„Unsere Herzkammer“: Rainald Grebe widmet sich in Dortmund der SPD

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Zuspruch für die SPD: Szene aus „Unsere Herzkammer“ in Dortmund mit Uwe  Schmieder, Caroline Hanke, Christian Freund, Ingeborg May und Anke Zillich (von links) und singenden Bergleuten.

Dortmund – Unerschrocken grüßt Andrea Nahles mit einer Videobotschaft im Schauspiel Dortmund. Die echte Vorsitzende zeigt sich auch. Ja, die Produktion „Unsere Herzkammer – 150 Jahre SPD Dortmund“ würdigt die Sozialdemokratische Partei Deutschlands.

Aber geschrieben und inszeniert hat die „musikalische Erinnerung“ Rainald Grebe, der Kabarettist, der schon Brandenburg so böse besang.

Nahles betritt schließlich die Bühne, diesmal verkörpert von Marlena Keil, und während sie über die Schwierigkeiten des Politikerberufs, ihres „Schweinejobs“, spricht, stört Caroline Hanke als Zwischenruferin und wirft Brotbrocken. Die Politikerin verliert die Beherrschung, kreischt am Ende: „Euch wünsche ich mal zwei Wochen mein Pensum..“

Aber Grebe rechnet nicht ab mit der Partei, der es nicht sehr gut geht. Sein Theaterstück kommt etwas spät, gegründet wurde die SPD Dortmund 1868. Aber es gibt ja keine andere Partei, die solch einen Abend trüge. Dortmund und das Ruhrgebiet wurden stets als Zentrum der Sozialdemokratie verstanden. Aber die „Herzkammer“ der Partei leidet unter Rhythmusstörungen, weil die Wählerzahlen fallen. Grebe inszeniert auf der Bühne eine Ortsvereinsfeier als lose Nummernrevue, in der Höhen und Tiefen erkundet.

Launig moderiert Anke Zillig im Ton der Vereinsmeierin, wenn sie eine nicht enden wollende Reihe von Ortsvereinen von Asseln bis Westerfilde herunterleiert, dazu einen Namen, manchmal mit einer Ansage: „Michi, wir trinken gleich noch einen“. Dann folgt, was auf Feiern folgt: Grußworte, Lieder, Imbiss. Es wärmt das Herz der Genossen, wenn aus der Unterbühne der Männergesangsverein „Harmonie“ der Zeche Victoria Lünen auffährt, alle in Knappenuniform mit rotweißen Federn auf den Hüten, und das „Steigerlied“ intonieren. Und natürlich singt der Saal da mit. Herrlich komisch ist Andreas Beck als Oberbürgermeister Ullrich Sierau, sein Grußwort ein gleichförmiges Nuscheln, in dem hier und da Fetzen wie „schwarzes Gold“, „sehr erfolgreicher Dortmunder Fußballclub“ und „riesengroßer Erfolg“ aufblitzen. Grußvideos kommen von Franz Müntefering, Marco Reus (dargestellt von Schauspielchef Kay Voges) und Sieraus CDU-Vize Manfred Sauer, der gönnerhaft wünscht: „Erholt euch erst mal.“

Dortmund liefert allerdings nur etwas Lokalkolorit. Eigentlich geht es um die Partei insgesamt. Es gibt nicht nur die slapstickhaften Auftritte der sechs Schauspieler, die klappernd die Tische decken, mal fürs Würstchenessen, mal fürs Kaffeetrinken. Es gibt nicht nur das surreale Balzspiel der riesigen Tauben, dem Zillich die melancholische Anmerkung folgen lässt, dass es bei den Taubenzüchtern ja auch das Nachwuchssterben gebe.

Grebe traut sich auch ganz ernsthafte Blicke in die Politik, zum Beispiel wenn er große Sozialdemokraten der Vergangenheit auftreten lässt. Andreas Beck kniet minutenlang als Willy Brandt, stumm, während ein Auszug aus der (in Dortmund uraufgeführten) Oper „Kniefall in Warschau“ eingespielt wird. Der Rückblick auf die historische Versöhnungsgeste verzichtet auf jede ironische Brechung. Wenn Uwe Schmieder als Kurt Schumacher in einer Schublade aus der Wand geholt wird, sich mühsam hochzieht, dann wirkt das erst komisch. Aber Schmieder verkörpert den von Weltkrieg und Konzentrationslager versehrten Mann mit Würde, und er lässt eine moralische Autorität aufblitzen, die man in der heutigen Politik oft vermisst.

So schwingt der Abend zwischen bösen Kalauern und Momenten politischer Reflexion. Mehrmals singt der Chor der Dortmunder Tafel. Dazwischen interviewt Zillich einige Sängerinnen darüber, was Armut in Zeiten von Hartz IV bedeutet. Da wird der Blick auf das Trauma der SPD gelenkt: Die Sozialreformen der Regierung Schröder haben Wähler und Mitglieder vertrieben.

Gespielt ist das fabelhaft, mit einer Fülle an Formen und Tonfällen. Und die vierköpfige Kapelle unter Leitung von Jens-Karsten Stoll trifft auf Dutzenden von Instrumenten von der Gitarre über die Trompete bis zur türkischen Saz den richtigen Ton.

Am Ende gibt es eine Begräbnisfeier, doch der Herzschlag hört nicht auf. Grebe hält seine Rückschau offen, setzt mehr auf Fragen als auf Thesen. Wofür steht die SPD heute? Ihre Identität muss die Partei selbst finden. Der bejubelte Abend gibt dazu kurzweilige Hilfestellung.

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