Umbo, früher Star der Fotokunst

Ein Bildmoment aus Licht und Schatten. Umbos Fotografie „Am Strand (auch Strandleben)“ (1930), zu sehen in der Berlinischen Galerie, die Aufnahmen von 1926 bis 1956 zeigt. Foto: phyllis umbehr/galerie kicken berlin/vg bild-kunst, bonn

Berlin – Licht und Schatten ist in der Schwarzweißfotografie ein Sujet für sich. Kaum ein Fotograf, der nicht bewusst damit gearbeitet hat: Otto Umbehr gelingt eine Aufnahme, die die Wirkung der tiefstehenden Sonne genial nutzt, um der Freizeit des modernen Menschen eine entrückte Gelassenheit zu geben. „Am Strand (auch Strandleben)“ zeigt ein Paar, hingestreckt und sinnlich beieinander. Um die beiden sind einige Menschen in Badesachen gruppiert, die die Sommerfrische genießen. Wer möchte nicht dazugehören? Decken, Handtücher, ein Aktenkoffer, ein Hut und Schuhe sind zu sehen. Lange Schatten überdecken die Szenerie, so dass nicht jedes Detail gleich zu erkennen ist. Diese Lichtverhältnisse betonen private Momente am Badestrand. Sonnencremes, Schirme, Beachball oder Luftmatratzen – Fehlanzeige. Der Zeitvertreib scheint 1930 noch Individualisten vorbehalten – was nicht stimmt, aber gut zur illusionistischen Kraft der Fotografie passt.

Das Foto ist neben zweihundert weiteren von Otto Maximilian Umber, genannt Umbo, in der Berlinischen Galerie zu sehen: „Umbo. Fotograf“. Die Aufnahmen sind zwischen 1926 und 1956 entstanden. Sie belegen, warum Umbo (1902–1980) einer der bekanntesten Fotografen der 20/30er Jahre in Deutschland war. Dabei ist „Am Strand“ kein typisches Umbo-Bild, weil es meisterhaft mit Grautönen und eben Licht und Schatten spielt. Die Halbtonschattierungen und diese Komposition von Menschen waren ein Zufallsprodukt. Eigentlich könne er gar keine Grautöne fotografieren, hatte Umbo einmal gesagt. Er war kein Atelierfotograf. Er setzte sich vom Fotohandwerk ab. Sein Stil war experimentell und subjektiv. Umbo war einer der ersten Fotokünstler. Nur das es diesen Begriff damals nicht gab. Mit Porträts von Ruth Landshoff wie „Ohne Titel (Ruth. Die Hand)“ schuf er radikale Extrema. Seine Frauenporträts abstrahierten die traditionelle Charaktersuche mit Grautönen zu einer entschiedenen Polarisierung auf Weiß und Schwarz. Valeska Gert wirkte auf einem Bild von 1926/27 gar maskenhaft, so hart kontrastierten Schwarz und Weiß auf der Röntgenfilmplatte. Das Medium Fotografie veränderte sich. Umbo trieb es an, und die Zeitungen der Weimarer Republik brauchten neue Motive.

Seit 1923 war der gebürtige Düsseldorfer in Berlin. Anfangs nur als Handlanger am Deutschen Theater, später half er Walter Ruttmann im Trickfilmstudio. 1926 rettete ihn ein Studienfreund aus Bauhaus-Zeiten, Paul Citroen, der den entkräfteten Umbo am Kurfürstendamm aufgabelte, ihn versorgte und eine alte Reisekamera schenkte. Erste Aufnahmen mit Citroens Freundinnen wurden von der „Illustrirten Zeitung“ veröffentlicht.

Umbo wird Fotograf. Er arbeitet mit extremen Aufsichten auf Straßen und Hinterhöfen. Er bewegt sich im städtischen Raum, entdeckt Menschen (und Kinder) im Alltag und wird zum Reporter – ab 1928 für die Agentur Dephot. Seine Bildserie über den Clown Grock (1928/29), der sich vom Biedermann zum Komiker umschminkt und verwandelt, wird massenhaft gedruckt. Umbo ist Teil der Künstler-Szene Berlins. Im Heft „Das Leben“ (1931/32) signalisiert die Titelzeile „umbo knipst artisten“, wer hier mittlerweile der Star ist.

Im NS-Staat wandeln sich Umbos Themen. Künstlerporträts und Mineralien lichtet er ab, für die Berliner AEG erprobt er eine Himmels- und Horizontkamera, die für Wetteraufzeichnungen gedacht ist. 1937 erhält er einen Garantievertrag beim Deutschen Verlag, ehemals Ullstein. 500 Mark im Monat.

1943 muss Umbo einige Monate zur Wehrmacht als Kraftfahrer. In Berlin wird bei einem Bombenangriff sein gesamtes Fotoarchiv zerstört. Nach dem Krieg fängt der Fotograf wieder von vorne an. In Hannover trifft er seine Ehefrau Irmgard Wanders wieder. Seine Tochter Phyllis wird geboren. Umbo fotografiert für den „Spiegel“ und die britische „Picture Post“. Er reist als Teilnehmer eines Reeducation-Programms in die USA, ist von den gigantischen Räumen und Bauwerken erstaunt, zeigt sie aber auch in ihrer Übergröße zum Menschen („Golden Gate Bridge, San Francisco“ 1952/60er Jahre).

Seine Gespür für Stimmungen führt ihn in die Flüchtlingslager der Nachkriegszeit. Die Reportage „The Lost Child“ zeigt den Briten, wie es Kindern ohne Eltern geht. Umbo denkt dabei vielleicht an die eigene Tochter. Beleg für seine unstete Lebensführung ist einmal mehr, dass er sich von seiner Frau trennt. Sie zieht mit Phyllis nach Düsseldorf. Ein Auskommen hat Umbo als Hausfotograf der Kestner-Gesellschaft in Hannover. An seine Erfolge der 20/30 Jahre kann er nicht anknüpfen.

Erst als sich in den 1970er Jahren Fotokunst in Galerien und Museen langsam etablieren konnte, wurde Umbos Werk wiederentdeckt. Er erlebte die Anerkennung in seinen letzten Lebensjahren spät – auch mit Präsentationen im Ausland.

Die Ausstellung in Berlin kann nur auf ein Konvolut von 608 Fotografien zu greifen, weil es mehr Bilder nicht mehr gibt. Der Galerist Rudolf Kicken arbeitete mit Phyllis Umbehr seit 1979 am Erbe Umbos. Neben dem Nachkriegsbestand werden Fotografien, die im Besitz von Freunden wie Paul Citroen und dem US-Galeristen Julien Levy waren, gesichert und angekauft. 2016 erwerben die Berlinische Galerie, das Sprengelmuseum Hannover und die Stiftung Bauhaus Dessau den Nachlass.

Angefangen hatte alles am Bauhaus in Weimar, wo Otto Umbehr 1921 den Vorkurs bei Johannes Itten belegte. Ittens Strategien, neue Bildwelten zu entwickeln, weckten Umbehrs künstlerische Ambitionen. Obwohl die Fotografie erst an der Bauhaus-Schule in Dessau eine neue Bewertung erfuhr – Laszlo Noholy-Nagy gründete die Foto-Klasse –, sagte Umbo: „Ich verdanke dem Bauhaus, vor allem meinem Lehrer Itten, alles. Meine Fotografie ist unmöglich ohne den Unterricht von Itten.“ Umbo selbst verweigerte nach gutem Start die Arbeit in der Metallwerkstatt und wurde von Direktor Walter Gropius als erster Student 1923 entlassen – wegen „mangelnder Strebsamkeit“.

Bis 20. Juli; mi-mo 10 – 18 Uhr; Tel. 030/789 02 600; www.berlinischegalerie.de Katalog im Snoek Verlag erschienen, 48 Euro

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare