Das Wallraf-Richartz-Museum Köln würdigt seinen Stifter mit einer Ausstellung

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Etwas chaotisch arrangiert sind die Schätze von Ferdinand Franz Wallraf auf der Kreidezeichnung von Nicolas Salm (um 1840/50).

KÖLN - Die wahren Schätze des Ferdinand Franz Wallraf findet man ausnahmsweise nicht in der Ausstellung. Sie hängen in den oberen Stockwerke des Kölner Wallraf-Richartz-Museums, mitten in der Sammlung, die mit dem Priester, Professor und Politiker erst begann. Ihm verdankt Köln, dass es die grandiosen Altarbilder Stefan Lochners betrachten kann, das furiose „Weltgericht“ und die „Muttergottes in der Rosenlaube“.

Hier prunkt der monumentale „Sebastian-Altar“ des jüngeren Meisters der Heiligen Sippe, das Schmerzensbild um den schönen jungen Heiligen, der von einer ganzen Schar Bogenschützen mit Pfeilen gespickt wird. Hier darf man Dürers „Pfeiffer und Trommler“ (um 1503/4) bestaunen, die einst in einem großen Altar den biblischen Hiob mit Musik trösten sollten.

Hier hängt auch die fast vier Meter hohe „Stigmatisation des Heiligen Franziskus“ von Rubens. Wallraf rettete das barocke Meisterwerk, wie so viele andere Bilder, vor der Verschleppung oder gar Vernichtung. 1802, unter der Franzosenherrschaft am Rhein, wurde das Kapuzinerkloster aufgehoben, seine Besitztümer beschlagnahmt. Die alten Bilder galten nicht mehr viel. Aber Wallraf (1748-1824), der Rektor der Kölner Universität und geradezu besessene Sammler, holte auch den Rubens in sein Heim, das Besucher als staubige, chaotische Höhle beschrieben.

Diese Glanzstücke holten die Kuratoren nicht in die biografische Ausstellung „Wallrafs Erbe – Ein Bürger rettet Köln“, und das ist vielleicht gut so. Denn eigentlich geht die ganze Museumslandschaft der Stadt auf den Mann zurück, der ihr vor genau 200 Jahren, am 9. Mai 1818, in seinem Testament seine Kollektion vererbte, unglaubliche 40 000 Objekte, die schon vorher zu den Sehenswürdigkeiten für Köln-Touristen zählten, selbst Goethe und Friedrich Schelling hatten bei Wallraf vorbeigeschaut. Ein Kapitel der Schau muss sich der Besucher also zusammensuchen, indem er durch das ganze Haus geht, und bei manchem Bild, das eigentlich nicht dazugehört, muss man anfügen: Auch das hat Wallraf Köln hinterlassen.

Er hatte gewollt, dass alles zusammenbleibt. Der Wunsch ging nicht in Erfüllung, so dass an der Schau neben dem Museum, das Wallrafs Namen trägt, unter anderen auch die Universitäts- und Stadtbibliothek, das Römisch-Germanische Museum, das Schnütgen-Museum, das Museum für Angewandte Kunst Leihgaben beisteuerten. Auch das Stadtarchiv ist beteiligt, obwohl beim Einsturz 2009 unter anderem der schriftliche Nachlass Wallrafs vernichtet wurde. Sein Erbe wurde auf diese Häuser verteilt, weil es eben so vielgestaltig war, viel mehr umfasste als die bedeutende Kunst. Mit rund 240 Stücken porträtiert die Ausstellung nun diesen Mann, der Köln prägte wie wenige andere.

Wallraf stammte aus einfachen Verhältnissen, sein Vater war Schneider. Viel Geld besaß er nie, weshalb er auch mehrfach versuchte, der Stadt seine Sammlung zu verkaufen. Die Objekte seiner Sammelwut waren zwar oft billig, die mittelalterlichen Altäre zum Beispiel wurden als Bau-, Möbel-, Brennholz verramscht. Aber er kaufte so viel, dass er sich verschuldete. Natürlich wird er Freude an den Dingen gehabt haben. Aber er sah seine Sammlung auch als Schau- und Lehrobjekte für Studenten an, er wollte, dass die Stadt profitiert.

Eine Strecke von 16 Vitrinen im ersten Raum zeigt, was er alles zusammentrug: Römische Münzen. Das antike Bildnis einer Frau in Marmor. Ein Globus aus dem 16. Jahrhundert. Eine mittelalterliche Urkunde mit Siegel. Ein prachtvoll illustriertes Stundenbuch. Aber auch ein versteinertes Vogelnest. In Wallrafs Sammlung hallt noch ein universales Interesse an der Welt nach, am Staunenswerten, wie es sich in adligen Wunderkammern niederschlug. Er hatte auch Möbel wie einen mittelalterlichen Scherensessel, Steinzeug wie einen Kugelbauchkrug (um 1700), eine Ritterrüstung aus dem 16. Jahrhundert, sogar Schuhschnallen.

Wallraf war vielseitig interessiert und auf vielen Feldern gebildet. Als er im Alter von 24 Jahren zum Priester geweiht wurde, hatte er schon ein Studium abgeschlossen. Danach studierte er noch Medizin. An der Universität Köln lehrte er Botanik, Naturgeschichte und Ästhetik. Später wurde er Rektor. Aber auch in der Politik war er aktiv, versuchte zum Beispiel nach der Einnahme Kölns durch die französischen Revolutionstruppen mit dem Bürgermeister DuMont, in Paris bessere Bedingungen für die Stadt auszuhandeln. Durch besondere Konsequenz zeichnete er sich nicht aus: Zunächst verweigerte er den Eid auf die neue Verfassung, zwei Jahre später, 1799, leistete er ihn doch. Für die Franzosen wurde er als Stadtplaner aktiv. So suchte er im Auftrag der Franzosen neue Straßennamen. Dabei sortierte er aus, was ihm als anstößig erschien wie die „Hundsgasse“, die „Mördersgasse“ und die „Pißgasse“. Er gestaltete auch den neuen Stadtfriedhof, den Melatenfriedhof, nach dem Vorbild des Pariser Père Lachaise. Er arbeitete durchaus mit der neuen Herrschaft zusammen, schrieb Lobeshymnen auf Napoleon. Als dann freilich die Preußen kamen, schickte er den „verhaßten französischen Administrationen“ einen Abschied hinterher. Ein Wendehals? Immerhin bemühte er sich immer um das Wohl seiner Stadt. So versuchte er alles, das von Napoleons Truppen in den Louvre verschleppte Altarbild „Kreuzigung Petri“ von Rubens zurück in die Kölner St.-Peter-Kirche zu holen, was erst 1815 gelang, nach dem Abzug der Franzosen. Noch zu Lebzeiten wurde Wallraf hoch geehrt, unter anderem zu seinem 75. Geburtstag zum „Erzbürger“ der Stadt ernannt.

Bis 8.7., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0221/ 221 211 19, www.wallraf.museum,

Katalog 22 Euro

Mit der App „Wallraf digital“ kann der Besucher auch Wallrafs Spuren in Köln folgen.

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