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Tatort-Jubiläum: Heute ermitteln Kommissare aus Dortmund und München

Der Tatort wird 50 Jahre alt. Die erste Jubiläumsfolge gibt es am Sonntag (29. November) um 20.15 Uhr zu sehen. Im Einsatz sind dann die Kommissare aus Dortmund und München.

Dortmund - Vom Mörder sieht man nur die Hand, mit der er einem Afrikaner das Messer in den Bauch rammt. Der kleine Sohn des Opfers sieht die Tat, der Mann schleppt sich aus dem Park zum Münchner Polizeipräsidium. Hauptkommissar Ivo Batic sieht ihn noch sterben, mit Schaum vor dem Mund, und mit letzter Kraft zieht er einige Drogenbriefchen aus der Tasche.

Kriminalfilm-ReiheTatort
Jahreseit 1970
Länge90 Minuten
ProduktionsländerDeutschland, Österreich, Schweiz

Tatort-Jubiläum heute: Kommissare aus Dortmund und München ermitteln - Zweiteiler ausgestrahlt

Ein Schnitt führt nach Dortmund. Dort beschattet das Team von Hauptkommissar Faber eine Pizzeria, die von der ‘Ndrangheta als Umschlagzentrum für den Kokainhandel benutzt wird. Mit dem Kleinbus kommt Pippo ins Restaurant von Luca Modica und seiner deutschen Frau Juliane. Der Mann kann nicht nur kochen. Er ist der Mörder aus München. Mit seiner Ankunft ist es vorbei mit dem Idyll, in dem Luca und seine Familie die Augen verschließen vor den Geschäften im Hinterhof. Pippo stammt auch aus Kalabrien. Er verführt Luca mit der Aussicht auf das große Geld.

Zum Jubiläum des „Tatorts“ strahlt die ARD einen Zweiteiler aus, der Ermittlerteams aus zwei Generationen der Reihe zusammenführt. Die Münchner Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) sind Krimi-Urgestein. Seit 1991 lösten sie 84 Fälle. Entsprechend abgeklärt treten die Weißköpfe nach 40 Minuten ins Dortmunder Revier und fordern die Auslieferung des Mörders. Faber (Jörg Hartmann) allerdings, seit 2012 im Bildschirmdienst, sperrt sich. Er sieht die Chance, endlich die Hintermänner zu bekommen, nicht nur die kleinen Fische. Bei einer Verhaftung in der Pizzeria wäre die Beobachtung umsonst gewesen. Er überredet die Kollegen abzuwarten. Kommissarin Dalay (Aylin Tezel) freundet sich mit Juliane Modica (Antje Traue) an. Vielleicht gelingt es mit ihrer Hilfe, den Drogenhandel aufzudecken.

Zum Jubiläum hat Bernd Lange der „Tatort“-Reihe eine weitgespannte Geschichte in einem klassischen Genre geschrieben, dem Mafia-Film. Schon der Titel „In der Familie“ klingt das Motiv an, dass die ‘Ndrangheta sich als Familienbetrieb geriert, obwohl sie ein Konzern des Verbrechens mit Milliardenumsatz ist. Dominik Graf, der mit „Frau Bu lacht“ einen „Tatort“-Klassiker inszenierte und mit vielen Preisen geehrter Routinier, führt Regie im ersten, dem Dortmunder Teil. Ihm gelingt ein Unterwelt-Drama, das viel im Schatten spielt. Mit verblüffenden visuellen Ideen zeigt er, wie die Mafia das große Rad dreht. Faber erklärt am Stadtplan, dass das Restaurant nur als Logistik-Standort interessant ist, wegen der Lage zwischen drei Autobahnen. Dann blendet der Film um in eine Luftaufnahme des Ruhrschnellwegs.

Nicht harmonisch verläuft die Aussprache auf der Straße zwischen den Ermittlern aus Dortmund und München. Szene aus dem „Tatort“ mit Jörg Hartmann, Miroslav Nemec, Aylin Tezel und Udo Wachtveitl (von links).

Tatort-Jubiläum heute: Kommissare aus Dortmund und München ermitteln - Düstere Tragödie

Grandios in diesem Tatort sind die italienischen Darsteller, die in ihrer Sprache reden (mit Untertiteln). Emiliano de Martino lässt den Pippo flirren als teuflischen Verführer. Der Killer wirkt jungenhaft, charmant gewinnt er das Vertrauen von Lucas Tochter Sofia (Emma Preisendanz). Aber er schlägt auch skrupellos zu, um einen Feinkosthändler von der Qualität des Weines aus Kalabrien zu „überzeugen“. Beniamino Brogi zeigt den Umschwung in Luca, der sich eingerichtet hat in Dortmund und die kriminelle Basis seines Geschäfts verdrängt, zum Macho, der den Familienwerten Kalabriens verfällt.

In dieser düsteren Tragödie aus Lütgendortmund vom Zerfall einer Familie bilden die Kommissare eher den Chor, als dass sie das Geschehen vorantrieben. Faber und Kommissarin Bönisch (Anna Schudt) ziehen nicht an einem Strang. Sie zweifelt an den Lausch- und Einschleichaktionen. Hier gibt es keine Rätsel am Tatort, bei denen sich die beiden in Täter und Opfer einfühlen, um zu verstehen, was geschah. Fabers schnoddriger Humor blitzt allenfalls in der Begrüßung auf: „Wenn ich gewusst hätte, dass Besuch da ist, hätte ich Kuchen mitgebracht.“

Tatort-Jubiläum am Sonntag: Kommissare aus Dortmund und München ermitteln - Ein würdiger Abgang

Auch die Befindlichkeiten der Ermittler rücken in den Hintergrund. Nur Nora Dalay gerät in Gewissenskonflikte. In ihrem letzten Auftritt im „Tatort“ gibt Tezel ihrer Figur noch einmal berührende Intensität. Ein würdiger Abgang.

Beim zweiten Teil führt Pia Streitmann ebenso eindringlich Regie. Hier rückt Lucas Tochter Sofia ins Zentrum, die mit den beiden Männern nach München entkommen ist. Luca und Pippo müssen sich als Handlanger von Domenico Palladio (Paolo Sassanelli) durchschlagen, der Drogengeld in Bauprojekten wäscht und Kontakte in die Lokalpolitik pflegt. Jetzt hausen sie in einer kleinen Wohnung, alle drei in einem Schlafzimmer. Ein Abstieg ins Prekäre. Die Männer hoffen, bald nach Kalabrien zurückzukönnen. Vorher sollen sie noch Palladios widerspenstige Geschäftspartner einschüchtern. Was furchtbar schief geht und weitere katastrophale Folgen hat. Batic und Leitmayr ermitteln ordentlicher, rationaler als ihr Gast Faber, der nicht aufgeben will. Letztlich sind sie auch hier vor allem Zeugen.

Gerade weil diese Doppelfolge viele Routinen des Sonntagskrimis ignoriert, hat der Zuschauer den Gewinn. Besser hätte man das Tatort-Jubiläum kaum feiern können.

Im letzten Münster-Tatort kämpft Karl-Friedrich Boerne ums Überleben. In der Folge „Limbus“ tritt er - wie auch Kommissar Thiel - zudem als Geist auf.

Rubriklistenbild: © WDR/Frank Dicks

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