„Tatort“ mit Jörg Hartmann aus Dortmund: „Zorn“

Besuch bei einem Reichsbürger: Szene aus dem Tatort „Zorn“ mit Jörg Hartmann (rechts) als Kommissar Faber und Götz Schubert als Friedemann Keller. Foto: WDR/Kost

Bleigrau hängt der Himmel über schmuddeligen Fassaden mit eingeworfenen Fenstern. Einige Schlote qualmen noch, aber die Fördertürme stehen still. Der „Tatort“ aus Dortmund zeigt am Anfang ein Panorama der Verwüstung. Vor wenigen Wochen erst schloss Prosper-Haniel in Bottrop, das letzte Steinkohlebergwerk. Darauf reagiert der Sonntagskrimi jetzt zeitnah und punktgenau.

In der Folge „Zorn“, die über weite Strecken in Marl spielt, geht es um die Zurückgebliebenen des Strukturwandels. Die Bergleute der fiktiven Zeche Sophie Charlotte haben ihre Jobs verloren und drohen ihr Zuhause zu verlieren. Bergschäden machen die Siedlungshäuser unbewohnbar. Die Bewohner fordern Entschädigungen, aber die Betreiber winken ab. Verpflichtet sind sie zu nichts. Der ehemalige Steiger Radowski übermittelt ihr Angebot: 20 000 Euro Abfindung. Zu wenig für ein Haus. Aber wer klagt, riskiert, leer auszugehen. Und das Angebot, in der neuen „Erlebniswelt Kohle und Stahl“ zu arbeiten, empfinden die Bergleute auch eher als Hohn denn als echte Perspektive. Der Film macht deutlich, wie Wutbürger ihre Aggression aufbauen, ohne sich über seine Figuren zu erheben.

Auf der Zechenbrache wird eine Leiche gefunden. Andreas Sobitsch gehörte zu den Plakatklebern, die ihren hilflosen Protest wenigstens sichtbar machen wollten. Offenbar wurde er mit einem Schuss regelrecht hingerichtet. Das Team um Kommissar Faber (Jörg Hartmann) nimmt die Ermittlungen auf. Verdächtige finden sich genug. Vielleicht fühlte Radowski zu sehr gestört und angefeindet. Oder Sobitschs Kumpel Kropp hatte herausgefunden, dass der Ermordete eine Affäre mit seiner Frau hatte. Irgendwie ist auch Friedemann Keller in die Angelegenheit verstrickt: Der Reichsbürger hat sein eigenes „Freies Reich Frieden“ ausgerufen, das er mit Waffengewalt gegen den Gerichtsvollzieher verteidigt und auf dem er brisante Vorräte hortet. Und dann bekommt Faber heraus, dass der Verfassungsschutz die Vorgänge beobachtet.

Nein, einfach machen Autor Jürgen Werner und Regisseur Andreas Herzog ihren Figuren die Arbeit nicht gerade. Für Werner ist es der neunte Fall aus Dortmund, den er schreibt, er prägte das Team und die Erzählweise wesentlich. Vielleicht darum gelingt es ihm so überzeugend, die Fäden der wahrlich verwickelten Handlung überzeugend zusammenzuführen. Sogar die horizontale Erzählebene über die Einzelfälle hinweg wird nicht vergessen. Neben dem aktuellen Fall befasst sich Faber damit, Markus Graf aufzuspüren, den Mann, der die Familie des Kommissars ermordet hat und der geflohen ist.

Das Ermittlerteam ist allerdings gerade nicht in Topform. Dass Martina Bönisch (Anna Schudt) Rückenschmerzen hat, gehört zu den kleinsten Problemen, zumal sich mit der Reiki-Meister Nimrod ihre Chakren energetisiert. Aber Nora Dalay (Aylin Tezel) fühlt sich im Team zurückgesetzt, weil der neue Kollege Jan Pawlak (Rick Okon) Hauptkommissar ist, offensichtlich gern etwas später kommt und etwas früher nach Hause fährt. Und trotzdem sammelt er streberhaft Punkte, zum Beispiel weil er gleich den Namen des Mordopfers zum Tatort mitbringt. Aber auch er macht Fehler. Ein ungeschicktes Verhör hat tödliche Folgen.

Dieser „Tatort“ schwelgt ganz besonders im Lebensgefühl des Ruhrgebiets. Die Kneipenszenen zum Beispiel haben fast dokumentarische Dichte. Und mittendrin lässt Jörg Hartmann seine Figur wieder vieldeutig schillern. Faszinierend, wie Kommissar im Schmuddelparka sich überall einschmeichelt, wie er mehr als einmal ein „lecker Pils“ und Zigarette annimmt, um Zeugen und Verdächtige zum Reden zu bringen, wie er bei empörten Anwohnern auf Zechenbetreiber schimpft und beim Reichsbürger auf „diesen Pseudostaat“. Selten darf man in einem eingeführten Format wie dem Sonntagskrimi einer ähnlich unberechenbaren Figur zusehen.

Aber auch die Mitspieler machen Vergnügen, zum Beispiel Peter Kremer als bemühter, aber überforderter Steiger und Thomas Lawinky als verbitterter Bergmann. Götz Schubert wirkt als Reichsbürger im einen Moment komplett durchgeknallt und im nächsten kalt berechnend. Ihm geht es immer um das „große Ganze“, erklärt er Faber: „In den USA werden bald mehr Anschläge von Weißen verübt als von Islamisten – weil der Zorn raus muss.“ Und die famose Bibiana Beglau gibt der Verfassungsschützerin Dr. Gallwitz das Irrlichternde einer bösen Fee. Sie führt frivol-abgründige Wortgefechte mit Faber. Es kann gut sein, dass sich ihre Wege nicht zum letzten Mal mit denen des Kommissars kreuzen.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

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