Thorsten Nagelschmidt schildert in seinem Roman „Arbeit“ eine Nacht in Berlin

Thorsten Nagelschmidtdeutscher SchriftstellerFoto: Verena Brüning

In der abgefuckten Bude fühlt sich Felix „wie Peppis Betreuer, wie sein Sozialarbeiter oder Arzt“. Mit väterlicher Strenge befragt Felix sein Gegenüber: „Die Frage ist, willst du das wirklich? Willst du dich hier wohl fühlen?“ Dann organisiert er, hilft beim Aufräumen und Putzen, schießt im Baumarkt Geld vor. Dabei ist Peppi ein Kunde. Und Felix sein Dealer, der ihm vor dem Aufbruch noch „ein kleines Näschen, zum Frischmachen“ erlaubt.

Das schräge Gespann hat seine Auftritte in Torsten Nagelschmidts Roman „Arbeit“. Der Autor, 1976 in Rheine geboren, ist auch Sänger der Indierockband Muff Potter. Dass er Musiker ist, merkt man in „Arbeit“, wenn der Taxifahrer Heinz Georg Bederitzky versucht, Fahrgäste mit seiner Demo-CD zu beeindrucken. Schon Nagelschmidts autobiografisch unterfütterter Roman „Der Abfall der Herzen“ (2018) beeindruckte mit Milieu-Schilderungen über das Erwachsenwerden in der westfälischen Provinz. „Arbeit“ ist anders angelegt: In wechselnden Szenen um verschiedene Protagonisten erzählt Nagelschmidt von einer Freitagnacht in Berlin. Er schildert die prekär Beschäftigten, die oft unsichtbar bleiben. Man mag über Felix die Nase rümpfen, der nach der Haft nicht von Hartz IV leben mag. Aber auch sein Schattengeschäft ist Arbeit. Wie er sich um den verpeilten Peppi kümmert, ist rührend.

Gut geht es den Figuren in Nagelschmidts Roman nicht. Die Kolumbianerin Marcela hat eine Abtreibung hinter sich, fährt aber trotzdem mit dem Fahrrad Essen aus. Sie braucht das Geld. Ohne Job droht ihr die Abschiebung. Taxifahrer Bederitzky hat bessere Tage beim Rundfunk gesehen. Aber er kam mit der Wiedervereinigung nicht zurecht. Kündigung, Sauftour, Schulden. „Einmal falsch abgebogen, und das Leben stellt dir für immer ein Bein.“ Anna, seine Freundin, hatte eines Tages die Nase voll vom Job als Grafikerin und betreibt nun einen Späti. Bei ihr trinkt Lothar seinen Billig-Wodka und erzählt. „Eine halbe Stunde Probleme abladen für 3 Euro 90, billiger kriegt er es nirgends.“ Sie glaubt, sich auf ihren Heinzer verlassen zu können. Doch ausgerechnet in dieser Nacht, als ein Typ im Kapuzenpulli den Laden überfällt, ist Bederitzky auf einer langen Fahrt nach Halle, weil auch er Geld braucht. Die Rettungsdienstfahrer Tanja und Tarek sammeln die Opfer ein. Sie will Medizin studieren und lebt ihren Frust mit Sex in Club-Hinterzimmern aus. Und sie übersieht, dass ihr Partner schwer in sie verknallt ist.

Nagelschmidt springt von einem Arbeitsplatz an den nächsten. Berlin erweist sich als Dorf. Immer wieder kreuzen sich die Wege, und wenn Felix‘ Kumpel die Karten für ein Mixed Martial Arts Event zu Geld machen muss, dann kann man sicher sein, dass die Tickets später noch eine Rolle spielen. Manches mag der Autor selbst erlebt haben, manches hat er recherchiert. Jedenfalls wirkt es authentisch, wenn der Dealer sein Sortiment an Pillen durchgeht, wenn die Sanitäter Zugänge legen, Beruhigungsmittel verabreichen und eine alte arabische Dame in die Notaufnahme bringen, wo eine Krankenschwester über Morbus Mediterraneus lästert, latent ausländerfeindlicher Ärztecode für eingebildete Kranke aus dem Süden.

Nagelschmidt macht den Druck sichtbar, der auf seinen Figuren lastet. Da hat die alternative Grünenwählerin Anna ihren Wutausbruch auf den Kiosk-Räuber, den „Kanakenbengel“. In einem Selbstgespräch fächert der Autor die Geschichte eines Flüchtlings auf, der Päckchen an den Mann bringt, ein Abschnitt, der Schuld nicht ausblendet, aber eben auch der Not nachspürt.

Es gelingt Nagelschmidt, diesem von Nachtfarben verdunkelten Text einen skurrilen Humor einzufügen. Die Dialoge im Hostel: „Da san richtig dicke Flecken auf den Matratzen“, beschwert sich eine Österreicherin, und Sheriff, der Nachtdienst hat, erwidert: „So ist das eben bei Matratzen, dafür gibt‘s ja die Bezüge.“ Er trifft die Sprachen der Figuren, gibt der Akademikerin im Kiosk einen anderen Ton als dem Türsteher am Club. Selbst der Slang der jugendlichen Taschendiebe Pascal und Osman mit „tsych“ und „Djing“ klingt ungekünstelt.

Der Roman ist die rasante Fahrt durch eine Nacht. Felix, der Heinzer, Sheriff und Ten arbeiten, wenn andere feiern, abhängen, schlafen. Was „Arbeit“ ist, darauf bietet Nagelschmidt eine unerwartete Perspektive.

Thorsten Nagelschmidt:

Arbeit. S. Fischer Verlag, Frankfurt. 334 S., 22 Euro Am 29.8., 19 Uhr, stellt Thorsten Nagelschmidt seinen Roman in einer Open-Air-Lesung im Museum für westfälische Literatur, Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg vor. Es moderiert Frank Goosen. www.kulturgut-nottbeck.de

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