Für Geld und neue Eindrücke

Das Suermondt-Ludwig-Museum Aachen zeigt „Dürer war hier“

Portrait of Catherine, the Mulatta of the Portuguese Bradao, 1521 (engraving)
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Ein einfühlsames Psychogramm schuf Dürer 1521 von Katharina, der Dienerin des portugiesischen Diplomaten Brandao. Es ist das früheste Porträt einer Afrikanerin in der Kunstgeschichte.

Aachen – 20 Jahre alt ist Katharina 1521, als Albrecht Dürer sie in Antwerpen porträtiert. Sie ist die Dienerin von João Brandão, dem Faktor der portugiesischen Handelsvertretung in der flämischen Handelsmetropole. Es ist das früheste bekannte Porträt einer schwarzen Frau in der Kunstgeschichte. In seiner feinen Silberstift-Zeichnung geht der Künstler respektvoll mit seinem Modell um, er nimmt sein Modell ernst, zeigt ihren verlegen gesenkten Blick, ihre Unsicherheit. Dürer zeichnete viel auf seiner Reise in die Niederlande. Mit Porträts für zahlungskräftige Kunden besserte er seine Reisekasse auf. Das Bildnis Katharinas aber behielt er als Andenken.

Zu sehen ist das Blatt in der großartigen Ausstellung „Dürer war hier“ im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen. Die Schau erzählt die Geschichte einer Reise, die der Künstler 1520 unternahm. Der Anlass war materieller Natur. Der deutsche Kaiser Maximilian I. hatte Dürer eine jährliche Leibrente von 100 Gulden ausgesetzt. Er zahlte aber nicht selbst, sondern überließ das der Heimatstadt des Künstlers. Nach dem Tod des Herrschers aber stellte Nürnberg die Zahlung ein. Was sich der selbstbewusste Maler nicht gefallen ließ. Von 100 Gulden konnte man damals ein Jahr lang gut leben. Dürer reiste in die Niederlande, um Maximilans Enkel und Nachfolger Karl V. zur Verlängerung der Leibrente zu bewegen. Was auch gelang.

Aber die einjährige Reise war mehr: Ein Triumphzug des berühmten Malers in Kunstmetropolen wie Antwerpen, wo er sich mit Kollegen traf und netzwerkte. Eine Bildungsreise, auf der er Kunstwerke betrachtete wie den Genter Altar der Brüder van Eyck, aber auch den Goldschatz Moctezumas, der als koloniale Beute in Brüssel ausgestellt war und Dürer tief beeindruckte. Ein wenig Wellness gehörte auch dazu, in Aachen besuchte er die Thermalquellen und vergnügte sich mit Würfeln und Kartenspiel. Und immerzu suchte er Motive, zeichnete in seinem einzigartigen Tagebuch, Landschaften, Frauen in Trachten, Porträts. Er notierte Ehrungen, Geschenke, Ausgaben.

Mit gut 190 Exponaten zeichnet die Schau die Reise des Künstlers nach, der auf der Höhe seines Ruhms stand. 90 Werke stammen von Dürer selbst, allerdings findet man nur fünf Gemälde von ihm. Doch was heißt hier „nur“, wenn man doch das faszinierende Ensemble großformatiger Porträtzeichnungen studieren kann. Man vergleiche doch die Kohlezeichnung, die der Meister von einem bärtigen Mann, vermutlich João Brandão, schuf, mit den daneben hängenden gemalten Porträts anonymer niederländischer Maler. Das Handwerk beherrschten die wohl auch, man erkennt den Dargestellten. Aber wie plastisch, wie physisch greifbar wirkt Dürers Arbeit! Er versteht es eben, die Menschen in seinen Zeichnungen lebendig wirken zu lassen. Da trifft er den nachdenklichen Blick des Mannes auf dem Blatt aus dem Louvre ebenso wie das beherzte Selbstbewusstsein des lockigen jungen Mannes auf dem Porträt aus dem British Museum. Der junge Mann, vermutlich Jacob Rehlinger (wiederum aus dem Louvre), erscheint uns als ein wenig hochmütig. Dagegen schlägt die Nonne, die Dürer unterwegs in Köln zeichnete, verschämt die Augen nieder. Alle diese relativ großen Zeichnungen sind abgeschlossene, vollendete Kunstwerke, in keiner Weise als Skizzen gemeint. Und in ihnen findet man die große Meisterschaft des Künstlers. Das gilt auch für die Blätter, die er anderen Themen widmete. Und Dürer war ein unermüdlicher Augenmensch. So hielt er mit schnellen Federstrichen immer wieder Orte fest, die er passierte, zum Beispiel den Hafen von Antwerpen beim Scheldetor. Er war fasziniert von Mode, was sich in herrlichen Blättern wie dem von der jungen Frau in niederländischer Tracht niederschlägt, wo er mit Grisailletechnik virtuos mit dem Licht spielt. Und er liebt Tiere, zeichnet einen liegenden Hund und den Kopf eines Walrosses. Dabei hat er das Tier vermutlich nicht lebendig gesehen, sondern nur ein heute verschollenes Gemälde in Straßburg.

Unter den Gemälden Dürers ist immerhin der „Hieronymus im Studierzimmer“, den der Künstler einem Freund in der portugiesischen Handelsniederlassung in Antwerpen schenkte. Hier interpretierte Dürer das Bild des Heiligen neu, ließ bis dahin obligatorische Attribute wie den Löwen und den flachen Kardinalshut weg. Er fokussierte sich auf den Buchmenschen und den Mystiker, der mit einem Fingerzeig auf einen Schädel die Vergänglichkeit unterstreicht. Das Bild wurde berühmt, in der Ausstellung findet man mehrere weitere Fassungen des Themas von niederländischen Meistern wie Joos van Cleve und Marinus van Reymerswale. Auch die gemalten Porträts Dürers werden in einen Dialog mit Werken seiner Zeitgenossen gebracht wie Michael Sittow, Jan Gossart, Lucas van Leyden, Quinten Massys.

Das Kuratorenteam um den Aachener Museumsdirektor Peter van den Brink hat die Schau, eine Koproduktion mit der National Gallery London, in drei Kapitel gegliedert. Das erste behandelt den Anlass der Reise und ihren Verlauf. Hier findet man nicht nur Dokumente wie an die Stadt Nürnberg, in dem Karl V. Dürers Privileg bestätigt. Hier sind auch zeitgenössische Karten zu sehen und Kunstwerke wie das „Schützenfest“ (1493) des Meisters von Frankfurt, die einen Eindruck der damaligen niederländischen Kultur vermitteln. Außerdem spiegeln belgische Historiengemälde des 19. Jahrhunderts den Nachruhm Dürers. Wie der Nürnberger Künstler die Antwerpener Liebfrauenprozession anschaut oder den Genter Altar besichtigt, das wird als Gegenstand monumentaler Historiengemälde angesehen.

Dem Kernkapitel um Dürers Kunst auf der Reise folgt ein Abschnitt, der nachzeichnet, wie einflussreich seine Ideen und Kompositionen wurden. Besonders seine Druckgrafik war weit verbreitet und wurde in Skulpturen und Gemälden aufgegriffen. So kam aus dem Nationalmuseum Warschau Joos van Cleves Reinhold-Altar, in dem Motive aus Dürers Passions-Zyklen wie das „Ecce Homo“ und „Christus am Ölberg“ übernommen wurden. Und die Kreuzigungskomposition des „Großen Kalvarienbergs“ hallte nach in Gemälden unter anderem von Jan Brueghel d.Ä., aber auch in dem geschnitzten Relief eines deutschen Schnitzers.

Bis 24.10., di – so 10 – 18, do bis 20 Uhr. Tel. 0241/432 4998,

www. suermondt-ludwig-museum.de

Der monumentale Katalog kostet im Museum 39 Euro,

Michael Imhof Verlag, Petersberg

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