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„Der Platz“ von Annie Ernaux inszeniert Julia Wissert

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Von: Achim Lettmann

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Alle sind im Haus in dem Stück „Der Platz“ am Schauspiel Dortmund.
Alle sind im Haus: Linda Elsner (von links), Antje Prust, Raphael Westermeier, Lola Fuchs, Marlena Keil und Mervan Ürkmez in dem Stück „Der Platz“ am Schauspiel Dortmund. © Birgit Hupfeld

Das Vater-Tochter-Verhältnis, das Annie Ernaux in ihrem Buch „Der Platz“ bewertet, wird am Theater Dortmund zu einer Textfläche mit sechs Darstellern.

Dortmund – „Das war nicht mehr mein Vater“, schreibt Annie Ernaux in ihrem Buch „Der Platz“. Der französischen Schriftstellerin wird bei der Leichenwaschung klar, dass das Bild von diesem Mann nicht stimmt. In einer Selbstbetrachtung wertet sie 1983 ihr Vater-Tochter-Verhältnis – 15 Jahre nach der Beerdigung. Am Theater Dortmund spricht nun Antje Prust den Satz von Ernaux. Der autofiktionale Bericht wird von Intendantin Julia Wissert als Prosatext (übersetzt von Sonja Finck) auf die Bühne gebracht. Neben Prust sind Linda Elsner, Lola Fuchs, Marlena Keil, Mervan Ürkmez und Raphael Westermeier zu hören. Aus einer Autorin sind sechs Schauspieler geworden. Hier steht dem bürgerlichen Aufstieg zur verbeamteten Lehrerin die schlichte Existenz eines Laden- und Kneipenbesitzers gegenüber. „Eine Art distanzierte Liebe“ sagt Antje Prust und spricht die Quintessenz gleich aus. Was bleibt für die Theaterfassung, wenn die soziologische Analyse aus dem Frankreich der 1950er und 1960 alles erfasst hat? Julia Wissert verzichtet auf Dialoge, auch der Vater erscheint nicht zum Gespräch. Die Erzählung bleibt in der Vergangenheit. Die Story vom fröhlichen Jungen, dem eine Schulbildung versagt blieb, ist aufgesagt und phasenweise langweilig. In Dortmund wird eine Hausform platziert, aus der Nebel aufsteigt, die sich verschiebt, aufklappt und schweben kann. Das Sinnbild fürs wechselnde Zuhause wirkt überfrachtet (Bühne: För Künkel). Die Musik der Komponistin und Performerin houaïda schafft oft eine sphärische Aura, die die konkrete Familiengeschichte in eine konturlose Ferne rückt. Dann dröhnt plötzlich lauter Techno-Rave, und Mervan Ürkmez’ raumgreifender Tanz belegt unfreiwillig, dass dieser Inszenierung substanzielles Spiel fehlt. Die übrigen Darsteller verbleiben in steifen Posen oder wackeliger Balletthaltung (Choreografie: Belendjwa Peter). Mal tappeln sie einzeln über den Bühnenplatz, versammeln sich im Haus oder bilden einen Chor. Viel Leerlauf auf der Textfläche, bei der die theatrale Aktion die Dichte der Vorlage nur streift. Von Anfang an dominiert in Dortmund eine zähe Melancholie, die zum Ausdruck bringt, wie unzufrieden Annie Ernaux über die Entfremdung von ihrem Vater ist. Wirklich? Oder gar unvermeidlich?

Eigentlich ein Trauerspiel, das die kessen Kostüme von Mascha Mihoa Bischoff farblich erfrischt. Mehr nicht.

6., 7.11.; 2., 3., 4.12.;

Tel. 0231/50 27 222; www.theaterdo.de

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