Theater Dortmund zeigt Igor Bauersimas „norway.today“

Ein Gruß in die Kamera: Frieder Langenberger und Alexandra Sinelnikova in dem Stück „norway.today“. Foto: szekely

Dortmund – Doch, diese kleine Zweideutigkeit funktioniert sicher. Wenn Alexandra Sinelnikova sich im Studio des Theaters Dortmund aufbaut und das Publikum frontal anspricht. „Hallo, ich bin Julie.“ Und wenn sie dann ankündigt, dass sie sich umbringen wolle. Und dass sie jemanden suche, der mit ihr in den Tod geht. Der Zuschauer merkt ja schnell, dass Igor Bauersima sich einen virtuellen Raum im Internet für sein Stück „norway.today“ vorgestellt hat. Aber da steht nun mal eine wirkliche junge Frau und redet sehr natürlich.

Julie findet August, der mit ihr nach Norwegen reist, zum Preikestolen, einem 600 Meter hohen Felsen über einem Fjord. Gemeinsam wollen sie sich in den Abgrund stürzen. Das von einem realen Vorfall inspirierte Stück feiert aber nicht das Ende, auch wenn die beiden erst mal zu krachenden Punk-Akkorden „Lang lebe der Tod“ grölen. Nach einigen Wirrungen wird der finale Sprung aufgeschoben.

Der Schweizer Dramatiker hat sein Stück 2000 geschrieben, und heute besucht man kaum noch Chatrooms, sondern bewegt sich auf Facebook oder bei Whatsapp. Das Zwei-Personen-Stück wurde zum viel gespielten modernen Klassiker. Der Schauspieler Frank Genser befragt in seiner ersten Regiearbeit das Stück neu. Seine Inszenierung in Dortmund zeigt, dass sich in 19 Jahren nicht so viel geändert hat. Noch immer, vielleicht mehr denn je verunsichert den Nutzer digitaler Welten die Frage, wie wirklich das ist, was ihm da gegenübertritt. Und ja, das hat Bauersima wirklich schon 2000 geschrieben, wenn am Ende Julie feststellt: „Fake kann total echt sein, manchmal.“

„norway.today“ handelt vom Erwachsenwerden. Julies Weltüberdruss trifft auf das Entfremdungsgefühl von August. Und zusammen entdecken sie erst das Polarlicht, dann weitere Dinge, die interessanter sind als der Kick der letzten zehn Sekunden vor dem Aufschlag. Obwohl das Thema so düster daherkommt, schrieb Bauersima eine Komödie. Es ist ja schon herrlich absurd, wenn die beiden ihre letzte Reise planen, als wären sie die fünf Freunde von Enid Blyton, mit belegten Broten und warmer Kleidung.

Gensers Inszenierung arbeitet diesen Komik schön heraus. Die Bühne im Studio ist fast leer. Ausstatterin Ann Heine hat an die Seiten Kleiderständer platziert, und an die Wände werden Videobilder projiziert, die Sinelnikova und Frieder Langenberger beim Spielen aufnehmen. Es gibt reizvolle Bilder, wenn die Darsteller sich vor der Projektion filmen und das Abbild zum vielfachen visuellen Echo wird, und vor dieser Künstlichkeit berührt das natürliche Spiel der beiden.

So umkreisen sich Julie und August und entdecken die Reize des gemeinsamen Abenteuers – und Gefühle füreinander. Dass sie den Sex schließlich nicht real im Zelt ausleben, sondern lieber miteinander reden, was sie tun würden, spielen Sinelnikova und Langenberger mit feinem Gespür für die Verletzlichkeit ihrer Figuren. Auch hier verkehrt das Stück schlüssig das Verhältnis von wirklichem Leben und Fiktion.

2., 21..2., 1., 23.3., 5.5.,

Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

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