Das Wallraf-Richartz-Museum zeigt „Inside Rembrandt“

Beim Lesen gestört: Rembrandts „Gelehrter im Studierzimmer“ (1634) ist in Köln zu sehen. Fotos: Museum

Köln – Der Mann wendet uns den Blick zu. Ein wenig mürrisch wirkt er. Gerade war er noch vertieft in den mächtigen Folianten, auf dem seine rechte Hand ruht. Aber jetzt sind ja wir da, die Betrachter, die den „Gelehrten im Studierzimmer“ stören.

Man kann vieles bewundern an diesem 1634 entstandenen Gemälde von Rembrandt Harmensz. van Rijn. Wie er in den Stoffen schwelgt, dem glänzenden Samt, den glitzernden Goldappreturen, dem illusionistisch hingezauberten Tischtuch. Wie er das Gesicht mit Falten, Barthaar für Barthaar, wiedergibt. Aber die wahre Leistung dieses Bildes liegt darin, dass der niederländische Maler den Betrachter in eine Beziehung bringt zur abgebildeten Person. Der Gelehrte steht nicht einfach da, er reagiert auf etwas außerhalb des Bildes. Auf uns.

Das Meisterwerk aus der Nationalgalerie in Prag hat Böhmen zuletzt vor 70 Jahren verlassen. Es ist ein eher unbekanntes Werk Rembrandts. Nun kann man es im Wallraf-Richartz-Museum in Köln bewundern. Das Haus zeigt die Ausstellung „Inside Rembrandt“, den großen deutschen Beitrag zum Gedenken an den 350. Todestag des Barockmalers. Die Koproduktion mit der Prager Nationalgalerie spannt sich zwischen dem „Gelehrten“ und dem bedeutenden späten Selbstporträt als Zeuxis (1662/63), das zu den Prunkstücken der Kölner Sammlung gehört.

Kuratorin Anja K. Sevcik stand vor keiner leichten Aufgabe. Rembrandt (1606–1669) ist einer der populärsten und einer der erforschtesten Gestalten der Kunstgeschichte. Umso spannender, wie sie die Aufgabe löste. Denn in Köln kann man mit 63 Werken, darunter 13 Gemälden und vier Arbeiten seiner Werkstatt, dem Künstler in allen Schaffensphasen begegnen, von den Anfängen als Feinmaler in Leiden bis zur experimentellen Spätzeit, in der er alle Konventionen der Zeit über Bord warf. Aber man kann in Köln auch eher unbekannte, unerwartete Seiten an Rembrandt entdecken. Und man findet in Werken von Freunden, Schülern, Konkurrenten, Nachahmern wie Jan Lievens, Gerrit Dou, Govert Flinck reiches Vergleichsmaterial, um seine Leistung einzuschätzen.

Das Gelehrtenbildnis aus Prag zum Beispiel entspricht nicht dem Image des Meisters. Hier findet man nicht das berühmte Helldunkel, hier gibt es strahlendes Rot und intensives Blau statt der Brauntöne, die man so sehr mit ihm verbindet. Rembrandt malte das Werk, als er gerade nach Amsterdam umgezogen war. Mit solchen spektakulären Stücken wollte er sich bekannt machen.

Rembrandt war ein Meister des Marketing, zum Beispiel in seinen Selbstporträts, die schon früh auf dem Kunstmarkt gefragt waren. Er malte sich nicht nur oft, zum Beispiel auf der eindringlichen Tafel von 1634 mit verschatteten Augen, mit denen er den Betrachter direkt fixiert. Er schuf auch zahlreiche Radierungen, auf denen er in Rollen zu erleben ist, mit unterschiedlichen Stimmungen, einmal gar mit Säbel in der Pose eines orientalischen Fürsten (1634). Ein „Selbstporträt“ (um 1639) stammt gar nicht von dem Meister, sondern entstand in seiner Werkstatt. Es ist nicht das einzige derartige Werk. Das Selbstporträt vereint das Gesicht eines Meisters mit seiner Handschrift, was es als Sammlungsobjekt doppelt attraktiv macht.

Wunderbar verfolgt die Ausstellung, ohne das explizit zu thematisieren, als einen roten Faden das Motiv der Gelehrsamkeit, der Bildung. Es war für die Niederlande des 17. Jahrhunderts ein durchaus zentrales Motiv. Die zwei Millionen Einwohner besaßen nicht nur drei Millionen Bilder. Sie hatten auch 300 Millionen Bücher. Selbst Bauern konnten schreiben und lesen. Und so liegen auch in den Gemälden immer wieder Bücher herum, was zu einem eigenen Untergenre führt, dem Bücherstillleben. Von Jan Davidsz. de Heem hängt ein wunderbares Beispiel (1629) in der Schau. In immer neuen Varianten stellen sie Gelehrte dar. Da ist Rembrandts „Alter Gelehrter in einer Gewölbekammer“ (1631), eine kleine Figur in einem hohen Gewölbe, das so gar nicht zu Ruhe und Besinnung einlädt. Auch das berühmte Porträt des Predigers Johannes Wtenbogaert (1633) aus dem Rijksmuseum in Amsterdam zeigt einen Mann des Wortes vor dem Buch, in dem er gleich den angefangenen Text fortsetzen wird. Daneben hängen die anderen, der „schreibende Priester“ von Jan Lievens (16331/32), der „Gelehrte im Studierzimmer“ von Gerbrand van den Eckhout (1641), der „Astronom“ von Ferdinand Bol (1652), der „Gelehrte“ von David Teniers II (um 1650).

Aber die Ausstellung greift weiter aus. Sie bietet feine Beispiele für die „Tronies“, die keine Porträts waren, sondern Typendarstellungen. Rembrandt und seine Kollegen hatten dieses Genre in Leiden geprägt, und es ist ein eigener Genuss, sein „Brustbild eines Mannes mit Pelzmütze“ (1630), bei dem noch die Wimpernhaare minutiös ausgearbeitet sind, mit dem „Mann im orientalischen Kostüm“ (um 1629) von Jan Lievens und dem „schwarzen Jungen“ (um 1630-33) von Gerrit Dou zu vergleichen.

Und noch mehr ist zu erleben: Der verliebte Ehemann Rembrandt, der seine Gattin, Muse, Managerin Saskia erotisch mit Hut porträtiert (ein „Hurenbild“, fand später Vincent van Gogh), sie am Fenster vor dem Kontobuch zeichnet oder auch im Bett. Der großartige Erzähler, der das „Bad der Diana mit Actaeon und Callisto“ (1634) nach Ovid als episodisches Wimmelbild mit planschenden Mädchen schildert und im Vordergrund sogar einen Frosch darstellt. Und einen unvergänglich modernen Erzähler, dessen Selbstporträt als Zeuxis einen Kosmos menschlicher Empfindungen einfängt. Frappierend aus der Zeit gefallen ist sein Bild des Apostels Bartholomäus (1661), das so ganz auf die im Barock üblichen Attribute, das fromme Pathos, die Opulenz verzichtet. Rembrandt zeigt einen in Gedanken versunkenen sitzenden Mann. Dieses konzentrierte, geradezu impressionistische Bildnis könnte auch von Liebermann oder Corinth stammen.

Bis 1.3.2020, di – so 10 – 18 Uhr, 1. und 3. Donnerstag im Monat bis 22 Uhr,

Tel. 0221/ 221 211 19, www.wallraf.museum,

Katalog, Michael Imhof Verlag, Petersberg, 29,95 Euro

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