„White People's Problems“ von Benny Claessens in Bochum

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Böse auf die weißen Männer: Szene aus „White People’s Problems“ in Bochum mit Anne Rietmeijer, Ann Göbel, Thelma Buabeng und Jing Xiang (von links).

BOCHUM - Vier Frauen in weißen Kleidern sitzen kichernd am Boden, als ob sie im Sandkasten spielten. Kommt ein Mann, fragt sie, was sie da haben. Sie drucksen erst rum, „nichts“, dann sagen sie, sie haben ein Stück, „Die Weber“ von Gerhart Hauptmann. Was sie damit machen? „Wir begraben es.“

Benny Claessens schenkt sich das Werk des Naturalisten gleich ganz. Keine „Weber“, kein „Vor Sonnenuntergang“. Das sind doch nur Probleme weißer Männer, böse Geschichten von Untoten. Also befasst sich der belgische Schauspieler und Regisseur in seiner Stückentwicklung „White People‘s Problems/ The Evil Dead“ für das Schauspielhaus Bochum mit den heute wirklich relevanten Dingen. Wer kommt auf der Bühne zu Wort, wessen Nöte werden verhandelt? In der Außenspielstätte „Zeche 1“ wird dafür kernig improvisiert. Da kommt zum Beispiel die in Ghana geborene Thelma Buabeng zu Wort: „Früher hätte ich Baumwolle gepflückt.“ Gewiss: Auf den berühmten Baumwollfeldern an den Ufern der Ruhr.

Zuvor muss man für dieses Metatheaterstück freilich Geduld mitbringen. Wenn Buabeng ihre Sätze sagt, sind bereits drei Viertelstunden verstrichen, in denen fünf Schauspielerinnen und zwei Schauspieler reinkommen und rausgehen, sich ab und an einen Kaffee einschütten, Dinge vor sich hinmurmeln oder nur die Musik des belgischen Elektronikduos Nid und Sancy durch den Waschraum dröhnt, den Bühnenbildner Stefan Britze in eine Waschkaue zurückverwandelt hat, mit ausgestreuten Bahnen von Kohlestaub.

Reichlich dreieinhalb Stunden wendet Claessens darauf, das Theater als Selbstrepräsentation einer wohlsituierten Klasse zu dekonstruieren, die unter dem Deckmantel ihrer aufgeklärten Liberalität eigentlich reichlich Vorurteile bis hin zu Rassismus und Fremdenfeindlichkeit kultiviert. Das würde man sich freilich lieber anschauen, wenn es nicht gar so unkonzentriert, langweilig und im engen Theatermacherhorizont gefangen wäre. Am deutlichsten wird das in einer Szene, die sich polemisch gegen den Schweizer Regisseur Milo Rau wendet, ohne ihn beim Namen zu nennen. William Bartley Cooper spricht den Monolog des letzten Bergmanns, der sich mit Rau getroffen hat und von ihm als „authentischli“ belobigt worden sei. Am Ende aber kam er nicht auf die große Bühne, weil der Regisseur einen anderen Bergmann fand, der noch authentischer war. Mehr Selbstbespiegelung von einem weißen Mann zum anderen geht kaum.

Claessens bedient in dem Abend die Klaviatur der Stile und Tonlagen, traut aber dem Publikum nicht viel zu. Warum sonst wiederholt er seine szenischen Miniaturen so oft? Die eingangs erwähnten Damen verbuddeln das Hauptmann-Stück gleich dreimal. Wie oft sich die DarstellerInnen an dem Abend Kaffee nachschütten, habe ich nicht gezählt. In der kleinen Ekel-Szene mit Cooper als Bewohner einer Leichenhalle, der sich ein paar Häppchen der Toten gönnt, zieht er den Darm minutenlang aus dem liegenden Körper. Ja, Kannibalismus gehört zu den kolonialistischen Klischees. Kommt auch so oft vor in Gerhart Hauptmanns Dramen. Und damit es zwischendurch auch mal etwas Hübsches zu sehen gibt, dürfen fünf gut gebaute Statisten in mehreren Szenen duschen. Sie geben Bergleute, die ab und zu durchs Bild laufen und „Rhabarber, Rhabarber“ sagen. Den Abgesang der Tochter an Hegel hören wir zweimal. Erst sentimental als Liebeserklärung von Ann Göbel, die sich melancholisch an Bernd Rademacher lehnt und ihm ins Gewissen redet, dass er Sklaverei nur als europäisches Phänomen dachte. Nach der Pause trägt dann Jing Xiang eine wütende Trauerrede vor, nicht ohne zwischendurch die fünf duschenden Herren zu befummeln, die im Bademantel um den Sarg stehen. Das ist toll gespielt, aber vielleicht haben People of Color heute wichtigere Probleme als die mangelnde Beachtung durch einen deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts.

Claessens hatte eine interessante Idee. Aber er fand für sie keine passende Form.

9., 10., 11., 23., 24., 25.11., 5., 6.12.; Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

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