Tanzabend „Kirina“ von Serge Aimé Coulibaly bei der Ruhrtriennale

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Die Initiative ergreifen im Aufstand gegen den Tyrannen: Szene aus „Kirina“ bei der Ruhrtriennale in Gladbeck.

GLADBECK - Abgelegte Kleidung ist das Treibgut, das auf der Reise des Lebens den Besitzer wechselt. In „Kirina“, dem Tanzabend des Choreografen Serge Aimé Coulibaly, erheben sich Türme aus rotem und schwarzem Stoff, verteilt über die ganze weite Halle. Ein Turm wird eingerissen. Jacken und Hosen dienen als Wurfgeschosse oder flattern hinter einem Tänzer her wie eine Fahne bei der Siegesrunde. Die Tänzer von Coulibalys Faso Danse Théatre ziehen weite Kreise, rennen und springen, sind stets in Bewegung.

„Kirina“ bei der Ruhrtriennale auf Zeche Zweckel in Gladbeck, geht aus von einer geschichtlichen Erzählung aus Westafrika. In der Schlacht von Kirina besiegte im 13. Jahrhundert der Held Suniata einen tyrannischen Herrscher und errichtete eine bessere Herrschaft. Das Leitmotiv der Bewegung denkt aber auch indirekt die große afrikanische Erzählung der Jetztzeit mit: die Flucht.

Afrikanischer Tanz und Tanztheater ergeben eine eingängige, geradlinige, oft akrobatische Mischung mit raumerobernden Sprüngen. Die malische Sängerin Rokia Traoré hat die Musik entworfen, eine ebenfalls eingängige Fusion von afrikanischer Melodik und Rhythmik, die auf geradlinigen bluesigen Rock trifft. Der Rhythmus marschiert stets weiter. Die Sängerinnen Naba Aminata Traoré und Marie Virginie Dembele wandern mit dem Tanzensemble. Tanz und Musizieren sind eins, ein Erlebnis der Gruppe. Was der Einzelne tut, bezieht sich auf die anderen wie ein Faden in einem vielfarbigen Knäuel. In diesem Punkt ist es ein sehr afrikanischer Tanzabend. Die Szenen funktionieren oft nach dem Prinzip Call and Response. Einer tut etwas, die anderen nehmen es auf, beziehen sich auf ihn. Auch in den aggressiveren Szenen mit wütenden Drehsprüngen und Tritten zieht die Gruppe den Einzelnen immer wieder an sich.

„Kirina“ ist politisches Tanztheater in mythischer Verkleidung. Es erzählt eine Heldengeschichte und sucht anhand der Stationen der Heldenreise Erfahrungen aufzurufen, die allen Menschen gemein sind. Aber hier erzählt einmal nicht der dominierende Westen: Hier spricht Afrika. Es geht um Selbstermächtigung, eine eigene Stimme; insofern ist es politisches Tanztheater.

Nur ganz lose tauchen Ideen aus der Geschichte des Helden von Kirina auf: eine Initiation, ein Abschied, ein Zweikampf. Aber eine Handlung gibt es eigentlich nicht, im Vordergrund steht die Bewegung der Gruppe. Schrecken und Gewalt – es wird gekämpft und geschrien, ein Mann fletscht die Zähne und grimassiert wie ein Totendämon über den gefallenen Körpern – werden mythisch verschleiert. Statisten ziehen eine zweite Ebene ein. Sie wandern hinten durch die Halle wie eine Idee von Vorbestimmung. Für den finalen Kampf kommen sie dazu, bilden eine Masse vielfältiger Körper.

Coulibaly, der aus Burkina Faso stammt und in seiner Tanztheater-Arbeit westliches Theater neben afrikanische Tradition stellt, will hier eben bewusst keine afrikanische Geschichte erzählen. Im Hintergrund der Halle werden im Rund, wie durch einen Filmprojektor, Bilder von Reise und Flucht, vom Warten gezeigt. Dort sind weiße Menschen zu sehen. Am Ende zeigt die Projektion eine rote Sonne hinter Wolken. Sie wird kleiner und verschwindet in einem Haufen Sternfunken. Schöner kann Coulibaly seinen Anspruch, eine universelle Geschichte zu erzählen, kaum unterstreichen.

21., 22.8., www.ruhrtriennale.de

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