„Und morgen eine neue Welt“: Tilman Röhrig zu Friedrich Engels

Die Verfasser des 1848 erschienenen „Kommunistischen Manifest“, Friedrich Engels (links) und Karl Marx, auf undatierten Bildern. Sie sind die Hauptpersonen in Tilman Röhrig Roman „Und morgen eine neue Welt“. Foto: dpa-archiv

„Na, meine Süße. Hab’ keine Angst vor mir!“ Mit den Fingern war der besoffene Kerl schon zwischen ihren Beinen, klatschte auf den Hintern der Haushälterin und machte Geldangebote. Entschlossen beendete Helene das Handgemenge in einem verrauchten Wohnzimmer. Sie will doch nur der Baronin Jenny unter die Arme greifen und arbeiten. Und dann sowas!?

Schlüpfrig startet der Historienroman von Tilman Röhrig. „Und morgen eine neue Welt“ blickt in die Tristesse einer Brüsseler Unterkunft, wo Nachbar „Fritz“ nach einem Trinkgelage übergriffig wird. Wer dieser Mann wirklich ist, weiß auch Tilman Röhrig nicht so genau. Aber anhand von Quellen, Aufzeichnung und den Historien zur Arbeitergeschichte wird Friedrich Engels zur zentralen Figur eines historischen Romans. Röhrig, der erfolgreiche Bücher zum Reformator Martin Luther (1483–1546) und zum Bildhauer Tilman Riemenschneider (1460–1531) veröffentlichte, will vor allem unterhalten. Da ist es legitim, den Mitherausgeber des Kommunistischen Manifests als Schürzenjäger zu entblößen. Den Ruf hatte Friedrich Engels (1820–1895) ohnehin.

Mit seinen Begabungen zählte der Industriellensohn aus Wuppertal-Barmen aber zu den interessantesten Intellektuellen des 19. Jahrhunderts. Wie auch sein Freund und Mitstreiter Karl Marx, den Röhrig im „knielangen grauen Nachthemd“ auftreten lässt – „mit schwarzen Brusthaaren“. Auch der Wirtschaftstheoretiker und Gesellschaftsideologe wird in ein süffisantes Alltagsbild gestellt. Später tritt er als lärmender Besserwisser in der Chetham’s Library in Manchester auf.

Es braucht eine ganze Weile, bis deutlich wird, dass Autor Röhrig seinen Marx und Engels nicht nur für einen seitenstarken Schmöker ins Zwielicht rückt. Im Verlauf des Romans gewinnt das politische Geschehen an Bedeutung, liefert Zeitkolorit und Spannung.

Von 1845 bis 1851 reicht die Erzählhandlung. Friedrich Engels entwickelt soziologische Parameter, um die Lage der Arbeiter in England zu beurteilen. Er unterstützt Karl Marx, der das Kommunistische Manifest verfasst und mit ihm 1848 herausbringt. Er baut eine Arbeiterpartei auf, die nicht nur Löhne erhöhen, sondern die Gesellschaft verändern will. Und er trifft die Irin Mary Burns, eine Frau, die er über Jahre hinweg immer wieder aufsucht. Und wirklich liebt?

Solche Fragen werden geschickt im Stil von Liebesschmonzetten behandelt. „Und morgen eine neue Welt“ ist vor allem ein Unterhaltungsstoff. Röhrig entwirft für die ungewöhnliche Beziehung der beiden, die sich zeitweise aus den Augen verlieren, eine spürbare Gefühlstiefe, obwohl „Fritz“ zahlreiche Liebschaften hat. Eine Ex-Prostitutierte wird ihm in Paris zur Gespielin. Röhrig entwickelt diese erotischen Szenen mit Vergnügen und hat Spaß dabei, Engels mit den Absichten der Lebedame unter Druck zu setzen. Dass mit der Affäre noch ihr Mann, der deutsch-jüdische Frühsozialist Moses Heß, gekränkt wird, den Engels nicht ausstehen kann („Möchtegernprophet“), macht das Tête-à-Tête noch pikanter. Auch der Besuch beim todkranken Dichter Heinrich Heine ist eine Nummer für sich.

Im Fall Mary Burns wird es dagegen familiär. Röhrig lässt Engels Schwester, eine Bürgersdame, auf die Irin treffen, die mit ihrer Suppenküche Arbeiterfamilien unterstützt. Beide Frauen verstehen sich.

Tilman Röhrig entwirft in dialogstarken Kapiteln das menschelnde Miteinander der historischen Figuren. Das ist die Stärke des Schriftstellers, der in einem kleinen Ort im Hunsrück geboren wurde. Sein Buch „Und morgen eine neue Welt“ ist vor allem ein Freundschafts- und Familienroman.

Karl Marx muss für seine Ehefrau Jenny, einer Baronin von Westphalen, immer wieder Geld auftreiben, um die Familie mit drei Kinder zu ernähren. Außerdem kosten seine Schriften („Das Elend der Philosophie“). Die existenzielle Not wächst. Mal hilft Freund Friedrich finanziell aus, mal wird der Hausstand versetzt – bei den Marxens ist immer was los. Und für Spannung sorgt außerdem die Bespitzelung der Revoluzzer durch den Preußischen Staat.

Auszeiten vom täglichen Kampf bieten zahlreiche Trinkszenen („das letzte Viertel füllte er mit Branntwein auf“), Raucherfreuden („frischen Tabak in die Pfeife“) und Essensgelüste („braun gesottene Käsekrapfen“). Es lebt sich – trotz Schulden.

„Der große Friedrich-Engels-Roman“, so der Untertitel, ist in kurzweiligen Episoden entlang historischer Ereignisse erzählt. Röhrig geht chronologisch vor und wechselt zwischen den Orten Paris, London, Brüssel, Köln, Barmen, Manchester, um seine Story abwechslungsreich zu halten. Marx, dem ein Paar Kernthesen angehängt werden („Der Mensch macht die Religion“), will das Privateigentum in vergesellschaftetes Eigentum überführen. Dass die demokratische Revolution 1848/49 nur eine Vorstufe der kommunistischen ist, zählt zu Marx’ Überzeugungen. Er muss aus Paris fliehen, Engels später aus Köln. Die Obrigkeit setzt beiden zu. Die deutsche Republik im Südwesten scheitert. Engels überlebt die Kämpfe. Es war eine heftige Zeit, so erzählt es Tilman Röhrig.

Tilman Röhrig: Und morgen eine neue Welt. Der große Friedrich-Engels-Roman. Piper Verlag, München. 512 S., 20 Euro.

Das Engels-Jahr

Industriellensohn Friedrich Engels ist am 28. November 1820 in Barmen geboren worden. Wuppertal ehrt mit einem Festjahr den 200. Geburtstag des Sohns der Stadt. Aufgrund der Corona-Krise mussten Veranstaltungen ausgesetzt werden. Die Eröffnung der Ausstellung „Friedrich Engels – Ein Gespenst geht um in Europa“ im Historischen Zentrum musste verschoben worden.

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