Über Heimat sprechen: Interview mit Peter Kurzeck

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Peter Kurzeck ist 1943 in Westböhmen geboren und bei Gießen in der Bundesrepublik aufgewachsen. Er ist Schriftsteller und schreibt autobiografisch gefärbte Romane. Er hat den Alfred-Döblin-Preis (1991) erhalten, den Nossack-Preis (2000) und die Goethe-Medaille der Stadt Frankfurt. Er lebt zur Zeit in Uzès (Südfrankreich) und in Frankfurt. ▪

Peter Kurzeck ist Schriftsteller und Chronist des 20. Jahrhunderts („Kein Frühling“, 1987/2010). Er beobachtet genau, er durchdringt seine Lebenszeit, er schreibt auf, erzählt und hält fest. Er hat zahlreiche Preise gewonnen und war Gast der Villa Massimo in Rom. Kurzeck ist in Tachau, Westböhmen geboren. Er kam als Flüchtlingskind mit seiner Mutter und Schwester nach Staufenberg, nahe Gießen. In dem ARD-Zweiteiler „Fremde Heimat“ wird er als Flüchtling zu Wort kommen. Im Interview mit Achim Lettmann spricht er über Heimat, wie die Sprache sein Zuhause wurde und wie Kunst entsteht.

Was ist Ihre erste Erinnerung als Vertriebener?

Peter Kurzeck: Die erste Erinnerung geht in meinen Geburtsort zurück. Das sind einzelne, sehr klare Bilder von einem Tieffliegerangriff, als ich eigentlich noch nicht ganz zwei Jahre alt war. Man bezieht diese Flugzeuge direkt auf sich, und die kommen auf einen zu, Schatten, und die sehen sehr aggressiv aus. Und es ist sofort ein solcher Lärm, dass man in Panik gerät. Ich hatte mit meiner älteren Schwester auf der Straße gespielt, und wir sind dann in eine Marienkapelle gerannt, die dort stand. Und in der Marienkapelle fiel der Putz und dieser bemalte Putz von den Wänden. Ich habe aber auch friedliche Erinnerungen an meinen Geburtsort. Die Umsiedlung fing im Mai 1946 an.

Sie sind nach Staufenberg ins Hessische gekommen, waren drei Jahre und kannten den Begriff Heimat noch nicht.

Kurzeck: Man eignet sich das an. Durch die Eltern und die eigenen Erinnerungen spürt man einen deutlichen Unterschied zwischen hier und dort. So die Fachwerkhäuser in Staufenberg, also eher kleine oberhessische Fachwerkhäuser, die kamen mir dunkel, geduckt und mürrisch vor, verglichen mit den bunten Barockhäusern in meinem Geburtsort. Die Barockhäuser sehen für ein Kind aus, als ob sie gleich anfangen würden zu lächeln.

Bedrückte Sie das Lebensgefühl Ihrer Mutter, die die Heimat verloren hatte?

Kurzeck: Ja, meine Schwester und ich, wir haben das gewusst, dass meine Mutter, wenn sie abends aus dem Fenster schaute, von einem Heimweh überwältigt wurde. Und dass sie durch das Fenster nicht Garten und Scheune des Nachbarn in Staufenberg sieht, sondern das sie nach dem Franzensbad ihrer Kindheit sucht, ein kleiner Kurort, umgeben von Wald. Ein besonderer Ort, dort ist meine Mutter aufgewachsen. Wenn man aus einem einzigartigen Ort kommt, wird man das sein Leben lang nicht los.

Heimat wird gern an Orten festgemacht, wie Sie das nun auch beschreiben. Gleichzeitig haben Sie die Sprache als neue Heimat für sich entdeckt.

Kurzeck: Es ist so, Sprechen gelernt habe ich mit den Dialekten meiner Eltern. Mein Vater aus Tachau, einer Kleinstadt am Rand des Böhmerwaldes, und meine Mutter aus Franzensbad, wo man eine Art Kurort-Wienerisch spricht, sehr viel weicher als der Dialekt meines Vaters. So haben wir zuhause gesprochen. In dem Dorf in Staufenberg war der oberhessische Dialekt, ein damals sehr harter Dialekt. Die Leute konnten mit Fremden nicht reden. Selbst mein Schulunterricht, die ersten vier Jahre, waren auf hessisch. Und darüber hinaus die Sprache der Bücher. Ich habe mit fünf Jahren lesen gelernt und mir gewünscht, die Leute sollten doch reden, wie die Menschen in Büchern. Auch solche Themen natürlich, anstatt darüber, dass die Kühe jetzt nicht viel Milch geben.

Wie ist das, wenn der Schriftsteller in der Sprache zuhause ist?

Kurzeck: Ich lebe jetzt in Frankreich und schreibe auf deutsch. Ich kann eigentlich nicht französisch, und es würde mich auch stören, sehr gut französisch zu können. Ich kann dort mit den Augen leben. Es ist etwas sehr Schönes, ein Luxus. Manche Leute sagen, es würde ihnen Angst machen, irgendwo zu sein, wo sie die Sprache nicht können. Aber ich finde es wunderbar. Man wird weniger behelligt und ich glaube, man nimmt die Welt auf eine andere Art wahr. Es ist nicht mal so, dass ich weniger sehe. Ich könnte sofort ein Buch über die Kleinstadt schreiben, in der ich in Südfrankreich lebe, also über Uzès.

Welchen Status haben Sie in Uzès, sind Sie Gast?

Kurzeck: Ja, ich bin dort Gast, aber ein Gast, den man dort arbeiten lässt. Ich würde da nicht wohnen wollen, und da nichts tun. Nirgends in der Welt würde ich es ohne Schreiben aushalten.

Sie gehen mit Ihrem literarischen Werk in die Vergangenheit. Weshalb arbeiten Sie an diesem Gegenstand, der Sie so persönlich hält?

Kurzeck: Ja, weil er mich hält, weil er mich nicht loslässt. Und weil mir Ort und Zeit sehr wichtig sind, also in der Literatur auch. Und weil ich von Kind auf den Zwang hatte, nichts vergessen zu wollen oder zu dürfen, sozusagen, dass ich für die Aufbewahrung der Welt zuständig bin. Und wenn man das hat, dann muss man was damit anfangen, sonst würden einen diese Einzelheiten irgendwann verrückt machen oder umbringen.

Das ist verblüffend.

Kurzeck: So entsteht Kunst, denke ich. Und dass es in meinem Fall das Schreiben war, und nicht das Malen, das ich auch gern gehabt hätte, das ergibt sich, glaube ich, aus diesem gespannten Verhältnis, das ich durch die Dialekte, die unterschiedlichen, auch zur Sprache habe. Ich habe schon als Kind die Sprache nicht nur zur Mitteilung genutzt, wenn man sagt, ja, ich will noch zwei Kartoffeln, oder so. Sondern ich habe mir überlegt, so heißt es bei uns am Küchentisch. So sagen die Leute im Dorf und so würde es in einem Buch heißen, und wie soll ich jetzt das sagen?

Nein?!

Kurzeck: Dann ist es natürlich eine Dauerbeschäftigung. Man gibt sich viel mehr Mühe, einen Satz zu formulieren. Man denkt ihn sich dreimal aus. Zum Beispiel, man sitzt abends da und isst Heidelbeeren mit saurer Sahne. Ich denke, bei uns in Westböhmen heißt es Schmecken. Schmecken ist ein Wort mit einer tschechischen Wurzel (šmakovat, Anm. d. Redaktion), im Dorf heißt es Schmand, was gar nicht soviel anders klingt, und in Büchern heißt es Rahm oder Sahne. Wie also sage ich jetzt, während ich das esse? Man isst es nicht mehr einfach, man sagt es nicht mehr einfach, es ist der Anfang einer Arbeit, eines Kunstwerks, würde ich sagen.

Das ist hoch interessant. – Ich frage nun nach der Vertriebenenproblematik, die ja auch die junge Bundesrepublik politisch konturiert hat. War das für Sie ein Thema?

Kurzeck: Als ich 15, 16 Jahre alt war oder auch 25, 30 – und man das Wort Vertriebener sagte, wurde man gleich in eine rechtsradikale oder revanchistische Ecke gestellt. Man kann als Mensch nicht auf seine Geschichte und seine Herkunft verzichten, schon gar nicht als Schriftsteller, der das als sein Arbeitsmaterial nimmt. Grundsätzlich sind für mich immer die Länder interessant, in denen nicht eine, sondern zwei oder drei Sprachen gesprochen werden.

Die ARD thematisiert das Schicksal der Vertriebenen in „Fremde Heimat“, 14. und 21. März, jeweils montags 21 Uhr. Peter Kurzeck (Bild) gehört zu den sieben Fallbeispielen

Peter Kurzeck publiziert Romane („Der Nußbaum gegenüber vom Laden, in dem du dein Brot kaufst“), Hörbücher und Texte, die er erzählt (Hör-CDs im supposé-Verlag, Berlin). Noch im März kommt sein neuer Roman im Stroemfeld Verlag, Frankfurt, heraus: „Vorabend“.

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