Mahnung vor dem Meeresanstieg

Beaufort bringt zum siebten Mal Kunst an die belgische Küste

Rosa Barbas Skulptur „Pillage of the Sea“ vor dem Strand von Ostende
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Klima-Mahnung in den Fluten: Rosa Barbas Skulptur „Pillage of the Sea“ vor dem Strand von Ostende gehört zur Ausstellung Beaufort.

Ostende – Schon von weitem sieht man den Stapel aus Sandsäcken, der sich in Ostende aus dem Meer erhebt, direkt vor einem dieser Hochhauskomplexe, die die belgische Küste entlang ziehen. Die Wogen umspülen das Gebilde. Die italienische Künstlerin Rosa Barba hat es für die Kunsttriennale Beaufort errichtet.

Jeder dieser aus Beton nachgeformten Säcke steht für eine küstennahe Millionenstadt, die vom Klimawandel bedroht ist. Wenn der Meeresspiegel steigt, dann werden auch die Metropolen überspült, da helfen dann keine Sandsäcke mehr. Jeder Sack steht für eine Stadt, seine Größe entspricht der Einwohnerzahl, so dass Buenos Aires mit mehr als 15 Millionen Menschen deutlich größer ausfällt als das darunterliegende Dublin (1,2 Millionen). Unabhängig von ihrer düsteren Aussage hat die Skulptur aber eine großartige ästhetische Kraft und bietet dem auf das Meer gerichteten Blick einen Halt. Gerade widmet die Neue Nationalgalerie in Berlin Rosa Barba eine Ausstellung – Beaufort ist mit der Auswahl der beteiligten Künstler topaktuell.

Beaufort gibt es seit 2003. Willy Van den Bussche, Direktor des Provinciaal Museum voor Moderne Kunst in Ostende (heute MuZee), hatte die Idee und kuratierte die ersten beiden Ausgaben des Freiluft-Kunstevents, das Werke internationaler Künstler über alle Gemeinde der 62 Kilometer langen belgischen Küste verteilte. Eine ganze Reihe von Werken wurde angekauft und blieb im öffentlichen Raum, wenn auch nicht unbedingt dort, wo sie zunächst präsentiert wurden. So findet der Besucher ikonische Werke wie den Reiter auf der goldenen Schildkröte von Jan Fabre („Auf der Suche nach Utopia“, in Niewpoort), das Feld aus Windfahnen von Daniel Buren („Le Vent souffle où il veut“, Niewpoort) und die riesigen roten Felsen von Arne Quinze (Ostende). Der belgische Künstler Wim Delvoye hat seinen „Caterpillar“ von 2003 am Seedeich in Middelkerke sogar erweitert. Der Bagger, der aus gotischen Streben und Bögen zusammengesetzt wurde, als wäre es eine Spitzenstickerei, steht seit 2019 auf einem Tieflader im selben Design. Für die Kinder kunstsinniger Besucher übertrifft das jeden Spielplatz. 30 Kunstwerke kamen so dauerhaft an die Küste, die meisten erschließen sich dem Betrachter ohne große Theorieanstrengungen. Und von den 20 Werken des aktuellen Jahrgangs werden auch einige bleiben wie Jeremy Dellers zunächst in Knokke-Heist platzierte Arbeit „Ask the Animals, and They Will Teach You“, ein übergroßes Chamäleon, auf dessen Zunge die Kinder rutschen können.

Erweitert um einen Tieflader hat Wim Delvoye 2019 seinen gotischen Bagger in Middelkerke.

Die belgische Kuratorin Heidi Ballet hat für Beaufort 21 Kunstwerke ausgewählt, die die Frage reflektieren, wie die Küste die menschliche Gesellschaft verändert oder verändert hat. In einigen Werken erschließt sich das sofort, etwa in Rosa Barbas Turm aus Säcken. Oder in dem Werk des kongolesischen Künstlers Sammy Baloji, der eine Verbindungslinie von der Kolonialgeschichte zur Gegenwart der flämischen Küste zieht. So lässt er in einem Soundclip die Stimme eines Soldaten hören, der im Ersten Weltkrieg auf der Seite der Alliierten kämpfte. Und er stellt an den Strand von Zeebrugge eine Art Mini-Treibhaus voller Pflanzen, „...and those North Sea waves whispering sunken stories“. In solchen Vitrinen wurden einst Pflanzen aus Afrika nach Europa transportiert. Zugleich erinnert Baloji an den „Paardenmarkt“, eine Müllhalde für giftige Granaten, die nach dem Ersten Weltkrieg einfach im Meer verklappt wurden.

Auch der US-Bildhauer Michael Rakowitz arbeitet historisch. Er bat Bürger um Erinnerungsstücke, die mit dem Krieg verbunden sind. Die Stücke, hauptsächlich Orden, goss er in ein Betonobjekt ein. Aus dem amorphen, recht unansehnlichen Klumpen am Strand von De Panne ragt zum Beispiel die Spitze einer Granate.

Attraktiver ist das gigantische Oktopus-Weibchen von Laure Prouvost, das seine Tentakel aus dem Sand bei De Panne streckt. Die humorvolle, kletterkompatible Bronzearbeit „Touching To Sea You Through Our Extremities“ steckt voller Anspielungen. So hält das Tier ein Fernrohr und einen Stiefel und bietet gar Vögeln eine Tränke.

In ein Wäldchen bei Wenduine platzierte Maen Florin seine rätselhafte weiße Figur eines sitzenden Knaben mit übergroßen Ohren. „Benjamin“ ist in sich versunken, träumt oder denkt nach. Ein noch seltsameres Geschöpf ist der „Dancer“ von Marguerite Humeau, ein Meeressäugetier, dessen marmorweiße Fluke wir schlagen sehen. Die Skulptur am Strand von Blankenberge könnte eine rätselhafte Mutation sein, eine Anpassung an die sich verändernde Umwelt aus nicht allzu ferner Zukunft. Und Jimmy Durham setzte auf einen Pfahl mitten in einem Kreisverkehr in Wenduine einen Geier. Er ist recht klein, aber vielleicht erinnert er die vorbeirauschenden Autofahrer an ihre Sterblichkeit.

An Muscheln oder Quallen erinnern die fragilen Glasobjekte von Rossella Biscotti. Zunächst lagen sie am Strand von Bredene, aber sie fielen Vandalismus zum Opfer. Jetzt sind sie im Event Zentrum Stef Versluys zu finden, nicht so naturnah wie geplant, aber immer noch sehr schön.

Ein hübsches Bild für Fortschritt hat Maarten Vanden Eynde neben das Rathaus von Niewpoort gestellt. Bei „Pinpointing Progress“ stehen ein Bus, ein Bully, ein Moped, ein Fahrrad, ein Radio übereinander wie einst die Bremer Stadtmusikanten. Immer fragiler wird das Gebilde nach obenhin, und der Betrachter fragt sich, wie lange das noch hält.

In einem Park in Nieuwpoort steht das „Family Module“, das Goshka Macuga für eine Ausstellung in Warschau schuf. Die Komposition der drei Figuren übernahm die Künstlerin von einer Arbeit des argentinischen künstlers Oscar Bony von 1968, der eine Familie als „lebende Skulptur“ inszenierte. Im Stil brutalistischer Monumentaldenkmäler des sozialistischen Realismus schuf sie in Standbild dreier Figuren, die allerdings in ihrer sexuellen Identität nicht zuzuordnen sind. Dieses Gegenbild zum traditionellen Familienkonzept fordert Toleranz ein.

Die siebte Ausgabe der Kunsttriennale Beaufort bringt 20 neue Kunstwerke an die belgische Küste. Die meisten Arbeiten sind frei und kostenlos zugänglich. Wer will, kann die Ausstellung mit der Kusttram abfahren. Einen Kurzführer gibt es kostenlos an den Standorten.

Bis 7.11.

www.beaufort21.be/de

Allgemeine Infos:

www.belgischekueste.be/de

Es empfiehlt sich, sich vorab über die aktuellen Corona-Regeln zu informieren. Jeder Belgien-Reisende, der länger als 48 Stunden bleibt, muss sich auf einer Internetseite registrieren:

www.info-coronavirus.be/de/plf/

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