1. wa.de
  2. Kultur

„Verbundensein“ im Theaterrevier Bochum

Erstellt:

Von: Achim Lettmann

Kommentare

Bereit fürs Scheinwerferlicht sind die Studierenden der Folkwang Universität/Schauspiel.
Bereit fürs Scheinwerferlicht sind die Studierenden der Folkwang Universität/Schauspiel mit Paula Winteler (von links), Paul Heimel, Eva-Lina Wenners, Mischa Warken, Rebekka Wurst, Atrin Haghdoust, Pit Prager und Simon Jonathan Gierlich im Stück „Verbundensein“. © Birgit Hupfeld

Nach dem Essay von Kae Tempest haben Studierende der Folkwang Universität eine Botschaft an die Welt: „Verbundensein“ ist ein dynamischer Theaterauftritt.

Bochum – Sie sind jung, sie sind energiereich und sie haben die Zukunft im Blick. Die neun Studierenden der Folkwang Universität der Künste wissen, dass Menschen in einer offenen Gesellschaft sehr verschieden sind. Aber „es gibt eine Gemeinsamkeit“, sagen sie und finden sich im Theaterrevier Bochum (ehemalige Zeche Eins) zusammen. Von hier aus geht ihr Plädoyer in die Welt: gestreamt, getextet oder im Bühnenraum zu erleben, ist „Verbundensein“ ihre Botschaft und der Titel eines appellativen Theaterauftritts.

Mit der Verve, mit der sie ihr Anliegen vortragen, machen die Neun aufmerksam, reißen einen mit und belegen, dass es dringlich ist, ihnen zuzuhören. Denn Kreativität soll Verbundensein ermöglichen, mehr Aufmerksamkeit für Mitmenschen schaffen, sensibler werden.

Grundlage ihres programmatischen Auftritts ist der Essay von Kae Tempest (aus dem Englischen von Conny Lösch), den Cathrin Rose, Robert Lehniger und Orane Courtalin für die Bühne bearbeitet haben. Aber ist hier nur der Kontakt zwischen Schauspielerinnen und Schauspielern mit ihrem Publikum gemeint oder wird jeder aufgefordert, sich neu zu erfinden? Ohne dezidiert politisch zu werden, geht es in „Verbundensein“ um alles. Der Aufschlag in Bochum ist ohne die Corona-Pandemie, die Umweltverschmutzung, Klimakatastrophe, die Angriffe gegen demokratische Institutionen, den rechten Populismus und Rassismus nicht denkbar. Diese Generation will aufrütteln.

Jeder spricht für sich, aber doch für alle. Brainstormings, Zwiegespräche, Monologe („auf andere Menschen achten“) und die Statements vor der Kamera sind bildfüllend. Sie klingen authentisch, aufrichtig. Nach C.G. Jung werden Kriterien genannt: Wenn der Geist der Zeit nach Anerkennung und Erfolg strebt, erfüllt der Geist der Tiefe den Menschen bei wilden Ekstasen und intensivem Naturempfinden. Das Internet könne kein Unterbewusstsein erreichen, ist man sich sicher, aber Anerkennung brauche auch jeder, ist ihnen klar.

Regisseur Robert Lehniger inszeniert einen wechselvollen Diskurs. Auch nonverbal, wenn eine Choreografie vor- wie zurückbewegt wird und dem Vergeblichen eine Formenspur gibt. Ideenreich ist das, wie die Performance mit Kreide auf abschüssiger Tafelfläche. Oder der kapriziöse Auftritt einer katzigen Dame, der so überspielt ist, das diese Frauenfigur eigentlich Vergangenheit bleiben sollte. Oder ein kurzes Dramolett, wenn Rebekka mit ins Grüne soll, aber Pit vergeblich fleht. „Melde dich“, schreibt er, „bis bald.“ Warum nur bleibt sie hart?

Das Ensemble bewegt sich auf den gestaffelten Ebenen hochsteigender Podeste (Bühne: Lan Anh Pham), wo am Ende eine Plattform mit Vorhang wartet: ihr Ausblick aufs imaginäre Publikum, ihre Künstlerzukunft, ihr Ziel. Selbst die Einbauten haben in Bochum Dynamik. Und Humor gehört auch zum Erkenntnisgewinn, wenn die Bühne meckert: „Ich fühle mich übergangen von Euch.“ Pit muss seine Basketbälle einräumen, Paula ihre Kreideschwünge abwischen.

In ihren rot-blau-gelben Kostümen spielen die Neun mit den Grundfarben wie den Kernthemen einer individualisierten Gesellschaft, die nun zu einander finden muss. Eine Botschaft, die gut tut.

27., 29., 30.1.;

auch als Livestream; Tel. 0234 / 3333 5555; www.

schauspielhausbochum.de

Auch interessant

Kommentare