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„Und ihr wolltet tanzen, also: tanzt!“ am Schauspiel Dortmund

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Von: Ralf Stiftel

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Tanzt Theater Dortmund mit Mervan Ükmez (vorn), Marie Popall und Alexander Darkow.
Den Tanz feiert die Produktion des Theaters Dortmund mit Mervan Ükmez (vorn), Marie Popall und Alexander Darkow. Foto: Birgit Hupfeld © Birgit Hupfeld

Dortmund – Auf dem Höhepunkt öffnet sie das Bühnentor. Antje Prust geht voran mit großen Boxen auf einer Sackkarre, und Darsteller und Publikum bilden einen seltsamen ekstatischen Zug über den Hiltropwall in Dortmund. Passanten staunen über das seltsame Treiben, die wummernden Beats, die Tanzschritte bei einigen Beteiligten in der eigentlich nachtstillen Stadt.

Auf dem Theatervorplatz umschreitet die seltsame Prozession die großen Brunnensteine. Dann gehen die Darsteller von Zuschauer zu Zuschauer. Sie fragen: „Darf ich dich berühren?“ Wenn ja, helfen sie mit einem feuchten Bausch beim Aufbringen eines Lecktattoos. Dann geht es zurück.

Gerade junge unternehmungslustige Menschen leiden unter einem Phantomschmerz. Die Clubs sind geschlossen, andere Raves gab es seit Monaten nicht. Wo kann man feiern? Einmal alles rauslassen, sich in Schweiß arbeiten, Nähe empfinden? Hier springt das Theater ein mit dem Stück „Und ihr wolltet tanzen, also: tanzt!“ Die Performerin Antje Prust hat konzipiert und inszeniert. Den Besucher erwartet keine konventionelle Vorstellung. Hier darf und soll man mitwirken. Alle stehen gemeinsam in einem Raum, auf der Bühne des Schauspielhauses, heute einmal ein Club. Am Anfang tanzen Prust, Marie Popall, Alexander Darkow, Mervan Ürkmez wild über die Bühne, teils zwischen den Besuchern durch. Die Techno-Grooves von Zooey Agro pumpen, und der Rhythmus verleitet zumindest zum Mitwippen. Sie gehen auf einzelne Zuschauer zu, sprechen sie an, freundlich, lockend, bis eine Frau mit Gesten eine Blume hält, bis sie nervöse Tränen vor ihrer Brust fingert.

Der Text, mal chorisch rezitiert, mal verteilt auf einzelne Akteure, ruft die Erinnerung an „schwingende Tanzbeine“ auf. All die sinnlichen, schönen Momente werden zelebriert. Auf der Bühne berühren sich die Tänzer, platzieren die Lecktattoos auf dem Oberschenkel oder dem Bauch eines Mittänzers und lecken ihn dann. Sie bilden eine Menschenpyramide, tragen sich gegenseitig umher. Soviel Vertrautheit, Nähe, Intimität. Das verlangt den kleinen Rahmen: Nur 30 Zuschauer in einer Vorstellung sind zugelassen.

Nach der Prozession wird ein Podest zum See, in dem sie pantomimisch baden. Sie bereiten sich Käsesandwiches und essen sie. Einfache Freuden, die durch Gemeinsamkeit besonders werden. Die ungewöhnliche Performance ist ein wenig versponnen, berührt aber auch zärtlich das Publikum, wie man es lange nicht im Theater erlebt hat.

20.3., 14., 30.4.,

Tel.0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

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