„Unheimlich real“: Das Museum Folkwang präsentiert den magischen Realismus

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Fünf Mal der Künstler selbst: Cesare Sofianopulo malte „Maschere“ (1930), zu sehen in Essen.

ESSEN - Gleich fünf Mal hat Cesare Sofianopulo im Gemälde „Maschere“ (Masken, 1930) sich selbst dargestellt, als Dandy, Mönch, antiker Poet, Teufel und Clown. Im Hintergrund amüsiert sich eine Festgesellschaft auf einem Ball. Aber es liegt ein tiefer Ernst über dieser Szene. Und am Bildrand lüftet der Tod seine Maske. Unlustiger, abgründiger kann man den Karneval kaum darstellen.

Abgründe tun sich auf in den stillen Bildern, die das Museum Folkwang in Essen unter dem Titel „Unheimlich real“ zeigt. Erstmals in Deutschland beleuchtet das Institut ein kaum bekanntes Kapitel der europäischen Kunstgeschichte, den magischen Realismus im faschistischen Italien. Wer glaubt, schon alle Facetten der klassischen Moderne zu kennen: Hier sind ganz unvertraute Werke zu entdecken, viele davon aus Privatsammlungen und noch nie öffentlich ausgestellt. Ja, man sieht auch ein „Oktoberfest“ von Giorgio de Chirico (das mit Bierzelt aber nichts zu tun hat) und ein Stillleben von Giorgio Morandi. Aber das sind Randphänomene.

Nach dem Weltkrieg suchte auch die Kunst neue Orientierung. In Frankreich wandte sich die Avantgarde, auch ein Picasso, dem Klassizismus zu. In Deutschland kombinierten Künstler wie Otto Dix, George Grosz, Christian Schad alte Maltechniken, Realismus und Sozialkritik zur Neuen Sachlichkeit. Auch in Italien suchte man Halt in der Kunstgeschichte, im Realismus, bei den Alten Meistern. Expressionistische Tendenzen, der Futurismus, der Kubismus wurden nun abgelehnt zum Beispiel von den Künstlern, die sich um die Zeitschrift „Valori plastici“ scharten oder in der Gruppe Novecento zusammenschlossen. Allerdings hatte in Italien 1922 Mussolini die Macht übernommen. Der Duce stand jedoch der modernen Kunst aufgeschlossen gegenüber. Treibende Kraft bei Novecento war die Kunsthistorikerin Margherita Sarfatti, eine langjährige Geliebte Mussolinis.

Kein Wunder, dass der Magische Realismus nicht das Tummelfeld der Gesellschaftskritiker war. Die rund 80 Werke von 30 Künstlern in Essen sind zuweilen leuchtend farbig, man sieht Kinder, Stillleben, Straßen, Frauen. Aber eine Kälte durchweht die Bilder, eine unfrohe, verstörende Atmosphäre lastet noch auf den opulentesten Darstellungen. Baccio Maria Bacci platziert in „Nachmittag in Fiesole“ (1926-29) zwei junge Paare um einen Tisch. Der eine Mann spielt Gitarre, der andere raucht. Und doch blickt keiner einem anderen in die Augen. Sie wirken ernst, als hätten sie gerade eine schlimme Botschaft erhalten.

Man findet kaum ein Lächeln in diesen Bildern. Felice Casorati stellt „Die Schüler“ (1927/28) hinter einem Tisch auf wie eine Gruppe Untoter, und die Lehrerin schielt anscheinend verängstigt zu ihnen herüber. Befremdlich wirkt auch Casoratis Porträt von Silvana Cenni (1922), die sich mit geschlossenen Augen an einen Tisch lehnt, und hinter ihr blickt man durch ein Fenster auf einen Kiche. Der Maler bedient sich reichlich im Formenschatz der Frührenaissance, allein schon, wie er die Stoffe und ihren Faltenfall arrangiert, ist ein Fest der Malerei.

Die Künstler der Ausstellung waren keine Gruppe, einige waren klar antifaschistisch, wie Carlo Levi, der Arzt, Schriftsteller und Maler, der abgründig seinen Vater beim Essen porträtiert (1926). Andere arrangieren sich mit den Machthabern. Casorati zum Beispiel wird bei der römischen Quadriennale 1935 besonders gefeiert und übernimmt 1941 einen Lehrstuhl für Malerei in Turin.

Anders als im Nationalsozialismus folgen die Künstler aber nicht explizit einem ideologischen Programm – zumindest nicht die im Folkwang-Museum gezeigten. Die Kuratorin Anna Fricke betont, dass sich in den Werken die Zeit niederschlage, aber indirekt, eher im Atmosphärischen. Der Betrachter muss herausfinden, was überwiegt.

Besonders spannend ist das im Werk von Cagnaccio di San Pietro. Natalino Bentivoglio Scarpa (197–1946) wuchs in dem Dorf bei Venedig auf, das er zum Teil seines Pseudonyms machte, der „Köter“ aus San Pietro. Er wurde durchaus von den Machthabern geschätzt, stellte bei den Biennalen in Venedig und der Quadriennale von Rom aus. Schaut man sich sein Gemälde „L’Alzana“ (1926) an, sieht man zwei muskelbepackte Athleten, denen man die Last kaum anmerkt. Man muss sich nur Ilja Repins berühmtes Bild der Wolgatreidler vor Augen halten, auf dem einige zerlumpte Gestalten mit letzter Kraft das Schiff voranziehen. Cagnaccio hingegen glorifiziert die Arbeiter. Er blendet die Last aus. Vom Schiff zeigt er gerade noch den bunt bemalten Bug mit der Mariendarstellung.

Aber Cagnaccio eckte auch an. 1928 malte er eine Trilogie zur Sexualität. „Primo Denaro“ (Erster Verdienst) zeigt eine nackte Frau, schmerzlich verdreht fast wie später Akte Lucian Freuds. Im Vordergrund liegt Geld auf einem Teller. Das Bild von der Hure am Berufsanfang klagt für den magischen Realismus ungewöhnlich explizit die Doppelmoral in der faschistischen Gesellschaft an. Diese Bilder durften nicht auf der Biennale gezeigt werden, Cagnaccio erhielt mehrere Jahre lang keine Lehraufträge. Ein gutes Dutzend Werke von Cagnaccio sind in Essen ausgestellt, darunter altmeisterliche Stillleben und kühle Porträts. Wie er 1939 ein Gebäckstück, eine Gabel und eine Schale mit einem Spiegelei malt, das wirkt mit dem grellen Weiß und dem harten Licht wie der Blick in einen Operationssaal.

Die Ausstellung fordert wache Betrachter, die sich auf die verhangene Atmosphäre der Bilder einlassen. Dann mögen sie in Antonio Donghis monumentalem Bild „Die Wäscherinnen“ (1922/23) den Nachhall der antiken Skulpturen spüren. Und sie ahnen Abgründe in Leonor Finis Akt „La Gourmandise“ (1929), wo sich die dralle junge Frau mit dem Mona-Lisa-Lächeln vor lauter Zuckerwerk in der väterlichen Bäckerei als eine weitere Leckerei einreiht. Diese Malerei war ähnlich kompliziert wie die Zeiten, in denen sie entstand.

Bis 13.1.2019, di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0201/ 88 45 000,

www.museum-folkwang.de,

Katalog, Hirmer Verlag, München, 32 Euro

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