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„Technoschamanismus“: Dortmund zeigt Kult und Rituale in der Kunst

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Von: Ralf Stiftel

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„Clouded in Veins“ von Mariechen Danz im Hartware Medienkunstverein im Dortmunder U
Eine schwebende Figur aus der Arbeit „Clouded in Veins“ von Mariechen Danz im Hartware Medienkunstverein im Dortmunder U. Foto: Stiftel © Ralf Stiftel

Dortmund – Wenn man mit JP Raether das zeltartige, meterhohe „Nest“ von Transformella durchschreitet, wird man verwirrter, je länger er erklärt. Dabei spricht er vollkommen klar. Transformella ist eine fiktionale Identität, die Draeger zeitweise annimmt, einer von vielen „hysterisch-subversiven Drag-Charakteren“, die er umsorgt und die sich entwickeln, abspalten, seltsame Dinge tun. Transformella ist auf unerklärliche Weise mit Ikea verbunden. 

Man merkt es im Nest, das aus breiten Pappmaché-Bahnen geschaffen wurde. Darin wurden allerlei Objekte verarbeitet, mit denen sich das schwedische Möbelhaus manchen Menschen unentbehrlich machte. Es geht Draeger um diesen Konsumtempel. Aber er spricht von den Vorgängen darin anders als gewöhnliche Kunden. Für ihn (beziehungsweise für Transformella) geht es um Reproduktion. Wer einen Tisch kauft oder einen Mülleimer, der stellt einen Zustand von Gemütlichkeit und Sauberkeit her. Es ist ein magischer Prozess.

Damit passt Raethers ziemlich große und ziemlich abgefahrene Installation perfekt in die aktuelle Ausstellung des Hartware Medienkunstvereins im Dortmunder U. Für „Technoschamanismus“ hat Kuratorin Inke Arns zwölf künstlerische Positionen zusammengestellt, die sich mit der Realität nicht rational-analytisch auseinandersetzen, sondern die auf Mittel von Kult, Ritual, Zeremonie zurückgreifen. Zum Beispiel, indem sie mit Hilfe alltagsmythischer Erzählungen neue Erklärungsmodelle erschaffen wie Raether. Dessen Arbeit wird zum Beispiel dadurch aktiviert, dass der Besucher eine Techno-Brille aufsetzt, durch die er im Nest Hologramme erblickt. Unter anderem erscheint ihm dann auch Transformella.

Die Ausstellung ist ein Beitrag zum Jubiläumsprogramm zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys. Von ihm ist auch der Film einer ikonischen Kunstaktion in der Schau: „I like America and America likes Me“, bei der er sich 1974 in New York mit einem Kojoten in einen Raum sperren ließ. Es war eine streng durchgeplante rituelle Handlung, in der Beuys das Tier als Totemtier der unterdrückten, vertriebenen, ermordeten ursprünglichen Bewohner Amerikas einsetzte. Dabei setzte er auch einige seiner kultisch belegten Objekte ein wie einen Hirtenstab und eine Filzdecke.

Kuratorin Inke Arns beobachtet in den letzten Jahren eine Tendenz zu schamanischen Stilmitteln. Das sei irritierend und interessant. Dabei bezögen sich längst nicht alle Künstler direkt auf Beuys. Aber es gebe gewisse Parallelen wie das Interesse an Konzepten wie „Heilung“ oder um das Aktivieren verschütteten Wissens.

Eine sehr markante Position vertritt Mariechen Danz. Die irische, in Berlin lebende Künstlerin hatte kürzlich die große Einzelausstellung „Clouded in Veins“ in der Kunsthalle Recklinghausen. In Dortmund ist daraus sozusagen eine Essenz zu sehen, neben Videoarbeiten auch einige Skulpturen. Da werden alte Weltkarten auf eine große Aluminiumtafel aufgebracht, die wie eine monumentale Platine aussieht, eine Synthese aus archaischen und modernen Speichermitteln. Ein prachtvolles Ganzkörpergewand ist von Skulpturen umgeben, die Organe nachbilden. In ihren Videos kombiniert Danz zum Beispiel Erläuterungen meteorologischer Karten mit tänzerischen und musikalischen Elementen. Sie bezieht sich dabei nicht auf bestehende Rituale oder Klischees davon, sondern erschafft eigene.

Tabita Rezaire ließ sich für ihre Installation „Mamelles Ancestrales“ von Steinkreisen inspirieren, die in Gambia und Senegal zu finden sind. In Dortmund wurde ein solcher Kreis nachgebildet um einen liegenden Bildschirm, auf dem ein Video mit Informationen zu den rätselhaften vorgeschichtlichen Bauwerken läuft. Es ist bezeichnend, dass die meisten Europäer mit Stonehenge vertraut sind, aber die zahlreichen, oft ebenso spektakulären Gebilde in Afrika nicht kennen.

Ein anderes schamanisches Thema bearbeitet die Gruppe knowbotiq. In der Schweiz vollzieht sich ein alchemistischer Prozess. Hier werden 70 Prozent des weltweit gehandelten Goldes in Raffinerien verarbeitet. Das Edelmetall wird oft in Afrika und Lateinamerika unter Bedingungen geschürft, die die Bergleute ausbeuten und gesundheitlich schädigen sowie die Umwelt belasten. Dieses schmutzige Gold wird in der Schweiz gleichsam neutralisiert, von seiner moralischen Last befreit. In der Installation „Swiss Psychotropic Gold“ materialisieren Yvonne Wilhelm und Christian Hübler die Molekulargeister als bunte technologisch verfremdete Buddha-Darstellungen, wozu ein Zwei-Kanal-Video läuft, in dem die Produktionsbedingungen der Goldgewinnung dargestellt werden.

Die Dortmunder Künstler Jana Kerima Stolzer und Lex Rütten imaginieren in ihrem Video eine verlassene Erde, auf der mit Solarenergie betriebene Maschinen die Ewigkeitslasten ausgleichen. Die britische Künstlerin Suzanne Treister schuf eine Serie von fein ausgearbeiteten Zeichnungen zum Thema Technoschamanismus, in der sie Raumschiff-Designs darstellt, geweihartige Antennen als Kleidungsstücke und interplanetare Meditationsinseln.

Und in der Installation „She Who Sees The Unknown: Kabous, The Right Witness and TheLeft Witness“ von Moreshin Allahyari begegnet der Besucher mächtigen weiblichen Dschinns aus dem Koran. Die iranische Künstlerin entwarf einen Raum, in dem man sich auf eine Liege legt und eine VR-Brille aufsetzt, die die Geister erscheinen lässt.

Bis 6.3.2022, di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0231/ 1373 2155, www.hmkv.de

Begleitheft, Verlag Kettler, Dortmund, 10 Euro

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