Westfälisches Landesmuseum zeigt Schenkung mit Beuys-Multiples

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Aufklärung und Erhellung mit Zitronenkraft: Die „Capri-Batterie“ (1985) von Joseph Beuys gehört zur Schenkung Rotert, die das Westfälische Landesmuseum Münster nun im Lichthof vorstellt.

MÜNSTER - Doch, die „Capri-Batterie“ ist mehr als nur ein Scherz. Wenn es nicht zu hell wäre im Lichthof des Westfälischen Landesmuseums in Münster, dann sähe der Besucher, dass die Zitrone tatsächlich genug Strom abgibt, um die Glühbirne zum Glimmen zu bringen. Da war Joseph Beuys (1921–1986) nicht nur Künstler, sondern auch Techniker genug bei seinem Multiple von 1985, das nun auf dem Tisch vor uns liegt, neben der Originalkiste, in der es einst verschickt wurde und vielen Kunstfreunden Erleuchtung verschaffte.

In der Ausstellung „Hülle und Kern“ zeigt das Landesmuseum einen Großteil jener rund 150 Arbeiten des Künstlers, die es vor wenigen Monaten geschenkt erhalten hat. Das seien „Sternschnuppen“ im Leben jedes Museumsdirektors, erzählt Hermann Arnhold von jenem Angebot, um das ihn viele Kollegen beneiden. Das Osnabrücker Sammlerpaar Ingrid und Manfred Rotert hat seit 1971 Arbeiten des Künstlers gesammelt. Das ging auch mit dem Gehalt eines Kaufmanns in der Mineralölbranche, denn Roterts sammelten Multiples, Kunstwerke, die bewusst in Serien produziert und für erschwingliches Geld auf den Markt gebracht werden. Einige, berichtet Marianne Wagner, Kuratorin für Gegenwartskunst, kann man heute noch kaufen.

Eine Holzkiste, die innen von Beuys mit Bleistift beschriftet wurde, mit dem feinsinnigen Titel „Intuition“ (1968), kostete sieben Mark und kam in einer Auflage von 12 000 auf den Markt – wahrhaft Volkskunst. In der Ausstellung ist sie ganz am Anfang ausgestellt. Andere Arbeiten wie der berühmte Filzanzug (1970), den Roterts lange im Keller bei ihren Wintermänteln aufbewahrten, sind heute auch für Museen kaum noch erschwinglich.

Die Museumsleute und auch Barbara Rüschoff-Parzinger, die Kulturdezernentin des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, sind überaus dankbar für das großherzige Geschenk. Passt es doch einerseits in die Sammlung des Museums, die mit der Sammlung Cremer bereits einige Arbeiten aus dem Bereich Fluxus und Objektkunst besitzt, neben Werken zum Beispiel von Dieter Roth auch einzelne Stücke von Beuys. Andererseits war aber gerade von ihm, der zu den bekanntesten wie polarisierendsten deutschen Künstlern gehörte, viel zu wenig vorhanden. Nun aber kann man die wichtigen Themen des Meisters der „sozialen Plastik“ mit prägnanten Stücken dokumentieren. Dass in der Sammlung keine der großen monumentalen Installationen vertreten ist, empfindet Kuratorin Marianne Wagner nicht als Nachteil. Mit den Multiples bleibt das Haus beweglich. Die monumentale Talg-Skulptur „Unschlitt/Tallow“, die Beuys 1977 für die Skulptur Projekte geschaffen hatte und die heute im Hamburger Bahnhof in Berlin gezeigt wird, füllte damals den Lichthof. Da blieb kein Spielraum für anderes.

Die wichtigen Themen sind dagegen auch im kleinen Format spannend zu studieren. Zum Beispiel der Umgang mit besonderen Materialien, die zum Beispiel Energie tragen. Hier steht man nun vor einem Einweckglas mit Fett und einer Konservendose mit Honig, dem multiple „...aus dem Maschinenraum“ (1978). Die eher kleinteiligen Arbeiten sind großenteils wunderbar zugänglich auf Tischen platziert ohne störende Glashülle, als ob man sie in die Hand nehmen dürfte (was man natürlich nicht darf). Einen Schwerpunkt bilden Arbeiten aus dem Komplex der „Wirtschaftswerte“, bei denen Beuys sich anhand von Alltagsprodukten aus der DDR mit Kapitalismus und Warenwelt auseinandersetzt.

Aber auch Beuys‘ Kampagne für direkte Demokratie ist vertreten, Fotoserien von Kunstaktionen, Objekte wie die verzinkten Rollen von Ingmar Bergmans Film „Das Schweigen“. Beuys hatte ja Humor, posierte sogar als Westernheld „Dillinger“ auf einem mit Klaus Staeck produzierten Plakat. Und sogar seine Stimme hallt unaufhörlich durch den Saal in einer Aufnahme seiner Aktion „Ja Ja Ja, Nee Nee Nee“ (1969).

Bis 29.9.2019, di so 10 – 18 Uhr, Tel. 0251/ 5907 201, www.lwl-museum-kunst-kultur.de

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