Svenja Viola Bungartens Stück „Bonn ist eine Stadt im Meer“ in Münster

Auf fremdem Gelände: Ulrike Knobloch und Mirco Reseg in dem Stück „Bonn ist eine Stadt im Meer“. Foto: Miotk/BEsuch

Münster – Sandra Bezler marschiert als uniformierte Fregattenkapitänin mit staksigen Schritten über die Bühne. Sie fuchtelt mit ihren um Stäbe verlängerten Armen herum. Sie knurrt mit Seebären-Inbrunst ihren Bericht, wie sie auf das Flüchtlingsboot traf. Die Details von Blut, Scheiße und Schweiß untergraben die surreale Komik des Arrangements.

Am Theater Münster inszeniert Simone Blattner die Uraufführung der Groteske „Bonn ist eine Stadt im Meer“. Die junge Autorin Svenja Viola Bungarten, geboren 1992, bricht darin die Migrationsproblematik auf die Begegnung eines europäischen Paars mit einem afrikanischen herunter. Die Einheimischen klauen den Touristen Auto samt Papieren und Kleidung. Wie kommen Uwe und Vero zurück nach Bonn-Beuel, wenn die Botschaft feiertags geschlossen ist? Und was machen Ulvi und Vega mit den neuen Identitäten, wo sie sich doch mit Sprache und Gewohnheiten der Europäer so gar nicht auskennen? Angesichts der Realitäten im Mittelmeer wundert kaum, dass Bungarten ihr Stück, ganz gegen die Konventionen der Komödie, in der Katastrophe enden lässt.

Die Inszenierung setzt auf grelle Farben und Töne. Auf einem stilisierten Boot (Bühnenbild: Martin Miotk) mit angeflanschten Stühlen, einigen Klappen und vielen Schrägen zum dekorativen Rutschen taumelt das deutsche Paar (Ulrike Knobloch und Mirco Reseg) in Fat-Suits durch die Handlung, unbeholfene Tölpel in einem fremden Biotop. Die Wüstenbewohner (Lea Ostrovsky und Paul Maximilian Schulze) kommen in seltsam eckigen Kostümen daher, die sie in wandelnde Blätter aus dem Reiseprospekt verwandeln (Kostüme: Andy Besuch). Die Inszenierung zeigt, wie die Touristen die Menschen in der Fremde wahrnehmen: als Projektionen ihrer durch Reklame befeuerten Fantasien. Statisten laufen mal als Flugzeug-Crew herum, mal als grellbunte Industriesnacks, von Bifi bis Snickers.

Die Darsteller machen ihre Sache glänzend. Nicht nur Szene und Ausstaffierung verlangen ihnen einiges ab. Die „Fremden“ sprechen in einem Kunstjargon, der erst durch Übertitel verständlich wird – deutsch, aber rückwärts. Und wie Knobloch und Reseg über die Bühne kullern, das grenzt an Akrobatik. Aber so richtig komisch wird diese Groteske eigentlich nie, obwohl sich die aufgekratzte Inszenierung so ins Zeug legt. Es ist ja nicht komisch, in der Fremde zu stranden ohne Aussicht auf Hilfe. Da nutzt es auch nicht viel, wenn man das deutsche Konsulat mit einem weiblichen, stark alkoholisierten Jesus besetzt (Sandra Bezler). Oder wenn Rinke im Krabbenkostüm spielt.

Die Momente, in denen der Abend den Zuschauern am nächsten kommt, sind die, in denen das Stück die Groteske verlässt und die Schrecken der Migration beschreibt. Wenn Christoph Rinke als Küstenwächter erzählt, dass er auf Flüchtlinge schießen sollte, unter denen seine Frau war. Oder wenn Bezler als Kapitänin vom Kentern des Flüchtlingsboots berichtet. Der Rollentausch aber, der den Kern des Stückes bildet, funktioniert nicht. Da fehlt am Anfang die Motivation und später der Erkenntnisgewinn.

25., 27.9., 5., 11., 19., 24.10., 6.11., 11., 28.12.,

Tel. 0251/ 5909 100, www. theater-muenster.com

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