Sylvain Prudhommes Roman „Legenden“

Sylvain PrudhommeSchriftstellerFoto: Unionsverlag

Eine schöne Beschreibung ist Sylvain Prudhomme eingefallen, als er dem Glück einer Gesellschaft nachspürt, die ausgiebig und immer wieder gefeiert hat. Wo? In dem Nachtlokal Chu nahe der Camargue in Südfrankreich. Wann? In den ausgelassenen 60er Jahren, den rebellischen 70ern, den 80ern, 90ern... Es ist eigentlich universell, wenn der französische Schriftsteller (40) schreibt, dass die Magie des Feierns mit der Unschuld verbunden ist, die Dinge der Welt zu verdrängen. Gehuldigt wird dem Moment, dabei zu sein, aus welchem Grund auch immer, mit wem auch immer. Aus der Rückschau ist diese Energie, zu feiern, eine „Art Mythos“, dem sich Prudhomme in seinem Roman „Legenden“ widmet.

Prudhomme lässt zwei Freunde, seine Romanfiguren, recherchieren. Nel, ein Franzose, der Fotograf geworden ist, und Matt, ein Brite, der der Liebe wegen in Frankreich lebt und einen Film machen will. Über das Nachtlokal? Oder über Nels Cousins, die mit ihrer Rivalität und ihrem starken Ego sonderbare Fixsterne einer Zeit der Lebens- und Identitätssuche waren. Es knistert, wenn von Fabien und Christian die Rede ist. Wie ihre Familie auf Madagaskar wohnte, Insekten aufspürte, bestimmte und auf Stecknadeln gespießt zu Forschern und auch Freunden schickte. Diese Exotik erfrischte Nels Alltag in der Crau, wo sein Großvater und Vater schon Schafe züchteten und auch auf ihn dieses Erbe zukommt.

Prudhomme spreizt den Erzählstoff in die französische Geschichte, zu den Wunden des Algerienkriegs. Er berührt das Selbstverständnis der Grande Nation, die Welt forschend zu erklären, zu bereichern. Und er sucht in der Genealogie einer Familie, wie der Zauber geweckt wird, wenn aus Verwandschaft tatsächlich Zugehörigkeit wird. Dies gelingt ihm, wenn Tante Josette erzählt und ein Tagebuch über Fabien sagt: „Ich schwöre, mein Leben lang elegant und frei zu sein.“ Fabien macht Abitur, wird Steward bei der Lufthansa in Frankfurt und lernt seinen Etienne in New York kennen. Als zum Ende ihre Aids-Schicksale angeschnitten werden, ohne die Immunschwäche zu benennen, wird ein Verlust nachgezeichnet, der einen berührt. Beide tragen in der Erinnerung Merkmale, die sie außerordentlich machen. Oder müssen sie dieses erstaunliche Profil bekommen, um durch ihre Gegenwart auch Nels und Matts Dasein aufzuladen? Es geht um Bedeutung, wer sie braucht, macht und wieder hoch leben lässt.

Christian war im Gegensatz zu Fabien dünnhäutig, weiß Tante Josette, er scheiterte nach den freien Jahren in Madagaskar am französischen Bildungssystem, wurde kriminell, nahm Drogen und fordert jeden heraus. Er kehrte zusammen mit seinem Vater Frankreich den Rücken. Indonesien, Argentinien, Kolumbien wurden ihre Ziele. Wieder Insekten, auch Drogen. Ihr unkonventionelles Leben tat allen gut, die in der Heimat davon erfuhren.

Sylvain Prudhommes Sprache gibt der Erinnerung eine vitale Kraft, nichts ist abgeschlossen und einsortiert. Aussprüche, Dialoge, Einschätzungen, ja Begegnungen von damals lässt der Schriftsteller als Erscheinungen zu, die empfindsam vermitteln, wie wichtig es ist, die eigene Legendenbildung zu steuern. Im Nachgang zu den Zeitläuften formiert sich vor allem bei Nel ein Selbstverständnis, als Mensch aus einer Schäferregion zu kommen und mit seiner Kamera genau diese Lebensform überall auf der Welt zu fotografieren. Seine Demut gegenüber den Vorfahren ist spürbar. Ein Anachronismus in unserer Zeit, der mit einer Naturliebe einhergeht, die heute wieder ihren Reiz entwickelt.

Über die beispielgebende Geschichte „Legenden“ stößt Prudhomme die Frage an, warum wir uns erinnern müssen, um unser Leben mit gewissen Herleitungen zu verstehen. Ein Prozess, der so befreiend sein kann wie das Feiern an sich. Als sich Nel und Matt noch einmal im Nachtlokal am Pinienwald treffen, beide haben Familie und Kinder, drehen sie die Whiskyflasche auf wie früher. Der Verschluss wird mit einer Hand zerdrückt, damit die Feiernden wissen, die beiden machen keine halben Sachen.

Sylvain Prudhomme: Legenden. Roman. Aus den Französischen von Claudia Kalscheuer. Unionsverlag, Zürich. 246 S., 22 Euro

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