Neu übersetzt: James Baldwins Gedanken

James Baldwin, US-Autor. Foto: dpa

Jana Pareigis hat etwas in deutschen Buchhandlungen vermisst. Als die Hamburgerin 2004 in New York lebte, stieß sie im Stadtteil Harlem auf Texte von Ralf Ellison (1914–1994), Alice Walker (geboren 1944) und James Baldwin (1924–1987). Afroamerikanische Autoren, die für das Selbstverständnis der schwarzen Community in den USA sehr wichtig sind. Lassen sich ihre Werk auf deutsch lesen? Walkers Roman „Die Farbe Lila“ ist eine Ausnahme, aber auch nur ein Text der Aktivistin.

Mit einem sehr persönlichen Vorwort von Jana Pareigis ist eine Neuübersetzung zu James Baldwins Buch „Nach der Flut das Feuer“ erschienen. Miriam Mandelkow übersetzte „The Fire Next Time“. Baldwins Aussagen wie „Wer mich für einen Nigger hält, hat das anscheinend nötig“ oder „Hautfarbe ist keine menschliche oder persönliche Realität; sie ist eine politische Realität“ werden in seiner scharfsinnigen Argumentation zu humanen Erkenntnissen, die heute so aktuell und trefflich sind wie 1963. Damals erschienen Baldwins Briefe und Aufsätze. „The Fire Next Time“ wurde zum Bestseller und Baldwin zu einem Vordenker der Bürgerrechtsbewegung.

Baldwin hatte den Brief „Lieber James“ an seinen Neffen zum 100-jährigen Bestehen der „Emanzipations-Proklamation“, des offiziellen Endes der Sklaverei, verfasst. Baldwin spricht über den weißen Amerikaner, der Angst bekommt, weil sich seine Realität in dem Augenblick ändert, in dem der Schwarze die ihm aufgezwungene „Gefangenschaft“ nicht mehr akzeptiert. Baldwins Gedanken zu „Sinnlichkeit“ machen gelassen, erwecken eine persönliche Präsenz. Er plädiert („Vor dem Kreuz“) dafür, das Leben zu respektieren: die Mühen des Liebens beispielsweise und das „Brechen des Brotes“. Die christliche Metapher fürs gemeinsame Leben spitzt Baldwin mit persönlichen Ärger zu. Wann wird in Amerika wieder Brot statt des „lästerlichen geschmacklosen Schaumgummis“ gegessen?

Baldwin inspiriert heute noch Stoffe in Literatur und Film. Colson Whitehead hat für „Die Nickel Boys“ (2019) Baldwins These verwendet, dass ein Schwarzer nicht glauben kann, dass Weiße ihn so schlecht behandeln. Der Roman schildert das Drama eines Afroamerikaners, der sein Glück machen will und untergeht. Barry Jenkins hat seinem Film „Moonlight“ (2017) Baldwins Erkenntnis zugrunde gelegt, dass der Schwarze in den USA konditioniert wird fürs Singen, Tanzen und Boxen – in den 50/60ern. Es dauerte Jahre, bis Baldwin auf die Idee kam, Schriftsteller zu werden. In „Moonlight“ passt sich der homosexuelle Schwarze an und wird Drogendealer. Für dieses Drama erhielt Jenkins den Oscar.

James Baldwin: Nach der Flut das Feuer. Deutsch von Miriam Mandelkow. dtv, München. 123 S.,18 Euro

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare