektuellen, der im Leben vielfach scheitert, nicht nur, weil er 26 Semester studiert.

Schlüter entwirft in seinem Roman eine Gegenwelt gegen eine von „Event-Gehuber“ und „Rambazamba“ geprägte Gegenwart. Durchaus in der Tradition der Frankfurter Schule behauptet er – bei allem hochkomischen Scheitern – das Recht des Individuums gegen das Kollektiv, gegen die moderne kulturferne Massengesellschaft. Vielleicht so darf man das Projekt von Birthwistle verstehen, der im Pfarrgemeindesaal vor einem schrulligen Kreis von Freunden eine Vortragsreihe zu musikalischen Themen startet, die auf dem Level der Radio-Essays von Arno Schmidt und der ästhetischen Theorie Adornos von William Byrd, Beethoven, Alban Berg handeln. Freilich schwingt stets ein humoristischer Generalbass mit, so wenn ein Vortrag Haydns Symphonie Nr. 42 als musikalische Eisenbahnfahrt beschreibt. Wo doch zur Entstehungszeit des Werks nicht einmal die Dampfmaschine erfunden war.

Der Leser muss mitarbeiten in Schlüters versponnenem, vertracktem Roman. Er sollte einige Anspielungen auf Thomas Manns (ja ebenfalls musikalisch unterfüttertem) Roman „Dr. Faustus“ erkennen und vielleicht mit Finnegan aus Joyces Roman etwas anfangen können. Und er sollte offen sein für Motive wie das des Hasen, der in vielfacher Verkleidung Haken durch das Prosa-Dickicht schlägt, mal als Schlummertier, mal im Knuspermantel, mal als Metapher des ewig Ausweichenden. Anstrengend, gewiss. Aber es ist eins der seltenen Bücher, an denen ein Leser wachsen kann.

Wolfgang Schlüter: Fox oder der kleine Klavierschwindel.

Verlag Matthes und Seitz, Berlin. 480 S., 28 Euro

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