Städtische Galerie Paderborn zeigt „Kunst nach 1945“

Aufräumen im Bild: Emil Schumachers „Stadtgefüge“ (1954) ist in Paderborn zu sehen. Foto: : Museum

Paderborn – Das Trauma des Kriegs verarbeitete Emil Schumacher 1946 im Farbholzschnitt „Bombenangriff auf eine Stadt“: Tote, Trauernde, eine in Panik ausgestreckte Hand, lohende rote Flammen und schwarze Häuser, deren Fassaden brüchig erscheinen. Der Künstler hat das recht realistisch festgehalten. Acht Jahre später malte er das großformatige „Stadtgefüge“. Die Farben haben sich hier beruhigt, auch wenn die Palette viel breiter wurde. Dass hier Häuser gezeigt werden, ahnt man mehr, als dass man es sähe.

Um solche Übergänge geht es in der Ausstellung „Kunst nach 1945“ in der Städtischen Galerie in der Reithalle Schloss Neuhaus. Das Paderborner Institut zeigt rund 55 Werke der Nachkriegszeit. Museumsleiterin Andrea Brockmann will die schwierige Konstellation zwischen Neuanfang und Kontinuität am Anfang des deutschen Wirtschaftswunders nachzeichnen. Dabei ist die Schau auf die Gruppe junger westen fokussiert, die 1947 in Recklinghausen gegründet wurde. Als Kurator fungiert Ferdinand Ullrich, langjähriger Leiter der Kunsthalle Recklinghausen, der dort vor zwei Jahren eine umfassende Übersicht gezeigt hatte.

In Paderborn hat man ein Konzentrat, auch zeitlich ist der Rahmen enger gefasst auf das erste Nachkriegsjahrzehnt. Aber auch dank Ullrichs guten Kontakten sind in Paderborn eine ganze Reihe zentraler Werke zu sehen. Jung waren die sechs Gründungsmitglieder des jungen westens nicht. Schumacher, Heinrich Siepmann, Thomas Grochowiak, Hans Werdehausen, Gustav Deppe und Ernst Hermanns waren zwischen 35 und 40 Jahre alt. Sie hatten ihre Ausbildung meistens noch vor 1933 absolviert, waren auf die eine oder andere Weise vom Bauhaus geprägt. Schumacher zum Beispiel durch die Freundschaft mit dem Bauhaus-Absolventen Heinrich Brocksieper. Künstler wie Willi Baumeister und Fritz Winter hatten am Bauhaus studiert. Sie konnten in der NS-Zeit nicht arbeiten, wenn sie nicht sowieso Malverbot hatten. Es gab allerdings Ausnahmen: Bernd Heiliger studierte ab 1938 bei Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker.

Die Abstraktion entwickelte sich nach 1945 zu einer Leitidee des „freien Westens“. Man sah darin den freien Ausdruck des Individuums, als Gegenprogramm zur gegenständlichen Propagandakunst in der Diktatur. Thomas Grochowiak (1914-2012), Maler und langjähriger Leiter der Kunsthalle Recklinghausen, deutete die Kunst der Gruppe sozusagen außerkünstlerisch: „… wir wollten eigentlich durch unsere Bilder Ordnung schaffen. Wir wollten zeigen, dass wir auf dem Wege sind, das Chaos und die Resignation zu überwinden.“

Diesen Vorgang kann man an den Werken verfolgen. Die Künstler räumten den Bildraum auf, orientierten sich an konstruktivistischen Prinzipien, wie sie das Bauhaus entwickelt hatte. Auch die Werke Schumachers, der später so wild und gestisch malte und sogar den Bildträger angriff, mit Hammerschlägen in Holztafeln, er malte in dieser Anfangszeit bemerkenswert strukturiert. „Lavaloh“ (1955) beruht auf einer Art rötlichem Gitter, das ohne geometrische Strenge, aber mit der Klarheit von Schriftzeichen die Fläche definiert. Gustav Deppe malt die Industrielandschaft des Ruhrgebiets. Überlandleitungen, Transformatoren, Hochöfen werden bei ihm zu filigranen Linienmustern auf meist dunklem Grund. Heinrich Siepmann abstrahiert die Industrieansicht in „Stahl und Eisen, Komposition I“ (1953) so, dass aus Streben, Kran und Haken ein Puzzle aus Dreiecken, Vierecken, Kreisen entsteht. Das Bild „Scherzo Grazioso“ (1948) von Thomas Grochowiak lässt organische Gebilde der Kandinsky-Nachfolge eine Art Farbtanz ausführen. Auch die gegossenen Kunststein-Skulpturen von Ernst Hermanns greifen Naturformen wie den Akt auf („Wachsend“, 1951). Diese Kunst gab ihren Betrachtern Halt. Nicht alle Bilder folgten diesem Ansatz. Vor den dynamischen Kompositionen eines K. O. Götz kann einem schwindlig werden. Und Bernard Schultze ätzt in seinen kleinteiligen abstrakten Bildern die Strukturen weg.

Wie ein Pendant dazu wirkt die Ausstellung „Aufbruch 1919“ im gegenüberliegenden Kunstmuseum Paderborn. Roland Knirr hat hier, ausgehend von Sammlungsbeständen des Hauses, zwei Künstlergruppen der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg dokumentiert, die Dresdner Sezession und die Novembergruppe Berlin. In der Schau findet man Werke bedeutender Meister der klassischen Moderne wie Otto Dix, George Grosz, Wassily Kandinsky, Conrad Felixmüller, Peter August Böckstiegel. Beide Gruppen prägte ein starker gesellschaftskritischer Impuls. Spannend sind dabei die Werke eher unbekannter Künstler wie Heinrich Ehmsens expressive Szenen aus der Novemberrevolution, Fritz Stuckenbergs von Kandinsky inspirierte Abstraktionen, Christoph Volls kirchenkritische Grafikblätter, Max Busyns lyrisch-traumtänzerisch aquarellierte Milieustudien.

Kunst nach 1945, bis 5.1.2020, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05251 / 881 076, www.paderborn.de/galeriereithalle, Katalog 10 Euro

Aufbruch 1919, bis 26.1.2020, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05251/ 881 052, www.paderborn.de/kunstmuseum, Katalog 15 Euro

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