Werkschau des Aktionskünstlers Hermann Nitsch im Osthaus-Museum Hagen

Sakraler Raum: Monumentale Gemälde und die „Stiertrage“, die bei Aufführungen des Orgien Mysterien Theaters verwendet wird.

HAGEN - Allzu pingelig sollte der Besucher nicht sein, der sich im Hagener Osthaus-Museum die Werkschau von Hermann Nitsch anschaut. Ausgiebig werden in Fotos und Film die Happenings dokumentiert, für die der österreichische Künstler bei den einen berühmt, den anderen berüchtigt ist.

In Nahaufnahme sieht man, wie den Akteuren, die mal in weißem Nachthemd, mal mit nichts bekleidet außer einer Augenbinde an Kreuze gebunden sind, ein Krug mit frischem Blut an die Lippen gesetzt wird, das dann malerisch den Körper herabläuft. Oder man sieht, wie aus einer Wanne Eingeweide gegriffen und auf einen nackten Leib gelegt werden. Oder man sieht Menschen, die barfüßig in einem geöffneten Tierkadaver auf Früchten herumtrampeln, als solle hier ein besonders roter Wein erzeugt werden. Und zwischendurch bläst im Film eine Kapelle, als gehe es gleich zum Dorfschützenfest.

Nicht nur Veganer dürften sich aufregen über die Hagener Ausstellung. Auch die katholische Kirche hat Anstoß genommen daran, wie der gebürtige Wiener wichtige Elemente ihrer Liturgie in seinem Orgien Mysterien Theater verwendet. Auch in Hagen ist Nitsch ganz nah am Ritus. Er unterstreicht sogar, dass es ihm nicht auf das Einzelbild ankommt, sondern dass er einen sakralen Raum gestalten will, „wie eine Kirche“. Blut, Kreuz, Passion und Leiden – die zentralen Anliegen Nitschs findet man in der katholischen Messe vorgeprägt. In einigen Bildern verwendet er bestickte Kasele. Und im zentralen Galerieraum sind nicht nur die Wände mit den monumentalen Schüttbildern tapeziert, die wie abstrakte Fresken den Raum beherrschen. In der Mitte steht auch noch die wuchtige „Stiertrage“, ein Mittelding zwischen Altar und Monstranz, die in den Inszenierungen des Künstlers eingesetzt wird. Da wird das Museum zur Kunst-Kapelle. Nitsch sieht seine Arbeit als Ausdruck einer Lebensphilosophie, die von Denkern wie Friedrich Nietzsche geprägt ist, als Feier der Schöpfung und der Lebendigkeit. Provokant an Nitschs Arbeiten ist sicher die Art, wie er seine Aktionen mit Ekelmomenten und Sexualität auflädt.

Im August feierte Nitsch seinen 80. Geburtstag. Die Hagener Ausstellung blickt zurück auf das Schaffen des Provokateurs, das Kuratorin Julia Möbus als Widerstand gegen die restaurativen Tendenzen der östereichischen Nachkriegsgesellschaft deutet. In den 1960er Jahren begann er mit seinen skandalträchtigen Inszenierungen, die als karthatische Prozesse gemeint sind. Nitsch und seine Kollegen von den Wiener Aktionisten wollten die Bürger aufschrecken. Möbus, die selbst an Aufführungen mitgewirkt hat, beschreibt sie als Selbsterfahrungserlebnisse. Die ausladenden Inszenierungen, zu denen Nitsch auch Texte und Musik verfasst und in deren Rahmen er dann auch einige Leinwände mit diversen Flüssigkeiten beschüttet, mögen wie Selbsterfahrungskurse wirken, sind aber als Gesamtkunstwerke gedacht im Geiste von, in Konkurrenz zu Wagners Opern.

Nitsch begann als abstrakter Maler, nah am Informel. Das sieht man den vielen großen Leinwänden an, die hier versammelt wurden, und auf die Nitsch eimerweise Farbe schüttete oder – wenn die Konsistenz cremiger ist – mit den Händen verstrich. Freilich ist hier nicht alles Blut, was rot ist. Und auch nicht Wein, den schüttet Nitsch, der ein eigenes Weingut betreibt, lieber anderswo hin, wie er betont.

Die Schau erstreckt sich über zwei Stockwerke. Aber sie unterscheidet sich von üblichen Museumspräsentationen. So sind die einzelnen Arbeiten nicht beschriftet. Das sei unnötig, merkt Nitsch dazu an. Bei anderen Künstlern sei ein Bild ein Kosmos. Bei ihm aber sei jedes Bild Teil des Kosmos, den sein Gesamtwerk darstelle. Die Kunst solle direkt zum Betrachter sprechen. Das ist zumindest kompromisslos. Leicht wird es dem unvorbereiteten Besucher nicht, den Bildern des Meisters das unbedingte „Ja, Ja und Ja“ zum Leben abzulesen.

Der Hagener Museumsdirektor Tayfun Belgin hat Nitsch kennengelernt. Damals leitete der Kunsthistoriker von 2003 bis 2007 die Kunsthalle Krems. Schon damals wollte er das Werk des Künstlers ausstellen.

Gehaltvoll ist die Ausstellung, die einen dokumentarischen Teil einschließt. Zeitungsausschnitte belegen darin die teils wütenden Reaktionen verständnisloser Zeitgenossen. Und auch die „Apotheke“ Nitschs mit allerlei farbigen Tinkturen in Tiegeln und Flaschen, mit denen er die verschiedenen Sinne ansprechen will, ist ausgestellt.

Eröffnung Samstag, 16 Uhr, bis 3.2.2019, di – so 12 – 18 Uhr, Tel. 02331/ 207 31 38,

www.osthausmuseum.de

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