Ulrich Brinkmann thematisiert die Fußgängerzone

Historische Postkarte zu Paderborn mit seiner Fußgängerzone. Foto: peter klocke verlag

Stadtzentrum bedeutet in den meisten deutschen Städten: Fußgängerzone. Ein abgesperrter Bereich zum einkaufen und flanieren, mit Blumenkübeln, Hochbeeten und Schauvitrinen hübsch gemacht. Ein Phänomen der Nachkriegszeit, das zunehmend in Frage gestellt wird, schließlich sieht es mit schwindendem Einzelhandel in mancher „Fuzo“ inzwischen recht trist aus. Der Architekturkritiker Ulrich Brinkmann hat die Geschichte der Fußgängerzonen anhand von Postkarten verfolgt.

Die Ansichtskarte ist für Brinkmann das geeignete Medium, um die Bedeutung von Fußgängerzonen im Nachkriegsdeutschland zu zeigen. Es sind keine Schnappschüsse, sondern professionelle Aufnahmen aus dem Alltag, sie geben weder die Perspektive von Stadtplanern und städtischen Werbeämtern wieder, noch äußern sie Kritik an Architektur und Stadtbild. Rund 200 solcher Aufnahmen aus Ost und West bis 1989 hat der Autor für „Achtung vor dem Blumenkübel“ zusammengestellt.

Dabei kommt deutlich mehr heraus als eine nostalgische Zeitreise durch deutsche Innenstädte; Brinkmann legt vielmehr eine Art Geschichte der Fußgängerzone an sich vor. Sie ist ein geistiges Kind der „Charta von Athen“, einem 1931 verfassten internationalen Manifest der modernen Stadtentwicklung, das eine strenge Trennung zwischen Arbeiten, Einkaufen und Wohnen vorsah. Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs schufen die Voraussetzungen für ihre Umsetzung.

Die Fußgängerzone schlechthin entstand nicht zufällig in Rotterdam. Die Innenstadt der niederländischen Hafenstadt war bei einem deutschen Luftangriff 1940 vollständig zerstört worden; der Wiederaufbau sollte modernen Leitlinien folgen. Die Architekten Broek & Bakema planten dort die Lijnbaan, eine 1,1 Kilometer lange und 18 Meter breite Straße ohne Autoverkehr, gesäumt von niedrigen Geschäftshäusern und dahinter hohen Wohnbauten.

1953 war die Lijnbaan fertig und fand europaweite Beachtung. So ganz autofrei war sie nicht: Quer- und Parallelstraßen sorgten dafür, dass kein Geschäft weiter als 60 Meter vom nächsten Parkplatz entfernt war. Fußgängerzone und autogerechte Stadt waren zwei Seiten einer Medaille, urteilt Brinkmann. Auch in Deutschland war 1953 das Geburtsjahr der Fußgängerzone. Die Kasseler Treppenstraße und die Stuttgarter Schulstraße mit ihren zwei Ebenen fanden allerdings kaum Nachfolger.

Zum Modell der deutschen Fußgängerzone wurde die Kieler Holstenstraße, eine einfache Geschäftsstraße, die ebenfalls 1953 für den Autoverkehr gesperrt, aber erst nach und nach für Fußgänger ausgebaut wurde. Brinkmann, der heute in Berlin für die Fachzeitschrift „Bauwelt“ arbeitet, beschreibt so einen Umwandlungsprozess am Beispiel seiner Heimatstadt Paderborn, wo von Postkarte zu Postkarte Straßenbahnen, Autos und Radler verschwinden, und eine Vielzahl von Gestaltungselementen auftaucht.

Die Fußgängerzone bedurfte, so der Autor, einer eigenen Möblierung, um ihrer Funktion als entschleunigtem Aufenthaltsraum gerecht zu werden. Brinkmann zeigt sehr schön, wie sich stadtplanerische Entwürfe durchs ganze Land ziehen: Eine Pflasterung mit Längsstreifen erinnerte in den 1960er Jahren noch an den nun fehlenden Fahrzeugverkehr, wurde in den 1970er Jahren aber üblicherweise durch Querstreifen abgelöst, die das Verweilende betonte. In den 1980er Jahren entanden künstliche Pflasterwelten mäandrierenden Mustern.

Das Symbol der Fußgängerzone schlechtin ist für Brinkmann die Kugelleuchte, die sich seit Ende der 1960er Jahre flächendeckend verbreitete. Das runde Pop-Design war Kontrast zur schlichten Wiederaufbauarchitektur der 1950er Jahre, ist heute aber fast vollständig verschwunden. Schöne Beispiele zeigt Brinkmanns Band als Einzelleuchte in der Lippstädter Langen Straße und als Fünffachleuchte in der Hammer Weststraße.

Ulrich Brinkmann: Achtung vor dem Blumenkübel! Die Fußgängerzone als Element des Städtebaus. Ansichtspostkarten in Ost- und Westdeutschland 1949 bis 1989. Berlin: DOM Publishers 2020. 248 S., 200 Abbildungen. 28 Euro.

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