Spielzeitstart in Dortmund mit Schimmelpfennigs Stück „Das Reich der Tiere“

Machtkampf in der Steppe: Szene aus „Das Reich der Tiere“ in Dortmund mit Christian Freund, Alexandra Sinelnikova, Marlena Keil und Frank Genser (von links). Foto: Hupfeld

Dortmund – Sechs Jahre lang haben sie sich auf der Bühne abgerackert. Sie quetschten sich in entwürdigende Kostüme, um den Löwen, das Zebra, die Ginsterkatze, den Marabu im Musical „Das Reich der Tiere“ zu verkörpern. Nun wird die Show abgesetzt. Und die Schauspieler, die ratlosen Kreaturen, müssen sich neu orientieren: Was werden sie in Zukunft spielen? Vielleicht das Spiegelei oder das Toastbrot in einem neuen Stück?

Man kann den Spielzeitstart mit Roland Schimmelpfennigs Stück „Das Reich der Tiere“ natürlich auch auf die Situation am Schauspiel Dortmund beziehen. Auch dort neigt sich eine Ära dem Ende entgegen: Intendant Kay Voges verlässt das Haus nach zehn erfolgreichen Jahren. Um großartige Schauspieler wie Ekkehard Freye, Frank Genser, Christian Freund, Bettina Lieder, Marlena Keil, Alexandra Sinelnikowa muss man sich wohl keine Sorgen machen. Aber man sollte es noch genießen, sie sehen zu können, denn es ist nicht sicher, dass sie in Dortmund bleiben.

Aber Thorsten Bihegue inszeniert keine melancholische Nabelschau, sondern eine rasante Abrechnung mit einem Erfolgsformat. Musicalfans werden stutzen, wenn es auf der Bühne heißt, dass König im Reich der Tiere von jeher das Zebra gewesen sei. Auch sonst unterläuft die Produktion die Erwartungen des Musicalfans: Statt süffiger Melodien knallen harter Rock und brachialer Rap von der Bühne. Da spielen Marlena Keil und Christian Freund ihre Talente aus – live durchaus opulent begleitet von Serge Corteyn und Manuel Loos. Und der Zebra-Song „Zähm das Zebra nicht“ geht einem schon ein wenig auf die Nerven mit seiner Monotonie.

Bei allem Aufwand ist das Tiermusical schlicht gestrickt: Der Löwe fordert die Macht wegen seiner Stärke, obwohl das Zebra gut und gerecht herrschte. Da brennt die Steppe, die Tiere müssen fliehen, kommen an einen Fluss, in dem ein Krokodil lauert. Die Ausstattung (Bühne: Oliver Helf, Kostüme: Theresa Mielich) trifft ins Herz des Musicalbusiness: Pure Pracht, aber menschenfeindlich. Keil muss sich den Ginsterkatzenschwanz als Stola um den Hals legen, um überhaupt laufen zu können. Freund legt nach und nach den Löwenpelz ab – zu warm. Freye hat das Problem nicht, dafür sieht das Zebra-Kostüm aus wenig mehr als schwarzen Klebestreifen auf der Haut besonders dämlich aus, und es ist bewundernswert, mit welcher Würde er das trägt.

Überhaupt: Solche Tiere sieht man auf der Musicalbühne nicht. Frank Genser kann ja nicht nur den Monolog des Marabus zu einer existenziellen Selbstanalyse schärfen. Er verwandelt sich nur durch Gesten in einen Elefanten, und seine schweren Flügel sind dann Flatterohren, und wenn er von Mäusen spricht, bewegt er kurz die Hände, und das Publikum sieht die Nager flitzen. Hinreißend, wie Lieder als träge Schildkröte schweigt – und nur einmal kurz schnappt. Später singt sie Nat King Coles „Straighten Up And Fly Right“, einfach als Jazzeinlage in dem so antimusikalischen Musical. Wenn sie wollten, könnten sie...

Die Musicalszenen sind eingelagert in die Backstage-Dialoge, bei denen die verunsicherten Schauspieler über ihre Lage diskutieren. Sie arbeiten sich krank: Die Ginsterkatzendarstellerin hat einen entzündeten Zeh, die aufgeklebten Federn des Marabu reizen die Haut. Wenn die Band einsetzt, tanzt die Ginsterkatze nicht aus der Reihe. Aber Marlena Keil spielt das Humpeln, ihre Beschädigung, immer mit, kaum merklich, ein kleiner Stolperer im albernen Betrieb.

Das ist hoch unterhaltsam in seiner Boshaftigkeit, wenn Alexandra Sinelnikowa, die Antilope mit dem Federhut, anmerkt, dass sie zehn Monate weg war, weil sie ein Kind bekam, und keiner sagt etwas, fragt etwa, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist.

Der Löwendarsteller Peter will den Toast nur spielen, wenn Frankie nicht dabei ist. Der wanzt sich gerade an eine Regisseurin ran, die einen Theaterpreis gewonnen hat, einen Werbespot drehen will, das Eier-Stück inszenieren wird und ihm nun sagt, dass er einfach nicht gut genug war. Für Mitgefühl ist auch in dem Biotop Bühne kein Raum.

Das ist mit schnellen Schnitten und flippiger Musik, mit schwarzen Pointen und Seitenhieben auf den Betrieb gut gespielt. Die Hebebühne kommt am Ende auch noch zum Einsatz, wenn das Tiermusical ausgespielt hat und die Küchenzutaten die Szene übernehmen. Auch das hat dieses leichtfüßige Lehrstück mitzuteilen: Es geht immer noch schlimmer, und sei es im Spiegelei-Kostüm.

13., 18., 24., 27.10., 2., 9., 23.11., 4., 7., 11.12., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

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