Werkschau von Edouard Manet im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal

Von einseitiger Liebe erzählt Edouard Manet in seinem Gemälde „Beim Père Lathuille“ (1879), zu sehen in Wuppertal. - Fotos: Museum

WUPPERTAL - Der Mann hat Absichten. Den Arm hat er besitzergreifend auf die Lehne ihres Stuhls gelegt. Mit aufgerissenen Augen redet er auf sie ein. Der Kellner im Hintergrund kann den Kaffee noch nicht servieren. Die Dame hingegen scheint nicht begeistert von ihrem Verehrer. Steif aufgerichtet entzieht sie sich seiner Annäherung. Ein Drama bringt Edouard Manet in sein Gemälde „Beim Père Lathuile“ (1879).

Das berühmte Kunstwerk ist im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum zu sehen. Das Haus zeigt tatsächlich eine große Werkschau mit gut 45 Gemälden des französischen Künstlers. Das ist sensationell aus mehreren Gründen. Von Manet (1832–1883) sind nur rund 450 Gemälde überliefert. Museumsdirektor Gerhard Finckh kann also immerhin zehn Prozent des Gesamtwerks vorstellen – beim Marktwert und Ruhm des Malers keine Selbstverständlichkeit. Zudem gab es erst im letzten Jahr eine Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle. Die Großzügigkeit der Leihgeber wurde also besonders strapaziert. Hauptwerke wie der skandalumwitterte Akt „Olympia“ (1863), das „Frühstück im Grünen“ (1863) oder eine Fassung der „Erschießung des Kaisers Maximilian von Mexiko“ (1868/69) sind sowieso nicht zu haben. Kein Museum verzichtet auch nur einen Tag auf solch einen Publikumsmagneten.

Das ist bedauerlich, besonders, wenn es wie in Wuppertal ein überzeugendes Konzept gibt, das durch eine Werkschau von den ersten Anfängen im Atelier des Historienmalers Thomas Couture bis zu den letzten Stillleben führt, die der von der Syphilis Gezeichnete mit letzter Kraft schuf. Finckh zeigt Manet als Vertreter des Bürgertums, einen Künstler mit wachem Blick für politische und gesellschaftliche Aktualität. Das republikanische Selbstverständnis Manets zeigt recht schön ein Briefkopf von 1880, auf den er eine Trikolore und den Ausruf „Vive la république“ aquarellierte.

Aber auch die intime Szene aus dem Gartenlokal spiegelt Manets Gegenwart. Der Flirt gleichsam im öffentlichen Raum, mehr noch aber die Frau, die nicht als williges Objekt männlichen Begehrens gezeichnet wird, sondern mit eigenem Willen, stehen für eine Bürgergesellschaft mit neuen Lebensgewohnheiten.

Manet entstammte dem Großbürgertum, sein Vater war hoher Beamter. Der Künstler trat nie als Bohémien auf, sondern war korrekt gekleidet, selbst wenn er im Freien malte. Er legte Wert darauf, im staatlich organisierten Salon vertreten zu sein, das sei der „wahre Kampfplatz“, sagte er. Obwohl er mit Impressionisten eng befreundet war, nahm er nicht an den Ausstellungen der „Zurückgewiesenen“ teil, obwohl Bilder wie „Olympia“ und „Nana“ nicht zugelassen wurden. Manet malte aktuelle Themen, gab auch dem Büchsenspanner auf der „Hinrichtung des Kaisers Maximilian“ die Züge Napoleons III. Er meldete sich im deutsch-französischen Krieg freiwillig. Finckh fasst das zur These zusammen, Manet habe demokratisch gemalt.

Die Ausstellung bietet trotz ihrer erklärbaren Lücken überreiches Anschauungsmaterial. Die Skandalbilder sind als große Reproduktionen und in kleinen Radierungen zu sehen. Ein Raum ist explizit dem politischen Manet gewidmet. Die Affäre um den vom französischen Kaiser zunächst geförderten, dann aber fallen gelassenen Maximilian wird mit Fotos und grafischen Blättern nachvollzogen. Zum verlorenen Krieg und dem anschließenden Aufstand der Kommune sieht man kleine Gemälde wie die „Explosion“ (1871). Immer wieder verarbeitete Manet Tagesereignisse in Gemälden.

Aber auch in anderer Hinsicht brach Manet mit Konventionen. Selbst seine Stillleben sind innovativ, wie die Schau wunderbar zeigt. Manets Freund Henri Fantin-Latour schuf prachtvolle Obststillleben, zum Beispiel von Pfirsichen, bei denen der Betrachter meint, die samtige Haut der Früchte spüren zu können. Zum Reinbeißen sozusagen. Manet hingegen malt im Postkartenformat eine einzelne Zitrone, ganz konzentriert auf das intensive Gelb. Eine Abstraktion, die das Wesentliche betont, mehr ein Zeichen als eine naturalistische Imitation.

Manet wird in Wuppertal im Kontext seiner Zeit gezeigt. So findet man nicht nur Werke berühmter Impressionisten wie Monet, Renoir, Pissarro, sondern auch von Künstlern, mit denen er ebenso befreundet war und die hierzulande kaum bekannt sind. Anrührend sind zum Beispiel zwei Porträts zusammengeführt, die Manet und Emile-August Carolus-Duran jeweils vom anderen schufen. Sie malten sich im Wald. Beide Bilder sind unvollendet, skizzenhaft. Und doch spürt man in ihnen eine herzliche Zugewandtheit.

Letztlich bekommt man den ganzen Manet in der Schau, die sich würdig in die großen Wuppertaler Präsentationen von Impressionisten einreiht. Ein Raum bietet prachtvolle Seestücke und die Ansicht des Hafens von Bordeaux (1871) – der junge Manet hatte Seemann werden wollen. Man hat die Radierungen zum damals populären Thema Spanien, die Stillleben, hinreißende Porträts wie den lebensgroß dargestellten Künstler Marcellin Desboutin (1875), das aus Sao Paulo kommt, den posierenden Monsieur Brun (ca. 1879), eine Leihgabe aus Tokio, oder Manets Schwägerin, die Malerin Berthe Morisot.

Ein großer Schlussakkord ist der Saal, der Manets Darstellungen der französischen Gesellschaft zeigt. Er war ein Flaneur, immer unterwegs, porträtiert „Amazonen“, selbstbewusste junge Frauen, die zum Beispiel ausreiten, oder die heitere „Krocketpartie“ (1873), Zeitvertreibe eines Bürgertums, das sich von den Zwängen der Ständegesellschaft befreit hat. Der geniale Einzelgänger fasste das Typische seiner Epoche in zeitlose Bilderzählungen.

24.10.–25.2.2018, di, mi 11 – 18, do, fr 11 – 20, sa, so 10 – 20 Uhr, Tel. 0202/ 563 62 31, www.manet-ausstellung.de,

Katalog, Kettler Verlag, Dortmund, 25 Euro

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