Das Von-der-Heydt-Museum zeigt Werke von Hannsjörg Voth

Die monumentale „Himmelstreppe“ (1987) von Hannsjörg Voth ist zumindest als Modell im Von-der-Heydt-Museum ausgestellt. Foto: Stiftel

Wuppertal – Mit Kleinigkeiten gibt Hannsjörg Voth sich nicht ab. Seine „Himmelstreppe“ in der marokkanischen Marha-Ebene ragt 16 Meter hoch, ist an der Basis fast sieben Meter breit. Als der Künstler das Monument zwischen 1980 und 1987 errichtete, waren darin Räume über drei Stockwerke, in denen er lebte und arbeitete. Unter anderem schuf er ein Flügelpaar mit 3,50 Metern Spannweite aus Eisenmessern, das im obersten Raum installiert wurde. Die Bauskulptur erhebt sich bis heute aus einer weiten, wüsten Ebene.

Werke dieses Zuschnitts sind natürlich nicht in eine Museumsausstellung zu übertragen. Und so muss sich die Werkschau „Zu Lande und zu Wasser“ im Wuppertaler Von-der-Hyedt-Museum mit den eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotos von Voths Lebensgefährtin Ingrid Amslinger und kleinen Modellen begnügen. Die Fantasie des Betrachters ist gefordert vor den kleinen Modellen, die wie Skulpturen präsentiert werden. Vielleicht, irgendwann, wenn Corona einmal Geschichte ist, reist man vielleicht wieder zu den Monumenten, die der 1940 in Bad Homburg geborene, in München lebende deutsche Pionier der Land-Art auf der Hochebene in Nordafrika errichtet hat.

Die Schau bietet mit 47 Zeichnungen, zwölf Materialbildern, neun Objekten und 60 Fotos eine Übersicht über Voths Schaffen von den frühen 1970er Jahren bis 2008.

Drei Projekte hat Voth in Marokko realisiert. Neben der Himmelstreppe noch die „Goldene Spirale“ (1992–1997), eine Bodenanlage um einen Brunnen auf einem Grundriss von 60 mal 90 Metern. Und die „Stadt des Orion“ (1997–2003), eine Kombination aus Türmen und Mauern, die deren Grundriss dem Sternbild des Orion entspricht. Es sind Arbeiten von archaischer Wucht, bei denen man eher an antike Kultstätten denkt als an moderne Kunst. Sie sind dem normalen Ausstellungsbetrieb schon durch ihre Lage entzogen. Und wer kann sie schon angemessen besuchen, nachts zum Beispiel die Treppe erklimmen, um in den klaren Sternenhimmel zu blicken? Wer läuft die Mauer der Spirale entlang, die sich gemäß der Reihe der Fibunacci-Zahlen entfaltet, um in der Mitte abzusteigen in unterirdische Räume, wo auf dem Wasser des Brunnens ein metallenes „Urboot“ schwimmt?

Solche Arbeiten haben etwas von der Unbedingtheit von sakralen Orten. Sie sind überwältigend, verstiegen, hermetisch. Sie erklären sich nicht, und sie provozieren allein dadurch, dass sie da sind. Dabei sind sie eigentlich einfach. Und meistens bezieht Voth bei der Verwirklichung die Menschen vor Ort ein.

Schon die frühesten Arbeiten Voths hatten diese Querdenker-Qualität. In der Nähe von München errichtete er 1973 bis 1975 die „Feldzeichen“: 28 Meter hohe Fichtenstämme, umwickelt mit Leintüchern. Amslingers Fotos dokumentieren, wie Dorfbewohner mit Hilfe von Stangen die Zeichen aufrichten. Man sollte, so Voth, dabei an alltägliche Objekte wie Wegkreuze oder Maibäume denken. Aber dass etwas einfach da ist, dass da vier mächtige Stangen einen Höhenzug krönen, ohne dass etwas erklärt wird, das halten manche Menschen offenbar nicht aus. Jedenfalls wurden die „Feldzeichen“ nach zwei Monaten von Unbekannten umgesägt. Zuvor hatten die Behörden Sicherheitsbedenken: Bei einem Sturm könnten die Stämme umfallen und Betrachter gefährden. Kein Wunder, dass Voth für spätere Projekte nach Marokko ging. Andererseits konnte er in München eine Brunnenskulptur im Auftrag des Europäischen Patentamts realisieren: „Zwischen Sonnentor und Mondplatz“ (1991–1993).

Voths Arbeiten thematisieren das Spannungsfeld zwischen Natur, Mensch und Kultischem. Und wenn auch zuweilen dauerhafte Objekte und Bauwerke bleiben, so geht es oft auch um Prozesse, um Kunstaktionen, wie bei der „Reise ans Meer“ (1978), bei der eine 20 Meter lange Figur auf einem Floß von Speyer über den Rhein, vorbei an Ludwigshafen, Köln, Rotterdam bis in die Nordsee transportiert wurde. Dann wurde der Figur, die wie eine gefesselte Riesenmumie aussah, die aufgelegte Bleimaske abgenommen und das Floß samt der Figur wurde verbrannt.

Neben den Fotos, Skizzen, Modellen zu den Land-Art-Projekten sind auch Zeichnungen und Gemälde ausgestellt. Gerade die malerischen Arbeiten entstanden oft in Marokko, wo Voth über Jahre hinweg die Wintermonate verbrachte. Dabei benutzte er, was er in der Wüste vorfand: Sand, Staub, Asche. Auf einem Bild hat er sogar ein paar Socken in die Komposition eingesetzt. Auch hier benutzt er archaische Formen, wie man sie aus der Höhlenmalerei oder aus Hieroglyphen kennt. Seltsame Mischwesen mit gehörnten Tierköpfen tummeln sich da, scheinen mal zu tanzen, mal zu jagen, mal sich zu paaren.

Auch hier kann man schwer entscheiden, ob da eine ästhetische Ironie am Werke ist, oder ob der Künstler mit geradezu esoterischer Inbrunst einen Privatkult installiert. Diese Naturgeister und rauen Gottheiten verstrahlen jedenfalls eine hohe emotionale Energie.

Obwohl seine Projekte so spektakulär sind, obwohl er eine Reihe von Preisen erhielt und unter anderem 1977 an der documenta 6 in Kassel beteiligt war, gehört Voth eher zu den Außenseitern des Kunstbetriebs. Dass das Von-der-Heydt-Museum seine Arbeit nun so engagiert vorstellt, ist verdienstvoll. Und es beschert dem Kunstfreund überraschende Einsichten.

Bis 13.9., di – fr 14 – 18, do bis 20, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0202/ 563 6231, www. von-der-heydt-museum.de,

Katalog 20 Euro

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