Wenzel Storch blickt auf katholische Sex-Ratgeber

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Aufklärung inmitten von Früchten und Blüten: Szene aus „Komm in meinen Wigwam“ in Dortmund mit Leon Müller, Ekkehard Freye und dem Sprechchor.

Von Rolf Pfeiffer Dortmund - Das sittliche Wohlergehen des jungen Menschen ging ihr über alles. Die katholische Kirche hat sich in vergangenen Zeiten viel Mühe gegeben, Pubertierenden durch die Untiefen der Pubertät zu führen. Und eine Fülle von Peinlichkeit hervorgebracht, die Ihresgleichen sucht und großen Unterhaltungswert hat.

Ein besonders bemühter und produktiver Verfasser kirchlicher Jugendschriften war in den frühen 50er Jahren der Päpstliche Ehrenprälat Berthold Lutz, der 2013 im gesegneten Alter von 90 Jahren dahinging und dessen Schaffen nun Widerhall in einem Theaterstück findet. „Komm in meinen Wigwam“ heißt es im Studio des Dortmunder Theaters.

Autor und Regisseur ist Wenzel Storch, der als Filmemacher („Sommer der Liebe“, „Die Reise ins Glück“) und Kolumnist („Der Bulldozer Gottes“) in Erscheinung trat. Und den es auch im fortgeschrittenen Alter noch drängt, Lächerlichkeit und passagenweise auch Schlüpfrigkeit der „Aufklärungsschriften“ zu entlarven.

Eher betulich wird dabei das Eine oder Andere aus dem Leben des Prälaten berichtet, werden Buchtitel und Textpassagen mit anscheinend unfreiwillig (homo-)erotischem Inhalt präsentiert, wirkt ein Kapitel über ein Zeltlager mit dem Kaplan plötzlich wie eine nicht jugendfreie Verführungsgeschichte. Worte bekannter Dichter mit erotischer Konnotation gelangen zu Gehör und zeigen eine verblüffende thematische Nähe zu den Hervorbringungen Lutz’.

All dies geschieht in einer Bühnenshow, in der ein geschniegelter Entertainer (Ekkehard Freye) sein Publikum zur „Pilgerreise in die wundersame Welt der katholischen Aufklärungs- und Anstandsliteratur“ einlädt. Weitere Mitwirkende sind ein Mädchen und ein Knabe (Jana Katharina Lawrence und Leon Müller), zwei Meßdiener (Finnja Loddenkemper und Maximilian Kurth) und der Kaplan selbst, dem Heinrich Fischer aus dem Seniorenclub des Schauspielhauses mit urwestfälischem Zungenschlag starken Charakter einhaucht. (Er bleibt nur viel zu sympathisch.) Den größten Anteil am Unterhaltungswert des Abends jedoch hat Thorsten Bihegue als „Wissenschaftler“, der mit pennälerhaft-schlaksiger, ungemein lebhafter Körpersprache für Heiterkeit sorgt. Wenn er verdruckste Jugendbuchtitel enthusiastisch präsentiert, ist das ein komödiantischer Höhepunkt des Abends. Weiterhin wirkt der Dortmunder Sprechchor mit – mal als Nonnenchor, mal als wunderbar dekorierte bunte Blumen, Blüten, Samendolden, Fruchtstempel usw. (Bühne und Kostüme: Pia Maria Mackert). Ja, es geht um Sex, doch immer in der Light-Version. Man unterhält man sich gut in diesen 80 Minuten, die augenzwinkernd in einer vergangenen Zeit verharren.

Weder nimmt das Stück ausdrücklich Bezug auf die Mißbrauchsskandale der Gegenwart, noch zeigt es Menschen, die unter sexuellen Übergriffen der Geistlichkeit leiden. Beides hätte nahe gelegen. Nein, Wenzel Storch beschränkt sich darauf, Unzulänglichkeit, Lächerlichkeit und Verkrampftheit bloßzustellen und das Weiterdenken dem Publikum zu überlassen.

Zudem legt sein Stück nahe, sich Kontinuitäten der Adenauer-Zeit vor Augen zu führen. Wie konnte wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sich eine Erwachsenenwelt wieder anmaßen, die Jugend so erbarmungslos zu erziehen und zu formen? Welche Ängste und Gelüste wollten die oft traumatisierten Erwachsenen in ihrer Kindererziehung bekämpfen? Gedanken wie diese beim Publikum zu belassen und sie nicht als auftrumpfendes, emotionales Theater zu inszenieren, das macht den „Wigwam“ zu einer klugen, geschmeidigen Inszenierung, die gleichwohl ohne Tragik nicht ist.

24.10. (ausv.),

Tel. 0231/ 50 27 222

www.theaterdo.de

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