Surrealisten Jan und Eva Svankmajer stellen im Dresdner Lipsiusbau aus

Blick in die Ausstellung „Move little hands... ,Move!’“ in der Kunsthalle im Lipsiusbau in Dresden. Foto: SKD, Pinzer

Dresden – Die Ordnungsprinzipien unseres Lebens werden auf eine bizarre Probe gestellt. Es sind zwei Surrealisten im Dresdener Lipsiusbau, die sich so konsequent einer Anormalität und Phantastik verschrieben haben, das einem selbst bei der Präsentation ihrer Kunst das Gefühl vermittelt wird, etwas Unerklärbares gesehen zu haben. Die Ausstellung „Move little hands... ,Move!’“ ist ein Abenteuer, das schaudert und erstaunt.

Dabei setzten Jan & Eva Svankmajer, gelernte Puppenbauer, viele Funkstücke unserer Welt nur neu zusammen. Auf einem knochigen Schweineschädel ist die Jagdtrophäe eines Rehbocks gesetzt. Darüber klemmt ein Schneckengehäuse. Verbunden wird dieses abstruse Konstrukt mit einem entsprechend gleichen Gebilde durch einen Birkenstamm, dessen knorrige Astverwachsung wie ein Buckel des phantastischen Tierwesens wirkt. Zahlreiche Vitrinen mit solch morbiden Skelettfiguren sind zu sehen und erinnern an Wunderkammern und Raritätenkabinette.

Marion Ackermann, die Generaldirektorin der sächsischen Kunstsammlungen, hatte die Ausstellung kurzfristig übernommen. Kurator ist Jiri Fajt, der ehemalige Direktor der Tschechischen Nationalgalerie in Prag. Fajt war vom Kultusminister aus dem „Amt gejagt“ worden, berichtete der Mitteldeutsche Rundfunk. Die Übernahme stützt nun Fajts Arbeit und den künstlerischen Stellenwert der Surrealisten, die schon in sozialistischen Zeiten künstlerisch auf die CSSR-Diktatur reagiert hatten. Jan Svankmajer (85) inspirierte mit seinen Kurzfilmen, oft in Stop-Motion-Technik gedreht, Filmemacher wie Tim Burton („Sweeney Todd“, „Mars Attacks!“) und Terry Gilliam („12 Monkeys“). Beide werden für ihre Filmbildwelten in Hollywood gefeiert.

In Dresden sind allein 17 Filme des Künstlerpaares Svankmajer zu sehen – ein ganz eigenes Kapitel der retrospektiven Schau. „Der Tod des Stalinismus in Böhmen“ (1991) bebildert die Unterdrückung der Tschechen durch die UdSSR und thematisiert in sarkastischen Szenen, wie korrumpierte Politiker die Macht an sich gerissen hatten. In den derben Szenen knarzt schwarzer Humor. Jan Svankmajer gehört zur surrealen Bewegung in Prag. Von 1973 bis 1980 erhielt er Berufsverbot. Seine Filme konnten nur im Ausland aufgeführt werden.

In dem Film „Food“ (1992) sind zwei Männer in einem Restaurant zu sehen. Der Kellner ignoriert sie. Langsam beginnen beide mit Messer und Gabel, ihre Hosen, Pullover und Sakkos zu verspeisen, dann kommen Teller und Mobilar dran, bevor der Ältere über den Jüngern herfällt. Konsequent zeigt Svankmajer das Zerstörerische, dass letztlich ohne Skrupel vernichtet, was zu vernichten da ist. Mit Knete und Stop-Motion werden die Fressszenen auch amüsante Puppenspiele. Letztlich überfordert jeder Svankmajer-Film, weil Unvorstellbares sichtbar wird. Selbst in einem Film über Fußball wird das Spiel zu einer brachialen Nabelschau des biertrinkenden Fan, der über seine Konsumgier alle Tabus vergisst.

Von Eva Svankmajer (1940–2005) sind Aquarelle und Gemälde zu sehen – Objektkunst (zum Berühren), Fabelwesen und Marionetten. Am Ende seiner zehn Gebote schreibt Jan Svankmajer: „Stelle dein Werk nie in andere Dienste als jene der Freiheit.“

Bis 8. 3.; täglich 10 bis 18 Uhr; Tel. 0351/4914 2000; www.skd.museum

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