„Undine“ von Christian Petzold im Wettbewerb der Berlinale

Ein Wasserwesen im Swimmingpool: Paula Beer ist „Undine“ in Christian Petzolds Film. Foto: christian schulz/schramm film

Berlin – Es gibt Momente im Kino, die sind unvergesslich. Als Christoph rücklings vor ein Aquarium baselt, kracht die Glasscheibe, sodass sich Fische und Wasser in das Café ergießen, in dem er Undine angesprochen hat. Christoph ist Industrietaucher. Er hat ein besonderes Verhältnis zu Wasser, wie die Historikerin Undine, die gerade über Berliner Stadtgeschichte gesprochen hat („in einem Sumpfgebiet gebaut“). Aber erst dieser Sturzbach aus dem Zimmerbassin löst in der jungen Frau, die gerade ihre große Liebe verloren hat, ein neues Bewusstsein aus.

Wie sie neben Christoph liegt, mit Fischen, Glassplittern und Wasserpflanzen bedeckt, öffnet Regisseur Christian Petzold das Mystische in ihr, die zweite Identität – mitten in der Großstadt. Sein neuer Film „Undine“ begegnet der Unmöglichkeit von Liebe, die im Kino immer wieder als Frau-Mann-Thema verhandelt wird, mit dem Ausweg in ein Märchen, einen europäischen Mythos. Wo, wenn nicht im Lichtspielhaus, sind solche kleinen Fluchten erlaubt.

Im Zentrum steht wieder Paula Beer („Bad Banks“, TV-Serie), die mit Christian Petzold bereits das Emigrantendrama „Transit“ beim Filmfestival 2018 vorstellte. Franz Rogowski als Christoph ist erneut ihr Partner, nur diesmal können beide in ihr Element eintauchen und überzeugen. Das Paar findet sich, erlangt eine eigene Innigkeit.

Christian Petzolds Filme sind immer ein Wagnis. Die Gestimmtheit seiner Figuren liegt oft in einer minimalen Mimik verborgen, die Nina Hoss in „Yella“ (2008) und „Barbara“ (2012) kongenial beherrschte. Paula Beer hat es leichter, sie hat einen Plan und agiert als ein Halbwesen, das sich abseits des Menschlichen selbst erkennt. Das gibt ihrer Figur Halt. Sie erfüllt den Mythos und tötet ihren Ex in einem Swimmingpool, weil er ihre Liebe nicht wirklich erwiderte und sie einen anderen Mann im Sinn hat. Denn Christophs Liebe ist aufrichtig. Als sie ihn wegen Johannes im Unklaren lässt, ist er verletzt. Sein Arbeitsunfall beim Tauchgang fordert ihre magischen Kräfte heraus. Kann sie ihn retten?

Regisseur Petzold, der in Haan bei Wuppertal geboren wurde und die Talsperren-Region kennt, macht daraus kein Geisterspiel. Die Filmaufnahmen im Sauerland zeigen Staumauer, Bergwald und Uferzonen. Im Bahnhof des Lüdenscheider Stadtteils Brügge ist ein verliebtes Paar zu sehen, keine Flossenwesen. Paula Beer spielt eine Wassernymphe, die sich selbst annimmt statt den Männern nachzuhängen. Diese Emanzipation wird stringent als Liebesgeschichte erzählt.

Christoph kommt nach seiner Rettung mit einer Kollegin zusammen. Als er sich entschließt, wieder an seinem Unfallort hinabzutauchen, ahnt er, dass er nicht allein sein wird im trüben Wasser. Undine wird hier nicht als Männer-Traum missbraucht. Petzold zeichnet in seinem gelungenen Wettbewerbsfilm ein übersinnliches Liebesideal, das beide erfüllen – Undine und Christoph. Ein See im Sauerland hält ihr Geheimnis verborgen. Christoph hat eine Zukunft mit seiner schwangeren Freundin. Selten war ein Mythos so spürbar und gegenwärtig.

Nur 18 Filme sind im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, das neue Leitungsteam, haben die Auswahl konzentriert. Wer gewinnt den Goldenen und die Silbernen Bären? Klasse statt Masse? Am ersten Wochenende der Berlinale werden traditonell Kinostars auf dem roten Teppich am Potsdamer Platz präsentiert. Rissenbeek und Chatrian schalten in Sachen Glamour allerdings einen Gang zurück. Ihnen geht es mehr um die Filme, war vor dem Festival zu hören. Ob so die hohe Zahl an Kinogängern erreicht wird, die das Besucher-Festival bisher ausgemacht hat? In der Ära von Festspieldirektor Dieter Kosslick wurden noch 400 Filme projiziert. Der 70. Jahrgang des Festivals bietet noch 340.

Ein Multiplex-Kino am Potsdamer Platz wird gar nicht mehr bespielt. Das Cubix-Kino am Alexanderplatz ist die Alternative. Das Filmfestival wird weiter dezentralisiert in Berlin.

Im Bären-Wettbewerb entdecken zwei Produktionen eine neue Langsamkeit. Philippe Garrel dreht seit 1967 Spielfilme in Frankreich. Viermal war er bereits in Berlin. Seine Filmen liefen bisher im Forum des Internationalen jungen Films. Die Sektion feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen.

Garrell erzählt in „Le sel des larmes“ (Das Salz der Tränen) sehr gelassen von entscheidenden Jahren im Leben eines jungen Tischlers. Luc ist auf der Suche – nach Abenteuern, nach Liebe und einer Arbeit, die ihn erfüllt. Logann Antuofermo spielt ihn zielsicher, wenn er das Mädchen Djemila trifft und anbaggert. Er schaut, was geht, als er die Beziehung mit einer Schulfreundin wieder aufgreift, die er jahrelang nicht gesehen hatte. Doch sowie Luc eine Fachschule als Kunstschreiner in Paris besucht, lässt er die schwangere Geneviève zurück. Kameramann Renato Berta zeigt in langen Einstellungen und Schwarzweißbildern, wie enttäuscht und verletzt die jungen Frauen sind, als sich Luc abwendet. Ihnen gilt die Aufmerksamkeit des Regisseurs, der ganz sensibel und ohne Kitsch ihren Gefühlen Raum gibt. Dass Lucs Entscheidungen letztlich auch für ihn Veränderungen bringen, die ihm nicht gut tun, wird abmessend als Lebenserfahrung qualifiziert. Eine Stimme aus dem Off ordnet Lucs Vorlieben ein. Als er Betsy in Paris gewinnt, wird ihm klar, was er wirklich braucht. Betsys Sehnsucht nach einem zweiten Mann in einer Ménage-à-trois strapaziert ihn zu sehr. Doch erst der plötzliche Tod seines Vaters, der ihm immer half, macht Luc einsichtig. Er denkt wieder an Djemila. Oulaya Amamra spielt eine jugendliche Frau ganz unprätentiös, die sexuelles Begehren mit dem Gespür verbindet, dass Liebe eine Lebensdimension haben kann. Der Film, der eigentlich nichts Neues berichtet, hat eine humane Botschaft, weil jeder Mensch als empfindender Charakter akzeptiert wird.

Auch der US-Film von Kelly Reichardt erschließt sich über die Figuren. „First Cow“ hört sich wie ein Western an und versucht das, was dieses Genre-Kino nie eingelöst hat: hinter den Kinohelden echte Menschen zu porträtieren, die im 19. Jahrhundert die multiethnische Pionier-Gesellschaft bildeten. „First Cow“ geht auf eine Jonathan-Raymond-Story zurück, die erzählt, wie der Chinese King-Lu und der Heimatlose Cookie ein Geschäft aufziehen, das nicht ganz legal ist. Die Milch für ihr Ölgebäck holt sich Cookie nachts bei einer Kuh. Der Chef des Forts merkt den Betrug erst spät. Toby Jones, vielbesetzter britischer Nebendarsteller („Die Tribute von Panem“, „Jurassic World“), amüsiert als kleiner Snob im wilden Westen, der fürs Ölgebäck tief in die Tasche greift („Schmeckt nach London“). Kelly Reichardt gelingt mit dem sorgsam inszenierten Bubenstück ein aufrichtiger Blick in eine von Hollywood-Bildern bestimmte Frontier-Zeit. Nicht idealisierte Kulissen imitieren den Westen, sondern die Wälder Oregons fühlen sich hier nass und dicht an. Man schläft in Zelten oder Bretterbuden. Hier begegnen sich Pelzhändler, Fahrensleute, Indianer, Musiker, Kriminelle und Geschäftsleute. Ihre Absprachen und Agreements kommen ohne die Repressalien aus, die Captain Lloyd (Scott Shepherd) verkörpert, als er mit dem Fort-Chef über Prügelstrafen spricht. Sie greifen zur Flinte, wenn ein paar Liter Milch fehlen, und setzen Selbstjustiz mit staatlicher Ordnung gleich. Gut, dass die Wälder Oregons undurchdringlich sind. Die Weite Amerikas hat bei Kelly Reichardt etwas Friedliches. Das tut gut.

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