Tobias Roths Buch „Welt der Renaissance“

Lust an Dekor und mythologische Motive prägen die 1488 von Bernardino Rizzo in Venedig gedruckte Ausgabe von Francesco Petrarcas „Trionfi“. Hier der „Triumph des Ruhms“, ein Beispiel für die Buchkunst der Renaissance. Fotos: aus dem besprochenen Band

Dass man daraus überhaupt ein Gedicht machen kann! Viele hundert Verse voller Ekel, Leiden und Abscheu. Dem italienischen Dichter Angelo Poliziano (1454-1492) gelang mit „Wald aus Krätze“ ein furioses Meisterstück, in dem er auch noch als Ich-Erzähler die Krankheit bis ins fieseste Detail ausmalt: „In mir kreischen die brennenden Innereien, der Herzschlag/ zuckt, der Durst lechzt vor Dürre, mein faulendes Blut ist verheert von/ irrer Tollwut, glühendes Fieber fasst meinen Hals und/ höhlt meine Wangen aus, meine schwache Haut ist von Eiter/ ganz überzogen, meine Augen rollen durch blutig/ rote, glühende Höhlen...“

Der Text beglaubigt das Urteil von Tobias Roth über die Renaissance: „Im Guten wie im Bösen macht diese Zeit keine halben Sachen, sie ist extrem, faszinierend und schrecklich in vieler Hinsicht.“ Man spürt an solchen Stellen, warum einer ein solches Buch zusammenstellt wie „Welt der Renaissance“. Mehr als 600 Seiten Texte aus der Zeit zwischen 1350 und 1550, als das finstere Mittelalter überwunden wurde und die Menschen Europas aufbrachen. Das wuchtige Format lässt den Band wie ein Coffee-Table-Book auftreten, mehr Raumschmuck als Lesestoff. Aber das täuscht.

Wenn der Herausgeber im Vorwort von einem „Großlesebuch“ schreibt, dann trifft das ins Zentrum. Roth wurde mit einer Studie zu den Sonetten Giovanni Pico della Mirandolas promoviert, er ist Schriftsteller, Übersetzer, Verleger. Von 2011 bis 2017 gab er per E-Mail die „Berliner Renaissancemitteilungen“ heraus, aus denen das Buchprojekt erwuchs. Darin zeigt er sich als ein kenntnisreicher Liebhaber der Renaissance, deren Bildwelt uns sehr gegenwärtig ist in den Meisterwerken Leonardos, Michelangelos, Raffaels und vieler anderer. Was hingegen in jener Zeit an Texten produziert wurde, kennen viel weniger Kulturliebhaber. Was ihnen entgeht, davon vermittelt dieser Sammelband einen intensiven Eindruck.

Es war eine Epoche des Aufbruchs und der Gegensätze. Und es spielte sich in Italien ab, damals eine Anhäufung rivalisierender und zerstrittener Kleinstaaten. Fast immer herrschte irgendwo Krieg. Hinzu kamen verheerende Ausbrüche der Pest. Inmitten dieser permanenten Krise entdeckten Dichter und Denker die Antike neu. Der Buchdruck entfaltete eine kulturelle Sprengkraft wie in unserer Zeit das Internet. Europa erforschte die Welt, formulierte im Humanismus die freisinnigsten Thesen, machte zahlreiche technische Erfindungen. Von alldem vermittelt der Band einen grandiosen Eindruck mit rund 350 Texten von 68 Autoren. Große Dichter wie Petrarca und Boccaccio sind darunter, der fanatische Prediger Savonarola ebenso wie der politische Vordenker Machiavelli, der dichtende Fürst Lorenzo de‘ Medici ebenso wie Enea Silvio Piccolomini, der zum Papst Pius II. gewählt wurde, die schon erwähnten Maler, aber auch viele Autoren, die heute kaum noch bekannt sind. Rund ein Drittel der Texte wurde erstmals ins Deutsche übertragen. Roth hat den Band zusammengestellt, das Vorwort und zu jedem Autor eine Einleitung geschrieben, alle Texte übersetzt, einen Anhang mit mehreren Registern beigegeben. Man muss beachten, dass er sich nicht an ein akademisches Publikum wendet. Sein Buch soll nicht die Epoche neu definieren. Gewiss wurzeln viele Entwicklungen in jenem Mittelalter, das die Renaissance-Protagonisten als finster abtaten und von dem sie sich abwandten. Im historischen Seminar mag man darüber streiten. Aber hier soll vor allem Lust gemacht und gestillt werden.

Und das ist wörtlich zu nehmen. Roth hat zahlreiche erotische Texte aufgenommen. Zum Beispiel einige der berüchtigten Sonette über die Stellungen von Pietro Aretino. Ausgangspunkt waren pornografische Zeichnungen, die eine Wand der päpstlichen Gemächer zierten und von denen Marcantonio Raimondi Kupferstiche schuf, die sehr erfolgreich waren und den Künstler in den Kerker brachten. Aretino setzte sich nicht nur erfolgreich für die Freilassung ein, er betextete auch noch die skandalösen Darstellungen mit Versen wie „Steckt mir den Finger in den Arsch, mein Herr“. Das ist vielleicht der einzige Nachteil des Bandes: dass er so gewichtig daherkommt und rein technisch so wenig zur Bettlektüre taugt.

Aber Roth bietet so viel mehr als nur ein Erotikon. Aretino hat neben seinen Sex-Gedichten eben auch die Bibel nacherzählt, einen ziemlich frommen Auszug der Schöpfungsgeschichte liest man auch im Band. Spannend ist, wie Lorenzo Valla schon 1440 eine der einflussreichsten Fake News der Geschichte entlarvt, die Konstantinische Schenkung, mit der die Katholische Kirche ihren Anspruch auf Rom, Italien und das Weströmische Reich begründete. Der Bankier und Entdecker Amerigo Vespucci berichtet in einem berühmten Brief aus der Neuen Welt. Baldassarre Bonaiuti schildert die Schrecken des Pestausbruchs 1348 in Florenz. Mario Equicola begründet, warum die Frau dem Mann nicht unterlegen ist. Der Maler Raffaele Santi macht dem Papst einige wegweisende Vorschläge zum Denkmalschutz in Rom. Der Goldschmied Benvenuto Cellini prahlt mit seinen unverhofften Erfolgen als Kanonier bei der Plünderung Roms durch ein Söldnerheer. Und Cristoforo di Messisbugo verrät das Rezept für Kaviar, und er muss es wissen, hat er doch die Spezialität erfunden. Dazwischen gibt es einen Briefsteller, ein Gedicht über die Pflege von Majoran, und immer wieder Witze. Und die Renaissance kannte nicht nur große Männer, sondern auch die Dichterfürstin und begnadete Netzwerkerin Vittoria Colonna, die Geschäftsfrau Alessandra Macinghi, die literarisch erfolgreiche Kurtisane Tullia D‘Aragona.

Unbedingt erwähnt werden muss die Gestaltung dieses Bandes. Dass die Renaissance die Epoche der Bücher war, zeigt Roth auch, indem er immer wieder Musterseiten alter Folianten abbildet. Da kann man die herrliche Vignette von Orpheus vor den Tieren über Angelo Polizianos Text bewundern, man kann Luca Paciolis „Summa di aritmetica“ anschauen, Kriegsmaschinen wie einen „Angriffsdrachen“, Tafeln von Andrea Palladio zur Architektur, Musterseiten mit Schrifttypen, eine frühe Karte von Afrika. Außerdem gibt es einige Farbtafeln mit besonders prächtigen Beispielen von Buchmalerei der Zeit. Und obwohl die Fotografie noch nicht erfunden war, bekommt jeder Autor ein Bild – in diesem Fall Medaillen, auf denen viele der Protagonisten des Buches porträtiert wurden.

Tobias Roth: Welt der Renaissance. Verlag Galiani, Berlin. Folioformat, 640 S., 89 Euro

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