Das Stück „Konstellationen“ thematisiert Frau und Mann in Dortmund

Miteinander: Louisa Stroux und Frank Genser im Studio des Theater Dortmund. Foto: hupfeld

Dortmund – Sie fragt ihn, ob er weiß, warum man nicht die Spitzen seiner Ellbogen lecken kann. Und er sagt, dass er in einer Beziehung lebt. Die Szene gleich noch einmal. Und noch einmal. Und noch einmal. Mal führt die Frage zu einer trotzigen Abfuhr, weil er sich blöd angemacht fühlt. Dann gerät das Paar wieder in eine angeregte Plauderei.

In „Konstellationen“ macht der britische Dramatiker Nick Payne aus einer Theorie der Quantenmechanik eine Art experimentelles Boulevardtheater. Dabei geht es darum, dass grundsätzlich zwei Zustände eines Elementarteilchens gleichzeitig denkbar sind. Ja oder nein – für den Physiker unentscheidbar. Praktischerweise ist Marianne, die Frau dieses Abends, Quantenphysikerin. Später wird sie das Publikum ansprechen und ein wenig zu dieser Theorie sagen. Roland ist Imker, und Marianne findet Honig „geil“, zumindest in einer weiteren Version des Anbahnungsgesprächs.

Péter Sanyó inszeniert das Stück im Studio des Theaters Dortmund als kleinteiliges Mosaik aus kurzen Szenen, die schnell aufeinander folgen, getrennt nur durch ein kurzes Kratzgeräusch, als würde ein Tonband zurückgespult. Die Beziehung zwischen Roland und Marianne entwickelt sich nicht linear, sondern wird an immer neuen Entscheidungspunkten aufgefächert. Das hat seinen eigenen Witz, wenn Marianne im einen Moment von ihrem Seitensprung geradezu trotzig erzählt und Roland ziemlich direkt rausschmeißt. Im nächsten Moment tragen sie denselben Text ganz anders vor, da ist sie unsicher und schuldbewusst und man weiß gar nicht, ob sie die Trennung wirklich will.

Diese szenische Relativitätstheorie ist ziemlich künstlich und könnte so schnell ins Mechanische abrutschen. Darum hat Payne noch eine existenzielle Ebene eingezogen: Marianne, das erfährt man in eingeschobenen Szenen, leidet an einem Hirntumor, der ihr Sprechvermögen beeinträchtigt und zu ihrem baldigen Tod führt. Vielleicht, in einer der vielen Versionen ist es gutartig, darf sie auf schnelle Heilung hoffen. Auch diese tragische Ebene bleibt so in gewisser Weise unverbindlich.

Doch diese Brüche im Stück lassen Louisa Stroux und Frank Genser mit einer Power-Vorstellung vergessen. Sie werfen sich in emotionale Wechselbäder der schnellen Szenen, die auf eine Situation die nächste, emotional komplett entgegengesetzte setzen. Mal zärtliche Zweisamkeit, dann wieder schroffe Ablehnung. Mal aggressiver Streit, dann innige Fürsorge. Und das Wechselspiel wird selbstreflexiv gebrochen, wenn Stroux direkt das Publikum anspricht. Schließlich läuft Genser im Bienenkostüm ein und macht ihr einen Heiratsantrag, gesungen, und spätestens da bleibt kein Auge trocken. Gut anderthalb Stunden lang wird so zwar nicht erzählt, dass man fest wüsste, was nun aus den beiden wird. Aber man wird durch das furiose Spiel bestens unterhalten.

9., 21., 29.2., 4., 19.3., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

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