Große Ausstellung im Museum Folkwang

Tobias Zielony zeigt Fotografien und Videos in Essen

Tobias Zielony hat „Yusuke, 2020“ fotografiert.
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Tobias Zielony hat „Yusuke, 2020“ fotografiert. Das Foto ist in der Ausstellung „Tobias Zielony. The Fall“ in Essen zu sehen.

Auf der Biennale in Venedig stellt Tobias Zielony 2015 eine Fotoserie im deutschen Pavillon aus. Nun ist seine Schau „The Fall“ in Essen zu sehen.

Essen – Große Ohrringe, rasiertes Kopfhaar, ein Nasenring, Tattoos am Hals und auf den Fingern – das sind Kennzeichen, die seit Jahren zur Jugendkultur gehören. Auf dem Porträtbild „Yusuke, 2020“ trägt der junge Mensch einen modisch-hellgrauen Hoodie, zeigt sich cool, gelassen und abwartend. Geschlechtermerkmale sind nicht zu erkennen. Auf solche Zuschreibungen legt die LGBTQIT*-Szene keinen Wert. Tobias Zielony weiß das. Der Fotograf aus Wuppertal, der 2015 im Deutschen Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig seine Serie „The Citizen“ präsentierte, bewegt sich unter jungen Leuten, im Skater- und Techno-Milieu, in Jugendhäusern, abgewirtschafteten Stadtteilen, öffentlichen Plätzen und Insider-Treffpunkten wie ehemaligen Pornokinos und Tankstellen. Zielony erkundet, wie sich junge Menschen sehen, und welches Selbstbild sie favorisieren, wie sie leben. Forciert wird die Eigendarstellung von den Codes der Cliquen, den Zuschreibungen der sozialen Milieus und vor allem vom Druck der sozialen Netzwerke. Wer bin ich, wie sehe ich aus? Nie waren die Fragen wichtiger. Im vielschichtigen Kosmos der Medien kann aus jedem Akzent ein Charaktermotiv angelegt werden. Trotzdem bleibt die Person hinterm Outfit ein ganz eigenes Wesen voller Geheimnisse und Untiefen. Mit dem Begriff Jugendkultur lässt sich dieses Phänomen nicht mehr hinreichend beschreiben.

Im Museum Folkwang wird das gesamte Werk des Foto- und Videokünstlers Tobias Zielony präsentiert. „Tobias Zielony: The Fall“, so der Titel, fasst die Ergebnisse einer konzeptuellen Arbeitsweise der vergangenen 20 Jahre zusammen. Und die Ausstellung, die der Leiter der Fotografischen Sammlung, Thomas Seelig, kuratiert hat, setzt mit der Rauminstallation „The Fall“ ein Zentrum. „The Fall“ und das Video „Apollo“ werden erstmals gezeigt. Vor allem die 40 großformatigen Fotografien (Injekt-Prints) beeindrucken. Sie überlappen sich an den Rändern und wirken nur an die Wand geheftet. Das hat nichts mit einer klassischen Fotoausstellung zu tun. Das situative, das Vergängliche einer Darstellung wird unterstrichen. Eine Skater-Rampe im Raum erinnert an das Stadtmobiliar für Jugendtreffs – eine Bühne der Begegnungen.

Zielony braucht die Orte, weil er die Nähe zu seinen Porträtierten sucht. Heute öffnet er mittels Instagram seine Arbeitsabläufe und lässt seine „Community“ teilnehmen. Er ist der Beobachter, dem vertraut wird. Deshalb sind die Bilder aus Bochum, Gelsenkirchen, Shanghai, Tokyo, Valletta und Ramallah so unmittelbar. Zielony zeigt Suchende, ob in Jogginganzug oder Bomberjacke. Die jungen Leute, die er fotografiert, wirken sensibel, fragend und irritiert. Sie zeigen sich in Tiefgaragen, wie in einem Niemandsland. Sie tragen Basecaps, Manga-T-Shirts und schräge Frisuren, aber vor allem sind sie mit ihrem Selbst befasst. Ihre Unsicherheit ist neben aller Persönlichkeitsmerkmale spürbar in Zielonys Fotografien.

Viele Bilder werfen Fragen auf. Zielony dokumentiert mit seiner künstlerischen Fotografie auch, dass das dokumentarische Porträt Grenzen hat. In die Köpfe kann man nicht schauen. Und ein authentisches Bild, nachts am Originalschauplatz aufgenommen, bleibt als Informationsquelle vage. Soziale Deutungen folgen Milieuklischees, die Zielony hier nicht anbieten will. Auch deshalb bleibt der Fotograf auf Distanz, wie schon in „Yusuke, 2020“. Es ist ein zeit- und ortloses Porträt in unserer globalen Welt, überspitzt formuliert – ein Grau in Grau.

Ein bisschen Hoffnung machen zwei Menschen nebeneinander in der Serie „The Fall“ angesichts hermetischer Stadtbilder. Gebäude sind Fixpunkte in inhumanen urbanen Arealen. Ob nun ein Malakowturm als Industriedenkmal oder eine turmartige Auffahrt zu einem mehrgeschossigen Parkhaus. Es sind unbehauste Orte.

Insgesamt werden in Essen sieben Fotoserien, elf Videoarbeiten, eine digitale Diashow mit rund 150 Fotografien („Haus der Jugend“) und zwei Rauminstallationen von Tobias Zielony ausgestellt. Der 48-Jährige ist über den Reportageansatz aus den ersten Jahren mehr und mehr ein Porträtfotograf geworden. In der Serie „Ha-neu“ (2003) steht der Plattenbau in Halle-Neustadt für soziale Kälte. Auf der Fotografie „Kreuzung“ ist zu sehen, wie sich Menschen voneinander abwenden, obwohl sich ihre Wege kreuzen. Auf einem Trainingsgelände wirken die fünf Ballspieler verloren im diffusen Flutlicht der Aufnahme „Fußball“. Auch in der Serie „Tankstelle“ (2004) gehen der Ort und die Menschen eine Wechselwirkung ein. Das kühle Kunstlicht auf dem Bild „Aral-1“ (C-Print) erleuchtet den nächtlichen Treffpunkt von Jugendlichen, die sich zwischen ihren Autos austauschen. Die Gesichter sind etwas unscharf gezeichnet. Neben coolen Posen ist vor allem die kommunikative Atmosphäre spürbar. Gibt es was Neues?

Solche sozialen Bezüge wirken in der Serie „Trona“ (2008) nur noch als Sarkasmus. Das Wüstenstädtchen bei Los Angeles ist ein Ort der Verlorenen. Nachdem die Fabrik pleite gegangen war, stieg das Gewaltpotenzial. Ohne Arbeit sind auch die Jugendlichen verloren. In dem Bild „Lighter“ posiert eine fünfköpfige Familie auf einer baufälligen Veranda. Sie haben den Moment – mehr nicht. Ein Jugendlicher stiert auf eine Billardkugel. „Ball 13“ symbolisiert sein Glückspotenzial. Er ist allein.

Vor allem Crystal Meth wird in Trona produziert. Im gleißenden Tageslicht sind Süchtige zu sehen – mit Fahrrad oder niedergestreckt am Boden. Das Bild „Ramshackle“ zeigt ein Haus aus Resthölzern, das mehr als marode ist: abstoßend.

Welche Zukunft gibt es? Zielony reist in Gegenden, wo eben diese Frage unbeantwortet bleiben muss. „Maskirovka“ ist ein Video, das Bilder so schnell rhythmisiert wie ein Stroboskoplicht. Nach der gescheiterten Revolution in der Ukraine porträtiert Zielony die LGBTQIT*-Community, die sich nachts fern aller Aufmerksamkeit trifft, sich austauscht, feiert und tanzt. Parallel sind Bilder aus dem militärischen Konflikt mit Russland ins Video montiert. Es ist eine Dramaturgie der Gefährdung.

Zu den Videos in Essen zählt auch die fiktionale Arbeit „Die Untoten“ (6:15 Min., 1-Kanal HD). Zielony schafft einen aufwendig produzierten Film, der auf Chemnitz und den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) reagiert. Wie in einem B-Movie werden Szenen aus Computerspielen in den Überlebenskampf gegen brutale Killertypen montiert. Diese Brutalos werden am Ende von zwei eleganten Superhelden in die Dunkelheit hinter den Plattenbauten gedrängt. Kampfchoreografien bringen Spannung und Nachtsichtaufnahmen steigern die Angst vor rassistischer Gewalt.

Mit diesem politischen Statement fokussiert Zielony auf einen inhumanen Missstand. Grundsätzlich spüren seine Fotografien aber junge Menschen auf, die den Status Quo unserer Gesellschaft eigensinnig spiegeln. Sie reagieren auf soziale Defizite und repräsentieren ihr Bedürfnis nach Anerkennung, Identität und Zukunft.

Im Museum Folkwang ist außerdem Zielonys Bildprojekt „The Citizen“ (2015) ausgestellt, das er auf der Biennale in Venedig zeigte. Der Fotograf begleitete Migranten in Hamburg und Berlin, die auf ihre Lebenssituation aufmerksam machen.

Bis 26.9.; di-so 10 – 18 Uhr, do/fr 10 – 20 Uhr; zu den Serien wird im Verlag Spector Books, Leipzig, eine sechsbändige Publikation vorbereitet. Tel. 0201/8845 444; www.museum-folkwang.de

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