„Two Rivers“: Fotografien von Joachim Brohm und Alec Soth

Blick auf die Ruhrlandschaft: Joachim Brohms Fotografie „Bochum,1983“, zu sehen im Düsseldorfer NRW-Forum im Rahmen der Ausstellung „Two Rivers. Joachim Brohm / Alec Soth“. Foto: Joachim Brohm / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019

Düsseldorf „Mit der Landschaft als erbaulicher Landschaft konnte ich nie was anfangen“, sagt Joachim Brohm in einem Film des Instituts für Kunstdokumentation (IKS). Brohm wollte „Orte entdecken, wo etwas nicht in Ordnung war“. Ihn „zogen Übergangsbereiche an, wo Leute etwas versuchten“, führt der Professor für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchdruck in Leipzig aus. Er meint damit auch die Flusslandschaft, die sich im Ruhrgebiet veränderte.

Neben der industriellen Umnutzung zeigen seine Fotografien im NRW-Forum vor allem, wie die Uferzonen erobert wurden: wilde Parkplätze, Autos, Zufahrten, Liegewiesen, Grillplätze, Menschen im Freizeitmodus. Seine Aufnahme „Bochum, 1983“ zählt dazu, wie auch viele Fotografien aus Essen, die Teil der Serie „Ruhr“ (1980–1983) sind. Brohm studierte an der Folkwang Hochschule bei Otto Steinert und Michael Schmidt. Sein distanziert dokumentarischer Ansatz setzt sich mit sozialen, kulturellen und soziologischen Aspekten auseinander.

Darin liegt auch die Verbindung zum US-Fotografen Alec Soth, der als lyrischer Dokumentarist in der Tradition von Robert Frank, Stephen Shore und Joel Sternfeld arbeitet. Das NRW-Forum Düsseldorf zeigt derzeit „Two Rivers. Joachim Brohm / Alec Soth“. Kurator ist Ralph Goertz, Leiter des IKS. Hier ist einmal mehr eine zeitgenössische Fotoausstellung gelungen, die junge Klassiker moderner Fotokunst präsentiert. Das Institut scheut sich nicht, bereits bekannte Positionen auszubreiten, bietet dabei neben beträchtlichen Werken – insgesamt zehn Fotogruppen – aber auch einzelne Fotografien, die bisher noch nicht gezeigt wurden. Beispielsweise sind von Joachim Brohm Porträtfotografien aus seiner Zeit in Ohio ausgestellt. „Couple In Mall“ zeigt ein junges Paar, das ganz selbstvergessen in die Kamera schaut. Brohms Blitzlichtbild hebt das Paar aus der Shoppingzone hervor, ohne es tatsächlich zu porträtieren. Vor allem ein Gefühl fürs Jungsein, für Gegenwart und für den Moment des Blickkontakts wird mit dem Schlaglicht des Schnappschusses fixiert.

Brohm studierte Fotografie bei Allan Sekula in Ohio (1983–1984), wo er sich an der US-Fotografie abgearbeitet habe, so Brohm. Seine Serie „High Street“ (1983/84) gibt den amerikanischen Motiven nach: eine Mainstreet in Brauntönen mit Marlboro-Reklame, US-Autos („Buick“, „DeSoto“, „Grand Prix“), Feuerwehrleute, Hunde, Motorräder, Leuchtreklame und die vermüllte Ablage hinter einer Frontscheibe („Dashboard“). Nah dran wie ganz fern, beide Empfindungen sind hier vorherrschend.

Die Verwandtschaft von Brohm und Soth liegt auch in den Themen. Dabei lässt die Wirkweise ihrer Fotos Vergleiche zu. Wenn Soth die Milieus der US-Gesellschaft aufsucht und die Tristesse in „Lonnier’s Roadhouse Café, Williston, North Dakota“ ausstellt, wo Menschen für sich an den Tischen hocken. Oder wenn Soth die Nähe zu „Georgia Lynn, Boulder, Colorado“ (2013, schwarzweiß) ablichtet. Ihr Gesicht hat sie schamhaft hinter einer Hand verborgen. Vereinzelt und zurückgelassen wirken sie alle, ob als Gruppe oder im Porträt. Soth zählt die Aufnahmen zu seinem Projekt „Songbook“. Es ist eine Chronik des 21. Jahrhundert, und es sind „Zeugnisse des Gefühls“, wie der Fotograf selbst sagt. Mit dem Schriftsteller Brad Zeller ist er auf Tour gegangen und hat sieben Geschichten in sieben US-Staaten erlebt, fotografiert und wie eine Zeitung publiziert. Soth ist überzeugt, dass wir im digitalen Zeitalter mehr verbunden sind denn je und dennoch stärker getrennt sind als jemals zuvor.

Großartig ist auch Soths Serie „Niagara“, mal sind nur blassfarbige Oberflächen zu sehen, wie die Fassade des „Cadillac Motel“ (2005). Dann posen „Michele and Jones“ (2004) nackt und verliebt. Letztlich kreisen Soths Fotografien um den Mythos der Wasserfälle, wo die zerbrechliche Liebe auf die ewige Natur trifft. Den Gegensatz fokussiert Alec Soth als Beobachter, der mit seiner Motivwahl das „vorübergehende Verlangen“ bebildert, das seiner Meinung nach den Ort auch ausmacht.

Mit der Serie „Sleeping by the Mississippi“ (2001 – 2004) korrespondiert der Titel der Ausstellung. Soth ist hier der sensible Sozialdokumentarist, der Menschen am Fluss aufgesucht hat. In „The Farm, Angola State Prison, Louisiana“ sind vor allem schwarze Häftlinge in hellen Hemden auf dem Feld in der Ferne zu sehen. Darüber ein gigantischer Himmel, der Dreiviertel des Fotos ausmacht. Oder „Ste. Genevieve, Missouri“, wo das Modell eines Flussboots an eben diesen liegt – schlicht, grau, menschenleer, aber immer stimmungsvoll.

Wechselweise dazu sind Brohms „Ruhr“-Bilder gehängt. Außerdem werden in Düsseldorf Fotografien aus Brohms Serien „Typologie“ (1979), „Culatra“ (2008–2010) und „Dessau Files“ (2017-19) präsentiert. Es geht um Schrebergärten, um eine portugiesische Insel und um eigenwillige Motive aus der Bauhaus-Stadt.

Bis 7. 7.; di-do 11 – 18 Uhr; fr bis 21 Uhr, sa 10 – 21 Uhr, so 10 –18 Uhr; Tel. 0211 / 89 266 90; Katalog bei Koenig Books erschienen (34 Euro), nur 25 Euro im NRW-Forum; www.nrw- forum.de

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