Die Städtische Galerie Iserlohn zeigt Bilder des Magnum-Fotografen Matt Stuart

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Gleichschritt zwischen Mensch und Vogel: Stuarts Bild entstand 2004 am Trafalgar Square.

ISERLOHN - Die Sonne stand tief in der Oxford Street in London. Die Leute schützten sich mit einer typischen Geste vor Blendung. Matt Stuart fing diese Bewegung auf seinem Foto von 2004 ein, und es sieht fast aus wie ein Tanz, weil die Frau in der knallroten Jacke und der Mann im Hintergrund sich synchron bewegen.

Solche Choreografien des Alltags sind eine Spezialität des britischen Fotografen. Matt Stuart ist ein Vertreter der Street Photography, der Straßenfotografie. Mit seiner Kamera streift er durch London und findet Motive, die er zu sprechenden Aufnahmen verdichtet. Die Städtische Galerie Iserlohn zeigt in Zusammenarbeit mit dem Stadt museum Schleswig die erste umfassende Ausstellung Stuarts. Unter dem Titel „Alles, was das Leben zu bieten hat“ sind rund 100 Fotos mit Alltagsszenen zu sehen. Viele sind witzig, manche tief ernst. So fotografierte er einen Obdachlosen, der unter einem Karton schlief. Der Schatten eines Verkehrsschilds wirft ein Kreuz auf den Karton. Und der Schnappschuss wird zum weltlichen Passionsbild.

Der 1974 in Harrow geborene Fotograf erlebte seinen Durchbruch 2012, als der englische Verlag Thames & Hudson einen Sammelband zur Street Photography herausgab. Das Titelbild war eine Aufnahme Stuarts, jene Taube, die offensichtlich im Gleichschritt mit den Passanten marschierte. Auch das eine dieser visuellen Zufallschoreografien, wie sie der Fotograf immer wieder aufspürt. Damit wurde er eine feste Größe der internationalen Fotoszene, seit 2016 ist er Mitglied der Agentur Magnum.

Vielen Menschen würden die Kleinigkeiten gar nicht auffallen, aus denen Stuart feine Bildpointen zaubert. Wie bei dem Mann, der ebenfalls in der tiefstehenden Sonne sitzt. Sie verzerrt seinen Schatten, macht seine Nase lang wie bei Pinocchio. Ein anderer Mann sitzt am Straßenrand, auf den Bauteilen einer Absperrung, und ihn umwehen Seifenblasen. Stuart löste aus, als gerade eine Seifenblase genau vor dem Auge des Mannes stand. Manches erscheint auch zu unscheinbar für ein Foto, wie das rotbraune Blatt auf dem Bürgersteig. Stuart nahm es auf – und der Betrachter sieht nun einen lächelnden Mund.

Stuart fotografierte bis vor kurzem noch analog, auf Film. Man erkennt einige grundlegende Bildideen, auf die er seinen Blick trainiert hat. Dazu gehören die eingangs erwähnten Choreografien, der Blick auf eine Menschenmenge oder Gruppe, die im Bildausschnitt unvermittelt eine Ordnung, eine Gemeinsamkeit erkennen lässt. Wie bei den Passanten, die dicht gedrängt aus der U-Bahn-Station kommen. Einige von ihnen blicken skeptisch, vielleicht misstrauisch aus dem Bild. Sie sind auf der linken Bildseite. Die auf der rechten Seite blicken irgendwie ins Leere, als wären sie eingekapselt in einer unsichtbaren Blase. Am auffälligsten ist das bei dem jungen Mann im Bildzentrum.

Gerne zeigt er auch, wie Bilder im öffentlichen Raum, Werbung auf Plakaten, mit realen Menschen in Verbindung tritt. Da scheint der Zeigefinger eines riesigen Arms einen Wartenden in der Subway geradewegs an die Nase zu stupsen. Als hätte sich Michelangelo einen Scherz erlaubt und sein berühmtes Motiv in der Sixtinischen Kapelle persifliert. Oder eine Gruppe Frauen steht zusammen unter einem Schirm, genau vor einem Plakat mit einem nackten jungen Mann, der auf sie zu blicken scheint. Oder, eine Umkehrung des Prinzips: Man sieht einen Mann in seiner Aktentasche kramen, aus der ein Männermagazin mit einer Frau ragt. Es sieht aus, als wolle eine Zwergin aus der Tasche steigen. Oder der Afrobrite, der finster aus dem Schatten seiner Schirmkappe schaut, während auf seinem T-Shirt eine Maria den Blick inbrünstig nach oben wendet.

Manche seiner Bilder fangen einfach nur skurrile Situationen ein, wie bei der Dame in Mantel und knallrotem Turban, die in einer schäbigen Hausecke steht und Fast Food verzehrt. Sie wirft dem Fotografen einen bösen Blick zu, als fühlte sie sich ertappt. Herrlich auch das Bild mit dem Paar in der Oxford Street (2003): Sie hat die Bänder einer Einkaufstasche zwischen den Zähnen, als hätte sie sich in Beute verbissen. Er schaut ein wenig müde, ein wenig gequält. Eine ganze Erzählung in einem Foto.

Bis 10.2.2019, mi – fr 15 – 19, sa 11 – 15, so 11 – 17 Uhr,

Tel. 02371/ 217 1940,

www.iserlohn.de/kultur/ staedtische-galerie

Am Samstag, 18.30 Uhr, spricht Matt Stuart in der Ausstellung über seine Arbeit.

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