Ein nützlicher Tod auf den Gleisen

„Tokio, neue Stadt“: Ein packender historischer Roman von David Peace

David Peace englischer Schriftsteller
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Der britische Schriftsteller David Peace

Die Leiche von Shimoyama Sadanori wurde wirklich am 6. Juli 1949 auf Gleisen im Adachi-Distrikt von Tokio gefunden. Bis heute ist nicht geklärt, ob der Präsident der Nationalen Japanischen Eisenbahngesellschaft ermordet wurde oder Selbstmord beging. Der britische Schriftsteller David Peace hat seinen Roman „Tokio, neue Stadt“ um diesen Fall geschrieben. Und auch der abschließende Band der Japan-Trilogie ist eine aufregende Lektüre, eine düstere Reise in menschliche Abgründe, fiebernd, pessimistisch, poetisch.

Peace hat 15 Jahre lang in Japan gelebt. Er sehe keinen Sinn darin, sich Verbrechen auszudenken, meint der Autor im Gespräch. Die Stoffe für seine Tokio-Reihe entnahm er einem Real-Crime-Buch. Auch zum Shimoyama-Zwischenfall recherchierte er minutiös die Fakten: Seine kurze Nachbemerkung vermittelt einen Eindruck von Gesprächen mit Zeitzeugen und Nachforschungen in Archiven. Es war sicher nicht beabsichtigt, aber das Buch hat gerade heute große Aktualität. Es spielt in einem besetzten Land, in dem die USA als Sieger des Weltkriegs eine Gesellschaft zur Demokratie erziehen wollen. Anders als in Afghanistan war der Widerstand des unterlegenen Staates gebrochen. Aber die Besatzer und die Einheimischen sind sich auch im Nachkriegs-Tokio unendlich fremd. Gerade diese Gemengelage aber sorgt dafür, dass, wie es einmal heißt, ein guter Mann zum Opfer wird.

Peace liefert in drei exakt datierten Abschnitten ein historisches Puzzle, das sich zu einem packenden Thriller um Spionage und Verschwörung zusammenfügt. Zunächst springt er in den Juli 1949, wo die Ermittler der Public Safety Division den Tod des hohen Beamten aufklären sollen. Allerdings lastet auf ihnen ein hoher Druck: Der deutschstämmige General Charles Willoughby, den der Oberkommandierende MacArthur einen „liebenswürdigen Faschisten“ nennt, möchte unbedingt einen Mörder präsentiert bekommen, am besten einen Kommunisten. Was den Anlass zu hartem Durchgreifen liefern würde. Am besten mit einer Liste der „Roten“, gegen die man vorgehen könnte. Die Lage im Nachkriegsjapan war ja kompliziert. Die Eisenbahngesellschaft hatte 100 000 Mitarbeiter entlassen. Es gab Proteste und auch Morddrohungen gegen den Präsidenten. Die japanische Polizei hingegen möchte möglichst wenig Aufsehen und versucht nach Kräften, Shimoyamas Tod als Selbstmord zu erklären. Ein tragisches individuelles Schicksal, das keine Folgen für die Politik haben sollte.

In dieser unklaren Situation bewegt sich Peaces Held Harry Sweeney, ein unbeugsamer Ermittler aus Montana, den aber seine Erinnerungen traumatisieren. Er hat eine ungute Neigung zum Whisky. Er kann nicht schlafen. Und er hat frische Narben an den Handgelenken – ein Selbstmordversuch? Er taumelt durch eine Stadt, die ihm bei aller Intelligenz und aller Erfahrung fremd bleibt. Peaces geradezu lyrisch verdichtete Prosa lässt den Leser mit der Figur fiebern: „Weil er nicht geschlafen hatte, weil er nie schlafen konnte, stachen die Vögel am Himmel auf ihn ein, die Insekten in der Luft, die Kinder an den Straßenecken, die Menschen auf der Straße, die Stiefel auf den Gehwegen, die Autoreifen auf der Straße, sie schnitten ihm die Ohren ab, bohrten Löcher, stocherten darin mit Drähten herum, kratzten an seinem Schädel, schabten an seinen Knochen, sie marschierten und machten kehrt, stampften und quietschten, bremsten, hielten an...“ Sweeney muss die Beweise und Zeugenaussagen bewerten, die der sture japanische Inspektor Hattori vorlegt. Und er lässt sich von dem undurchsichtigen Akira Senju helfen, dem Gangsterboss und „heimlichen Kaiser der Stadt“. Der führt ihn auch zu einer Gruppe Koreaner, die als Kriegsgefangene nach Japan kamen und nun zwar befreit, aber immer noch verhasst sind.

Nach knapp 200 Seiten verschwindet Sweeney. Peace springt ins Jahr 1964, in den Sommer kurz bevor die Olympischen Spiele in Tokio beginnen. Der ziemlich heruntergekommene Privatdetektiv Murota Hideki soll für einen Verlag das verschwundene Manuskript aufspüren, das der untergetauchte Autor Kuroda Roman abliefern sollte. Man muss schon genau lesen, um die Verbindung zu finden: 1949 hatte die Zeitung Asahi Shibun nicht nur Reporter, sondern auch den besagten Schriftsteller auf den Fall angesetzt. Und auch 15 Jahre danach bleibt die Affäre brisant. Murota findet das Manuskript, das einen Teil der Wahrheit enthüllt. Aber für ihn geht die Sache nicht gut aus.

Ein weiterer Zeitsprung führt ins Jahr 1988 zum pensionierten Diplomaten Donald Reichenbach. Noch so eine Peace-Figur, die von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht wird. Langsam zeichnen sich die Züge einer aus dem Ruder gelaufenen Geheimdienst-Aktion ab, die vielleicht einen neuen Krieg ausgelöst hätte. Und was die Zed Unit vom Hongo House aus getan hat, das soll um jeden Preis geheim bleiben.

Wie Peace den historischen Fall zur psychologisch dichten Verschwörungserzählung weitet, das ist ein unvergleichliches Leseerlebnis. Jede seiner Figuren begleitet er mit einer anderen Stimme. Er unterlegt dem Text mit lautmalerischen Klängen einen Rhythmus: Ton-ton-ton, Ka-tschank, don-don, shu-shu pop-po. Er montiert japanische Sprachfetzen, er collagiert in Großbuchstaben Zeitungsschlagzeilen. Er lässt seine Figuren mit Geistern reden. Einmal zitiert er eine Zeile aus Paul Celans „Todesfuge“. Eine eindeutige Auflösung bietet Peace nicht. Aber er zeigt, dass der Shimoyama-Zwischenfall in vieler Hinsicht ein „nützlicher Tod“ war.

David Peace: Tokio, neue Stadt. Deutsch von Peter Torberg. Liebeskind Verlag, München. 432 S., 24 Euro

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